| 22:50 Uhr

Fußball-Experten schlagen Alarm
„Alarmstufe Rot“ in Sachen Talentemangel

 Noch gibt es in der Bundesliga hochveranlagte deutsche Talente wie bei Bayer Leverkusen mit Kai Havertz (links) und Julian Brandt. Experten wie Leverkusens Sport-Geschäftsführer Rudi Völler warnen aber schon eindringlich: „Eine wirklich gute Generation haben wir noch. Dann wird es eng.“
Noch gibt es in der Bundesliga hochveranlagte deutsche Talente wie bei Bayer Leverkusen mit Kai Havertz (links) und Julian Brandt. Experten wie Leverkusens Sport-Geschäftsführer Rudi Völler warnen aber schon eindringlich: „Eine wirklich gute Generation haben wir noch. Dann wird es eng.“ FOTO: dpa / Peter Steffen
Wolfsburg. Bundestrainer Löw hat den Umbruch mit starken Talenten eingeleitet. Doch Ausnahmespieler wie Leroy Sané wird es in den nächsten Jahren wohl nicht mehr geben. Der DFB ist alarmiert. Und auch Experten warnen. sid

Er wolle „kein Untergangsszenario“ entwerfen, sagte Oliver Bierhoff, als er über die Zukunft im deutschen Fußball zu referieren begann. Doch was Bierhoff als Direktor Nationalmannschaften und Akademie im Deutschen Fußball-Bund (DFB) dann erläuterte, klang durchaus alarmierend.

„Wenn man ein bisschen tiefer schaut, muss man sich Sorgen machen, was in vier, fünf Jahren nachkommt“, sagte Bierhoff zum Start des Länderspieljahres am Mittwochabend gegen Serbien: „Wir sehen im U15- oder U16-Bereich, dass es dort immer weniger potenzielle Ausnahmespieler gibt.“

Die teilweise erschreckenden Auftritte der DFB-Juniorenteams in internationalen Duellen mit Topnationen wie den meilenweit enteilten Engländern sind für Bierhoff daher keine Überraschung. „Ich habe schon vor vielen Jahren darauf hingewiesen, dass dieser Moment kommen wird“, sagte der Europameister von 1996: „Andere Nationen sind agiler, flexibler und neugieriger.“



Schon vor dem blamablen WM-Vorrunden-Aus hatte Bierhoff, der seit 2018 für die Gesamtentwicklung im DFB-Fußball zuständig ist, einen „neuen Masterplan wie 2000“ angeregt. Das Jahr der Jahrtausendwende gilt als Tiefpunkt der jüngeren Vergangenheit im deutschen Fußball, bei der EM war die Nationalmannschaft als Titelverteidiger mit spielerisch erbärmlichen Auftritten krachend gescheitert. Als Konsequenz modernisierten der DFB und die Clubs ihre Nachwuchszentren und die Trainerausbildung.

Davon profitierte die Nationalmannschaft beim WM-Triumph 2014, und davon profitiert sie noch heute. Aber nicht mehr lange, warnte Bierhoff: „Wir haben noch eine gute Basis mit jungen starken Talenten, auch wenn sie nicht mehr so breit ist wie 2010. Das müssen wir die nächsten zwei bis vier Jahre ausnutzen.“ Sport-Geschäftsführer Rudi Völler von Bayer Leverkusen sagte in der Sport Bild: „Eine wirklich gute Generation haben wir noch. Dann wird es eng.“

Damit langfristig die Talente-Quelle wieder munterer sprudelt, hat der DFB im Februar einen Fünfjahresplan vorgestellt. Die auf den Weg gebrachten Maßnahmen (neue Spiel- und Wettkampfformen, Rückkehr zur „Bolzplatz“-Mentalität, veränderte Trainerausbildung, größere Verzahnung mit den Bundesligisten) sollen schon bei der Heim-EM 2024 Früchte tragen. Auch der Bau der neuen DFB-Akademie in Frankfurt ist ein wichtiges Puzzleteil dieser Strategie.

Diese Überlegungen kommen für Matthias Sammer keinen Tag zu früh. Der frühere DFB-Sportdirektor hält den deutschen Fußball mittlerweile nur noch für Durchschnitt. „Wir sollten einfach mal diskutieren: Was macht Gewinner aus, und was macht aktuell den deutschen Fußball aus? Denn wir sind aktuell alles – aber keine Gewinner“, sagte Sammer bei Eurosport: „Ich glaube, dass uns andere Nationen in unserer Grundstärke überholt haben. Nicht nur fachlich-inhaltlich, sondern auch mit dem größeren Hunger und Willen.“

Auch Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann, bei der Heim-WM 2006 als Aufbauhelfer gefeiert, attestierte dem deutschen Fußball international „ein ganz niedriges Niveau“. Es herrsche, so Klinsmann, „Alarmstufe Rot“. Ganz so dramatisch sieht es Bierhoff nicht. Er verweist auf Spieler wie Julian Brandt (22), Kai Havertz (19) oder Leroy Sané (23), die den von Bundestrainer Joachim Löw eingeleiteten Umbruch prägen und bald zu tragenden Säulen in der Nationalmannschaft zählen werden. Doch das Danach sollte den deutschen Fans Sorgen bereiten.