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Radikaler Schnitt
Neue Männer braucht das Land

 Kontroverse Entscheidung: Bundestrainer Joachim Löw hat sich in einem radikalen Schritt von drei etablierten Spielern getrennt – und muss nun rasch ein neues Gerüst für seine Nationalelf finden.
Kontroverse Entscheidung: Bundestrainer Joachim Löw hat sich in einem radikalen Schritt von drei etablierten Spielern getrennt – und muss nun rasch ein neues Gerüst für seine Nationalelf finden. FOTO: dpa / Marius Becker
Köln . Nachdem Bundestrainer Joachim Löw die langjährigen Stammspieler Mats Hummels, Jerome Boateng und Thomas Müller aussortiert hat, muss er nun schnell ein neues Gerüst für das deutsche Nationalteam finden.

Neue Männer braucht das Land: Die ausgebooteten Weltmeister von 2014 hinterlassen in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft ein Vakuum, das junge Spieler füllen müssen. Niklas Süle (23), Leon Goretzka (24), Joshua Kimmich (24) oder auch Leroy Sane (23), Julian Brandt (22), Kai Havertz (19) sowie Timo Werner (23) sind die neuen Hoffnungsträger. Auch dem verletzungsanfälligen Marco Reus, der im Mai 30 wird, kommt paradoxerweise eine entscheidende Rolle zu.

Nachdem Bundestrainer Joachim Löw am Dienstag die langjährigen Stützen Mats Hummels, Jerome Boateng (beide 30) und Thomas Müller (29) per Kahlschlag aus dem DFB-Dienst entlassen hat (wir berichteten), können bereits in den ersten beiden Länderspielen der deutschen Nationalmannschaft in diesem Jahr gegen Serbien (20. März) und in den Niederlanden (24. März) andere in die Bresche springen – und die Verantwortung schultern, die bisher für sie getragen wurde.

Löw rasierte infolge des WM-Debakels und des Abstiegs aus der A-Gruppe der Nations League zwei Drittel seines Mannschaftsrates aus dem Sommer 2018 (Sami Khedira, Hummels, Boateng, Müller). Nun muss auf die Schnelle eine neue Führungsstruktur her, zumal Kapitän Manuel Neuer (32) und Toni Kroos (29), die letzten verbliebenen Mitglieder dieser Führungsriege, auf Bewährung spielen. Dass der BVB-Kapitän Reus, ein nahezu Gleichaltriger, zu den neuen Korsettstangen beim viermaligen Weltmeister zählen soll, scheint widersinnig. Doch Reus ist in Weltklasse-Form und noch nicht ausgebrannt.



„Wir hatten schon den Plan, dass wir die Mannschaft in den kommenden beiden Jahren verjüngen müssen. Das kann nur schrittweise erfolgen und nicht abrupt. Mir brauchen einen guten Mix aus Erfahrung und der Energie der jungen Spieler. Nur mit ganz jungen Spielern wird man am Ende beim Turnier nicht zu den absoluten Favoriten zählen“, sagte Löw vorausblickend Ende vergangenen Jahres.

Für Löw gilt es, so schnell wie möglich wieder eine vernünftige Balance und eine förderliche Hierarchie hinzubekommen, um nach den Absturz auf den 16. Platz der Weltrangliste mit Blick auf die EM 2020 und auch die WM-Endrunde 2022 in Katar wieder nach Höherem zu streben. „Auch die neue Generation braucht Zeit, um in der absoluten Weltklasse zu sein. Wir reden von Titelgewinnen, vom Weltmeister-werden“, so der Bundestrainer.

Von den 2014er-Weltmeistern aus Brasilien sind nur noch Neuer, Kroos und Matthias Ginter (25) im Rennen. Neuer Abwehrchef und damit ein wichtiger Ansprechpartner von Löw wird mit ziemlicher Sicherheit Süle, der diese Rolle bereits bei Bayern München übernommen hat. Kimmich und Goretzka sorgen ebenso wie Serge Gnabry (23) zudem für einen nach wie vor starken Bayern-Block im DFB-Gefüge.

Der Leverkusener Jonathan Tah (23) darf auf eine neue Chance in der Innenverteidigung hoffen, Julian Draxler (25) könnte ein neuer Fixpunkt in der Zentrale werden. Sane, Brandt, Havertz sowie Werner und Gnabry stehen für die neue deutsche Offensivpower.

Der ehemalige Bundestrainer Berti Vogts sieht aber nach wie vor viele Probleme auf die DFB-Auswahl zukommen. „Wir alle haben uns nach der verkorksten WM einen schnellen Neuaufbau in der Nationalmannschaft gewünscht. Aber die bittere Wahrheit ist: Für einen großen Umbruch gibt es im Moment wenig geeignete Kandidaten“, so der 72-Jährige skeptisch in seiner Kolumne bei t-online.de.

Spieler wie Brandt, Havertz, Gnabry oder Sane seien sehr talentiert, machten zwischendurch auch starke Spiele. „Von ihnen kann man noch nicht erwarten, das DFB-Team zu führen“, betonte Vogts aber. Löw muss seinen Vorgänger möglichst schnell eines Besseren belehren.

Zudem muss der Bundestrainer kommende Woche noch den einen oder anderen aus dem Hut zaubern, der beim Projekt „Neubeginn“ eine Rolle spielen soll. Mögliche Kandidaten: Arne Maier (Hertha BSC/20), Niklas Stark (Hertha BSC/23), Maximilian Eggestein (Werder Bremen/22), Danny da Costa (Eintracht Frankfurt/25) oder auch Maximilian Arnold (VfL Wolfsburg/24), der 2014 sein bislang einziges A-Länderspiel bestritten hat.