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Nur noch ein Schritt bis zum Titel

Gelsenkirchen. Es gibt kaum ein Mitglied der BVB-Gemeinde, für den Borussia Dortmunds Meistertitel 2011 einen ähnlich bitteren Beigeschmack hatte wie für Sebastian Kehl. Als Kapitän des Fußball-Bundesligisten musste der 32-Jährige zusehen, wie seine Mannschaft die Liga überrollte. Er ackerte in Rehazentren an seinem lädierten Körper

Gelsenkirchen. Es gibt kaum ein Mitglied der BVB-Gemeinde, für den Borussia Dortmunds Meistertitel 2011 einen ähnlich bitteren Beigeschmack hatte wie für Sebastian Kehl. Als Kapitän des Fußball-Bundesligisten musste der 32-Jährige zusehen, wie seine Mannschaft die Liga überrollte. Er ackerte in Rehazentren an seinem lädierten Körper. Zweifel plagten ihn, es gab immer neue Rückschläge, nur zwei Spiele machte er im Vorjahr über 90 Minuten. "Gerade dass im letzten Jahr nach dem Derbysieg auf Schalke ohne das Trikot mit der Nummer Fünf gefeiert wurde, war sehr bitter", sagt Kehl.Beim 2:1 am Samstag in Gelsenkirchen konnte er sein Trikot wieder einmal in Szene setzen. Kehl hatte das Spiel sortiert, das Siegtor erzielt (63. Minute). Und als die Partie beendet war, war er der Erste, der in der Kurve mit den Fans feierte. Aus der Ferne sah er aus wie ein 20-Jähriger, der nie etwas Derartiges erlebt hat, dabei ist Kehl der Routinier unter den Feldspielern. Er hat etwas nachzuholen. "Kehli giert möglicherweise mehr nach dieser Meisterschaft als jeder andere, weil das letzte Jahr für ihn nicht so wahnsinnig glücklich gelaufen ist", sagt Trainer Jürgen Klopp.

Als der Mannschaftsbus mit den designierten Meistern am Abend in Dortmund eintraf, stieg Kehl als Erster aus und badete in der Euphorie, die nach den Siegen gegen die Bayern (1:0) und bei Schalke herrscht. Zwar stand zu dem Zeitpunkt noch nicht fest, dass München beim 0:0 gegen Mainz zwei Punkte liegen lassen würde. Doch das Tiefstapeln wich der Erkenntnis, dass die Titelverteidigung gelingen wird - bei nun acht Punkten Vorsprung.

Vielleicht macht Bremen die Borussia zum Meister. Sollte Werder am Samstag gegen die Bayern (15.30 Uhr) ein Remis gelingen, kann der BVB schon vor dem Anpfiff des Spiels gegen Borussia Mönchengladbach um 18.30 Uhr feiern. Andernfalls genügt ein Sieg. Kehl prophezeit: "Wir werden eine Feier machen, die ihresgleichen sucht." 2011 waren solche Sprüche von Jungspunden wie Neven Subotic oder Kevin Großkreutz zu hören. Jetzt ist es Kehl, der abfeiern will. Der Ex-Nationalspieler spielt seit 2002 in Dortmund. Er wurde im ersten Jahr Meister, erlebte dann die finstere Zeit der BVB-Finanzkrise - jetzt wird er es sein, der die Meisterschale am 5. Mai in Empfang nimmt. Ein Bild von größerer Symbolkraft für die Auferstehung der Borussia kann es nicht geben.



Kehl ist stolz auf diese gereifte Mannschaft, die inzwischen alle Stilformen beherrscht. Der BVB hat in dieser Saison tollen Kombinations-Fußball gespielt und hohe Siege herausgeschossen, gegen die Bayern am Mittwoch taktisch-strategisch brilliert, und bei Schalke Willenskraft gezeigt. "Wir haben heute fußballerisch nicht immer die richtige Lösung gefunden", sagt Kehl, es gab viele Fehlpässe auf beiden Seiten, und zwei "Sonntagsschüsse" (Klopp) von Jefferson Farfan (9.) und Lukasz Piszczek (17.) ins Tor. Aber am Ende "zwingen die Dortmunder das Quäntchen Glück ein bisschen mehr, als wir das tun", sagt Schalke-Trainer Huub Stevens. Eine treffende Analyse.

Drei Matchbälle hat der BVB jetzt. Ein Sieg aus den Spielen gegen Gladbach, in Kaiserslautern oder gegen Freiburg reicht in jedem Fall zur Titelverteidigung. Was soll da noch schief gehen? Und so räumt selbst Klopp, dessen Tiefstapelei schon groteske Formen angenommen hatte, ein, er habe "kein schlechtes Gefühl bei dem Gedanken Meisterschaft".

Gut möglich also, dass Dortmund ab Samstag wieder in einen Ausnahmezustand verfällt. Wie vor einem Jahr, als der BVB den Titel ebenfalls am drittletzten Spieltag klar machte. Manche Dortmunder werden dann eine gewisse Feierroutine entwickelt haben. Auf Sebastian Kehl trifft das aber ganz gewiss nicht zu. Daniel Theweleit