| 23:00 Uhr

Fußball-Nationalmannschaft
Der Wind dreht sich gegen Löw

 Bundestrainer Joachim Löw wird am kommenden Freitag seinen neuen Kader benennen. Bis dahin dürfte die Kritik an ihn nicht abebben.
Bundestrainer Joachim Löw wird am kommenden Freitag seinen neuen Kader benennen. Bis dahin dürfte die Kritik an ihn nicht abebben. FOTO: dpa / Ina Fassbender
Frankfurt. Die Umstände des Rauswurfs von Müller, Boateng und Hummels aus der Nationalmannschaft sorgen für scharfe Kritik. sid

Stillos, falsches Timing, menschliche Kälte, mangelnde Wertschätzung – Joachim Löw steht in schneidendem Gegenwind. Der Bundestrainer hat mit seinem radikalen Schnitt für die Zukunft der deutschen Nationalmannschaft auch seine eigene Zukunft aufs Spiel gesetzt. Karl-Heinz Rummenigge zögert nicht, ihm das deutlich vor Augen zu führen. „Löw hat damit natürlich auch eine große persönliche Verantwortung übernommen“, betont der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern nach der Ausbootung der Münchner Weltmeister Thomas Müller, Jérôme Boateng und Mats Hummels. „Denn von Fußball-Deutschland wird jetzt erwartet, dass die Qualifikation zur Europameisterschaft 2020 gelingt.“ Diese, setzt er hinzu, finde schließlich „auch in München statt“.

Selbstverständlich hat sich Löw besonders dort keine Freunde gemacht. Was der „kicker“ am Donnerstag sehr detailliert berichtete, zeichnete ein erschreckendes Bild: Boateng sei von Löw im Obergeschoss der Bayern-Zentrale in „gefühlten fünf Minuten“ über sein Aus informiert worden – wie auch Müller „ohne Blickkontakt“. Diese Informationen können nur von Bayern-Seite stammen, womöglich von den Spielern selbst.

Müller habe nach Löws Eröffnung noch eine Erklärung verlangt, schreibt der kicker, im Gegensatz zu Hummels, dessen Verabschiedung „nach zwei Minuten beendet“ gewesen sei. Auch damit ist wohl Müllers scharfe Video-Replik vom Donnerstagabend zu erklären, die er mit „Das Spiel ist noch nicht aus“ sehr kämpferisch abschloss.



„Einfach sauer“ sei er, perplex und verständnislos. Löw habe keinen Stil bewiesen, klagte Müller in seinem zweiminütigen Video und schlussfolgerte: „Mit Wertschätzung hat das nichts zu tun.“ Boateng hatte sich zunächst sehr diplomatisch gezeigt, weitere deutliche Erklärungen drohen aber. Hummels kritisierte gestern bei Twitter den Umgang mit ihm bei seiner Ausbootung als „nicht gerecht“. Er schrieb: „Unabhängig von der aus meiner Sicht schwer nachvollziehbaren sportlichen Entscheidung (die ich natürlich respektiere), stößt die Art und Weise bei mir auf Unverständnis.“

An Müllers Aussagen ist ein Passus besonders interessant: Der 100-malige Nationalspieler spricht von „suggerierter Endgültigkeit“ in den „vorgefertigten Statements“ des DFB. Hat Löw etwa im persönlichen Gespräch einen anderen Eindruck hinterlassen? Seine öffentlichen Aussagen lassen definitiv keine Hintertür zur Rückkehr offen.

Die Schar der Löw-Kritiker wird täglich größer. Ex-Nationalspieler Dietmar Hamann etwa sagte: „Diese Spieler durch die Nations League tingeln zu lassen und ihnen dann, wenn es zur Sache geht, zu sagen, sie werden nicht mehr gebraucht, halte ich für unsäglich. Das wird den Bundestrainer einholen.“ Und Jürgen Kohler, Weltmeister von 1990, meinte: „Umsetzung und Zeitpunkt sind sehr unglücklich.“

Löw plant angeblich aber keine ausführlichere Erklärung seiner Motive. Der Bundestrainer wird sich damit beschäftigen, die Mannschaft der Zukunft aufzustellen, in der Marco Reus, Joshua Kimmich oder Julian Draxler und Leon Goretzka viel Verantwortung zukommen wird. Nachrücker könnten Arne Maier, Niklas Stark (beide Hertha BSC), Maximilian Eggestein (Werder Bremen), Danny da Costa (Eintracht Frankfurt) oder Maximilian Arnold (VfL Wolfsburg) werden. Löw wird dies bei der Kadernominierung am 15. März beantworten. Es folgen das Spiel gegen Serbien in Wolfsburg am 20. März und der Auftakt der EM-Qualifikation in den Niederlanden vier Tage später.