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Fußball-Nationalmannschaft
Ohne Sané – „Ist Deutschland verrückt?“

Eppan. Die Nichtnominierung des besten Nachwuchsspielers der englischen Premier League sorgt für Diskussionen.

Seinen Humor hat Leroy Sané nicht verloren. Als sein Teamkollege bei Manchester City, Kyle Walker, ein Bild veröffentlichte, auf dem er – überrascht und entsetzt – eine große Menge Wasser aus­spuckt und darunter schrieb „Wenn du herausfindest, dass Leroy Sané nicht zur WM fährt“, ließ die Antwort von Sané nicht lange auf sich warten: „Du hast Glück, dass du nicht gegen mich spielen musst.“

Wenig später äußerte sich der für die WM ausgebootete Jungstar auch über sein eigenes Instagram-Profil. „Klar bin ich enttäuscht darüber, dass ich nicht bei der WM dabei bin. Ich muss diese Entscheidung aber akzeptieren und werde alles dafür tun, noch stärker zurückzukommen“, teilte Sané fast schon verständnisvoll mit.

Die englische Presse reagierte anders auf die Entscheidung von Bundestrainer Joachim Löw, den besten Nachwuchsspieler der Premier League (33 Torbeteiligungen in 49 Spielen) nicht mit nach Russland zu nehmen. „Ist Deutschland verrückt?“, fragte der Daily Mirror und schrieb von einem „rücksichtslosen Löw“. Für das Boulevardblatt Sun war es schlicht ein „Low blow“, ein Tiefschlag von Löw also. Und The Independent schrieb von einem „großen Schock“. Trotz seiner bisher enttäuschenden Auftritte im Trikot des Weltmeisters hatte auch Sané fest mit seiner Nominierung gerechnet. Doch während sich seine Mitspieler gestern in der Sportzone Rungg zum Mannschaftsfoto aufstellten, war Sané längst abgereist.



Auch in der Heimat sorgte Löws Entscheidung für Irritationen. „Das war nicht Jogis Sané-Tag“, meinte Ex-Nationalspieler Michael Ballack. Und Thomas Hitzlsperger, ebenfalls Ex-Nationalspieler und ARD-Experte, urteilte: „Sané ist für mich einer der wenigen Spieler, der den Unterschied ausmachen kann, der Tempo hat, der Mut hat – das, was man braucht, um entscheidende Spiele gewinnen zu können.“ Offenbar hätten die Defizite in Sanés Spiel den Ausschlag gegeben.

Als dieser am Montagnachmittag am Flughafen Bozen abhob, quälte den 22-Jährigen wohl die Frage: „Warum?“ Warum hat er gegenüber Julian Brandt den Kürzeren gezogen? Warum bringt er seine Leistung aus dem Verein nicht in der Nationalmannschaft? Dass ihm Löw zum Abschied noch „riesiges Talent“ attestierte, war ein schwacher Trost.

Die Aufgabe des Bundestrainers ist es nun, den Flügelflitzer nach der WM auch in der DFB-Auswahl auf Kurs zu bringen. Pflegeleicht ist Sané nicht. Auch sein Vereinstrainer Pep Guardiola bemängelte schon fehlenden Einsatz und mangelnde taktische Disziplin. Doch der Spanier hat Sané beim englischen Meister zurück in die Spur geführt. Er hat über eine gesamte Saison gesehen natürlich auch mehr Zeit als ein Bundestrainer in der unmittelbaren Vorbereitung auf eine WM.

Löw hat angekündigt, „ab September verstärkt mit Sané arbeiten“ zu wollen und lobte seine „große Qualität“. Zudem stellte er klar: „Abseits des Platzes gab es gar nichts, wirklich. Leroy hat sich sehr korrekt und gut verhalten.“ Aber das dürfte auch nur die halbe Wahrheit gewesen sein. Sané, der wegen einer Nasenscheidewand-Operation auf die Teilnahme am Confed-Cup verzichtet hatte, gilt nicht als der Fleißigste und wirkt in der Öffentlichkeit als abgehoben (er trägt sein eigenes Konterfei als Tattoo auf dem Rücken). Und das passt nicht zu einer Nationalmannschaft, die ihre Aufgaben mit Demut angehen will.

Es liegt nun an Löw und Sané dafür zu sorgen, dass „die Waffe“, wie der 58-Jährige den zwölfmaligen Nationalspieler nennt, auch in der Nationalmannschaft wirkungsvoll zum Einsatz kommt. Nur wird das bei der WM in Russland nicht der Fall sein.