| 22:13 Uhr

Nationalmannschaft lässt wieder hoffen
Eine Niederlage als „gutes Zeichen“

Guter Auftritt, doch Frankreich jubelt: Toni Kroos, Niklas Süle, Leroy Sané und Mats Hummels (von links) bleibt nur die Enttäuschung.
Guter Auftritt, doch Frankreich jubelt: Toni Kroos, Niklas Süle, Leroy Sané und Mats Hummels (von links) bleibt nur die Enttäuschung. FOTO: dpa / Ina Fassbender
Paris. Die verjüngte deutsche Nationalmannschaft verliert mit 1:2 gegen Frankreich — dennoch hat sich die Krisensituation deutlich beruhigt.

Mit einem beruhigenden Gefühl ging es für Joachim Löw zurück in die Heimat, doch der Bundestrainer bleibt unter kritischer Beobachtung. Der mutige Auftritt seiner personell und taktisch umgekrempelten Mannschaft bei Weltmeister Frankreich stoppte erst einmal die heftigen Diskussionen, ob Löw nach der misslungenen WM im Sommer tatsächlich noch zum Erneuerer werden kann. Man könne das 1:2 (1:0) in der Nations League zwar nicht als Sieg für den Bundestrainer empfinden, sagte Oliver Bierhoff. „Aber es ist ein wichtiges, gutes Zeichen“, betonte der Teammanager angesichts der bemerkenswerten Leistung des jungen und umbesetzten DFB-Teams in Paris.

Innenverteidiger Mats Hummels berichtete von intensiven Gesprächen in der Kabine, wie der Auftritt im Stade de France denn nun einzuordnen sei. Beim Münchner Abwehrspieler selbst überwog der Ärger. „Am Ende ist Fußball Ergebnissport. Wir wollen nicht sagen, wir machen das und das gut, wenn wir jedes Mal mit einer Niederlage nach Hause gehen“, sagte Hummels. Das Ergebnis sei „sehr bitter“.

Auch Kollege Toni Kroos war unzufrieden: „Es wäre schlimm, wenn ich nicht enttäuscht wäre, wenn wir nach einem solchen Spiel wie heute mit nichts dastehen. Gerade wenn man hier so ein Spiel macht, wo viele Sachen so funktionieren, wie man sich das erhofft hatte, man sich aber wieder nicht belohnt.“ Die deutsche Nationalmannschaft steht im Jahr 2018 jetzt schon bei sechs Niederlagen in elf Spielen – eine solche Negativ-Bilanz gab es in der über zwölfjährigen Löw-Ära vorher nie. Noch im Vorjahr war das DFB-Team ungeschlagen geblieben.



Dankbar nahmen alle Protagonisten im deutschen Lager deshalb vor allem die hoffnungsvollen Zeichen mit, die Löw nach langem Zaudern gesetzt hatte. Er stellte sechs Spieler, die 23 Jahre und jünger sind, in die Startelf. Und er überraschte die Franzosen. „Das System mit drei Innenverteidigern hat uns Schwierigkeiten bereitet. Und die drei Stürmer hatten viel Geschwindigkeit auf den Flügeln und ein gutes Passspiel von Kroos und Kimmich. Sie hätten uns wesentlich mehr Schmerzen zufügen können“, gestand Weltmeister-Trainer Didier Deschamps.

Auch Löw war vom Spiel seiner Mannschaft sehr angetan: „Die Leistung war großartig. Innerhalb von zwei Tagen war es eine unglaubliche Leistungssteigerung.“ Hätten seine schnellen Angreifer Timo Werner, Serge Gnabry und Leroy Sané nach dem Handelfmeter-Tor von Toni Kroos die weiteren Konter genutzt, wäre Frankreich wohl kaum auch im 15. Spiel nacheinander ungeschlagen geblieben. Sein Team habe „sehr konsequent und diszipliniert“ gespielt. Es habe „das Herz in die Hand genommen und mutig nach vorn gespielt“, lobte Löw. Aber es war nicht effektiv.

Das blamable 0:3 zuvor in Holland hatte den 58-Jährigen quasi zu den weitreichenden Veränderungen gezwungen, denen er sich zuvor noch verwehrt hatte. „Bei der Bewertung eines Trainers geht man nicht nur von den Ergebnissen aus, die natürlich in der Distanz kommen und da sein müssen. Aber vor allem muss man eine Entwicklung sehen“, betonte Bierhoff. Der Teammanager kann dem DFB-Präsidium am Freitag nun zumindest berichten, dass Löw den Neuaufbau mit frischen Impulsen angeht und auch den jüngeren Spielern dabei Hauptrollen einräumt.

Dass nun der Abstieg aus der Nations League schon vor dem letzten Spiel am 19. November in Gelsenkirchen gegen die Niederlande feststehen kann, wenn Oranje zuvor gegen Frankreich gewinnt, sieht der Bundestrainer nicht als tragisch an. Die Qualifikation für die Multi-Länder-EM 2020 mit zwei oder drei Heimspielen hat für ihn Priorität. Auch wenn man dafür als Absteiger möglicherweise nicht mehr als Gruppenkopf gesetzt wäre, sagte Löw: „Das schaffen wir.“ Eine Garantie, dass er auch in den nächsten Spielen am 15. November in Leipzig gegen Russland und vier Tage später gegen die Niederlande seine Veränderungen weiter so konsequent fortsetzen wird, wollte Löw in Paris übrigens nicht geben.