| 22:26 Uhr

Nationalspieler Hector im Interview
„Ich brauche keine Champions League“

Beim Medientag der deutschen Nationalmannschaft steht Jonas Hector auch seiner Heimatzeitung für ein Interview zur Verfügung. Die Unwetter-Schäden in seiner Heimatgemeinde Kleinblittersdorf machen ihn betroffen.  
Beim Medientag der deutschen Nationalmannschaft steht Jonas Hector auch seiner Heimatzeitung für ein Interview zur Verfügung. Die Unwetter-Schäden in seiner Heimatgemeinde Kleinblittersdorf machen ihn betroffen.   FOTO: dpa / Christian Charisius
Eppan. Der Fußball-Nationalspieler spricht über die WM, den Abstieg mit Köln und die Unwetter-Schäden in der Heimat. Von Heiko Lehmann

Fußball-Nationalspieler Jonas Hector hat eine ereignisreiche Saison 2017/2018 hinter sich. Europa League mit dem 1. FC Köln, dann seine erste schwere Verletzung (Syndesmosebandriss), der Abstieg in die 2. Bundesliga, seine Vertragsverlängerung. Nun steht der 28-Jährige vor seiner ersten Weltmeisterschaft – und ist mit den Gedanken, wie sich im Interview herausstellt, ein klein wenig auch in der Heimat. Die schweren Unwetter-Schäden in Kleinblittersdorf sind an dem Fußballprofi nicht vorübergegangen.

Herr Hector, wie fühlt es sich an, gemeinsam mit Kevin Trapp als erste Saarländer seit Stefan Kuntz 1994 wieder zu einer WM zu fahren?

JONAS HECTOR Die Vorfreude ist riesengroß. Weltmeister zu werden, das ist, glaube ich, das Größte, was ein Fußballer werden kann – und davon träumt wahrscheinlich jedes Kind. Bei einer WM dabei zu sein, ist bislang der Höhepunkt in meiner Karriere.



Wie war es für, als Bundestrainer Joachim Löw am vergangenen Montag vier Spieler aus dem 27er Kader aussortieren musste? Hat man da auch als etablierter Nationalspieler noch Angst, dass man vielleicht rausfliegt?

HECTOR Angst nicht unbedingt, aber man ist schon aufgeregt. Allerdings auch schon nicht mehr so viel wie bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren.

Sagt einem der Bundestrainer eigentlich immer persönlich Bescheid, ob man bei Lehrgängen oder Turnieren dabei ist?

HECTOR Das war nur beim allerersten Mal so. Ansonsten bekommt man E-Mails mit allen Daten.

Trotz aller Vorfreude auf das große Turnier in Russland: In Ihrer Heimat, der Gemeinde Kleinblittersdorf im Saarland, tobte am vergangenen Freitag das schlimmste Unwetter der Geschichte. Haben Sie das im Trainingslager in Südtirol mitbekommen?

HECTOR Ja, ich habe Bilder gesehen. Es sah alles schrecklich aus. Ich habe sofort mit meiner Familie telefoniert. Bei uns in Auersmacher war es Gott sei Dank nicht so schlimm. Aber in den Nachbardörfern Kleinblittersdorf und Bliesransbach muss es einer Katastrophe gleich gekommen sein. Klar ist man in Gedanken auch dort. Ich kenne viele Leute aus den beiden Orten.

Unter anderem wurde der Sportplatz in Bliesransbach komplett verwüstet. Ein Schaden von etwa 500 000 Euro. Sie und Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff haben auf dem Platz schon gespielt. Ist es möglich, da als Nationalmannschaft in irgendeiner Form zu helfen?

HECTOR Ich denke eher, dass das über den DFB laufen muss. Aber ich werde Oliver Bierhof mal darauf ansprechen. Er hat auch schon mitbekommen, was passiert ist.

Kommen wir zu Ihrer Person – und fangen am 14. September 2017 an. Es war das erste und bislang einzige Europa-League-Spiel Ihrer Karriere mit dem 1. FC Köln. Gegen den FC Arsenal wurden Sie in der 35. Minute mit einem Syndesmosebandriss ausgewechselt – die bislang schlimmste Verletzung in Ihrer Karriere. Wie war der Moment?

HECTOR Es war ein Zweikampf, und ich habe nur einen Schlag gespürt. Als ich dann weiterspielen wollte, habe ich sofort gemerkt, dass es was Schlimmeres war. Es war im ersten Moment schon ein Schock, vor allem als die Diagnose da war.

Denkt man in solchen Momenten und den Tagen danach an ein mögliches WM-Aus?

HECTOR Die WM war überhaupt kein Thema, zumal ja klar war, dass ich Anfang dieses Jahres ja schon wieder auf dem Platz stehen würde. Es war schlimm, weil man einfach sechs Wochen an Krücken laufen musste und seiner Mannschaft nicht helfen konnte.

Sie sind zu Beginn des Jahres sehr schnell wieder auf die Beine gekommen und waren auch schnell wieder in Topform. Für den 1. FC Köln hat es aber trotzdem nicht gereicht. Wie haben Sie den Abstieg in die 2. Liga erlebt?

HECTOR Es war einfach nur bitter und sehr emotional. Der Negativ-Höhepunkt in meiner bisherigen Karriere.

Als der FC in dieser Zeit entscheidende Spiele verlor, mussten sie in Interviews direkt nach Spielschluss unangenehme Fragen beantworten und haben sehr deutlich geantwortet oder sind einfach gegangen. Was war da los?

HECTOR Das waren super wichtige Spiele für uns, und ich war emotional voll bei der Sache. Wenn dann ein Reporter noch die Spieler verbal angreifen möchte, reagiere ich eben so. Das ist meine Art, und das werde ich auch immer so machen.

Generell gelten Sie aber eher als zurückhaltend, was die Presse angeht.

HECTOR Man muss eben ständig aufpassen, was man sagt und zu wem man etwas sagt. Die Presse kann Dinge so beeinflussen, dass aus Kleinigkeiten gleich riesige Aktionen gemacht werden. Was die Darstellung angeht, sitzt die Presse eben am längeren Hebel. Die erreichen die Menschen viel eher als wir Spieler.

Gegen Ende der Saison bekamen Sie von einem Kölner Fan ein Trikot zugeworfen, das sie zugeworfen hatten. Schmerzt das nicht als Spieler, der alles für den Verein gibt?

HECTOR Das war auch so ein Presse-Ding. Ich habe später erfahren, dass es gar nicht mein Trikot war, das zurückgeworfen wurde. Insgesamt zieht man aus solchen Situationen aber seine Schlüsse für die Zukunft.

Nun haben Sie bis 2023 beim 1. FC Köln unterschrieben und gehen mit dem Club in die 2. Liga. Ist Köln auch eine Art Heimat geworden?

HECTOR Sagen wir mal, meine zweite Heimat. Auersmacher wird immer meine Heimat bleiben.

Mit der Vertragsverlängerung trotz des Abstieges sind sie in wenigen Stunden deutschlandweit das Sinnbild für Vereinstreue geworden. War Ihnen das bewusst?

HECTOR Ich habe mir zwar gedacht, dass die Kölner positiv darüber denken werden, aber dass so etwas in so kurzer Zeit in ganz Deutschland passiert, hätte ich nicht nicht für möglich gehalten.

Wieso sind Sie überhaupt in Köln geblieben? Als Nationalspieler hätten Sie so gut wie überall hingehen können. Es soll Angebote des FC Bayern und von Borussia Dortmund gegeben haben.

HECTOR Wieder so ein Presse-Ding. Ich habe mir seit Anfang des Jahres Gedanken gemacht, was ich machen möchte – auch im Falle eines Abstiegs. Ich habe mit meiner Familie geredet und mit meiner Freundin und habe allen erklärt, dass ich gerne in Köln bleiben möchte. Dann habe ich das auch dem Verein erklärt, und wir haben zusammen eine Lösung gesucht. Andere Vereine haben niemals eine Rolle gespielt. Soweit wäre es erst gekommen, wenn der FC und ich keine Lösung gefunden hätten.

So spielen Sie in der nächsten Saison beim FC Erzgebirge Aue, während viele ihrer Nationalmannschaftskollegen in der Champions League aktiv sind.

HECTOR Ich brauche keine Champions League.

Der aktuelle Champions League-Gewinner Real Madrid ist dafür bekannt, dass er sich nach einer WM die überragenden Spieler des Turnier herauspickt und verpflichtet. Das könnte doch auch für Sie gelten?

HECTOR Ich brauche auch kein Real Madrid. Außerdem haben die mit Marcello den besten Linksverteidiger der Liga. Ich habe in Köln verlängert, weil wir direkt wieder von der 2. in die 1. Liga aufsteigen möchten.

Also spielt das Geld auch nicht die übergeordnete Rolle bei der Entscheidung?

HECTOR Ich verdiene auch in Köln gutes Geld. Wichtiger ist aber, dass ich dort Fußball spielen kann, wo ich mich wohl und daheim fühle. Eigentlich möchte ich nur Fußball spielen.

Ihr Heimatverein, der SV Auersmacher, hätte im Falle eines Vereinswechsels ordentlich mitverdient und wäre wohl über Jahre finanziell weit vorne gewesen. So aber nicht.

HECTOR In Auersmacher wissen die Leute, wie ich ticke. Dort rechnet keiner mit irgendwelchen Transfereinnahmen.

Also wird es ein Karriereende in Köln oder Auersmacher geben?

HECTOR Ich weiß nicht, was in ein paar Jahren ist und wie ich dann denken werde. Bleiben wir erst einmal im Jetzt und Hier.

Bis zum WM-Auftaktspiel der Nationalmannschaft am 17. Juni sind es noch ein paar Tage. Wie hoch ist die Anspannung schon?

HECTOR Bevor es nach Russland geht, haben wir nach dem Länderspiel am Freitag gegen Saudi-Arabien noch drei freie Tage, die ich zuhause verbringen werden. Ich denke mal, wenn es dann wieder zur Mannschaft geht und wir auf dem Weg zum Flughafen sind, werde ich ernsthaft realisieren, wo es jetzt hingeht. Bis dahin haben wir noch viel und harte Arbeit vor uns.

Die Fragen stellte
Heiko Lehmann.

Beim Besuch der Bundeskanzlerin Angela Merkel (links) in Eppan ist Jonas Hector (rechts) ein aufmerksamer Zuhörer.
Beim Besuch der Bundeskanzlerin Angela Merkel (links) in Eppan ist Jonas Hector (rechts) ein aufmerksamer Zuhörer. FOTO: dpa / Guido Bergmann