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Formel 1
Eine zweite Chance im Haifischbecken

Monaco. Formel-1-Pilot Brendon Hartley, Ex-Teamkollege des Homburgers Timo Bernhard, erlebte eine nahezu märchenhafte Geschichte. Von Walter Koster

Vor dem sechsten Saisonlauf der Formel 1 am Sonntag in Monaco (15.10 Uhr/ RTL) sind alle Augen auf das Dauer-Duell Mercedes gegen Ferrari gerichtet. Derzeit reduziert sich die WM auch beim Klassiker und Saisonhöhepunkt im Fürstentum auf das Weltmeisterteam mit Spitzenreiter Lewis Hamilton und den italienischen Erzrivalen mit Sebastian Vettel. Aber auch weniger bekannte Fahrer geigen im Konzert der Großen mit. Wie beispielsweise die beiden „Jung-Bullen“ Brendon Hartley und Pierre Gasley aus dem Rennstall Toro Rosso. Namen, an die sich auch Experten gewöhnen müssen – und das, obwohl beide Fahrer in ihrer Karriere bereits Meistertitel einfahren konnten.

Abseits der Formel 1 waren der Neuseeländer und der Franzose schon Stars. Gasly sicherte sich 2016 den prestigeträchtigen Titel in der Formel 2. Brendon Hartley ist zweifacher und amtierender Langstrecken-Weltmeister. Die beiden Titel hat der Porsche-Werksfahrer 2015 mit dem Homburger Timo Bernhard und Ex-Formel-1-Pilot Mark Webber eingefahren, 2017 erneut mit dem Saarländer und Landsmann Earl Bamber. Im gleichen Jahr gewann das Fahrertrio auch das legendäre 24-Stunden-Rennen von Le Mans. Während Hartley, 28 Jahre, den Sprung in die Formel 1 schaffte, fährt Bernhard (37) nach dem Ausstieg Porsches aus ihrem Sportwagen-WM-Programm im Porsche 911 seines eigenen Rennstalls Küs Team 75 in der ADAC GT Masters-Serie.

Brendon Hartley und die Formel 1 – das ist fast eine märchenhafte Geschichte. Schon 2008, nach seinem dritten Platz beim Formel-3-Grand Prix in Macao, war Hartley eine der heißesten Nachwuchsfahrer auf dem Markt. Seine Leistungen wurden mit einem Testvertrag beim Red-Bull-Junior-Team Toro Rosso belohnt. Der damals 18-Jährige konnte aber die Erwartungen des knallharten Talentsichters Helmut Marko nicht erfüllen. Nach dem Rausschmiss 2010 schien der Traum von der Formel 1 geplatzt. Hartley schied aber nicht im Groll von Toro Rosso. „Wenn Sie jemanden brauchen, stehe ich bereit“, sagte er zu Marko.



Christian Horner, Teamchef von Red Bull, der „Mutter“ des Junior-Rennstalls Toro Rosso, wurde auf den Neuseeländer aufmerksam, als der 2017 für Porsche um den Langstrecken-WM-Titel raste. Horner erkannte, dass der gefeuerte Hartley „jetzt wieder in der Position ist, Formel-1-Rennen für Toro Rosso zu bestreiten“. Es sei seiner Hartnäckigkeit geschuldet, seinem Können und seinem Talent, plädierte der Brite Horner für die Wiedereinstellung des Neuseeländers. Von seiner Verpflichtung der anderen Art erfuhr Hartley aus der FIA-Pressekonferenz. Toro-Rosso-Teamchef Franz Tost verkündete dort: „Brendon Hartley ist talentiert und schnell, und wir wollen ihn in den letzten vier Saisonrennen testen.“ Diese Chance ergab sich, als Toro Rosso einen Ersatzmann für den Spanier Carlos Sainz suchte, der von Renault „ausgeliehen“ wurde. Bevor Hartley in Austin/USA ins Cockpit des Toro Rosso stieg, hatte er fünf Jahre lang keinen F1-Boliden bewegt. Hartley bekam eine zweite Chance, die nur ganz wenige im Haifischbecken Formel 1 bekommen.

Pierre Gasly hat ebenfalls seine Chance genutzt. Wie Hartley kommt auch der Franzose aus dem Red-Bull-Kader, kam ebenfalls im letzten Saisondrittel in Malaysia zu seinem ersten Formel-1-Einsatz, als der Russe Daniil Kwjat von Toro Rosso freigestellt wurde. Weitere vier Rennen in Japan, Mexiko, Brasilien und Abu Dhabi folgten. Wie Hartley blieb auch Gasly am Saisonende ohne WM-Punkte, die es bis Platz zehn gibt. Dennoch: Der 22-Jährige ist selbstbewusst. „Diese Einsätze haben mir geholfen, die Wochenend-Abläufe innerhalb des Teams zu verinnerlichen. Die Lernkurve war steil. Nun ist mir klar, was auf mich zukommt“, sagte Gasly.

Mit Platz vier beim Großen Preis von Bahrain und seinen zwölf WM-Punkten wurde Gasly im Toro-Rosso-Team wie ein Popstar gefeiert. Hartley ergatterte seinen ersten WM-Punkt als Zehnter beim vierten Saisonlauf in Baku/Aserbaidschan. Hartley muss aufpassen, durch den unfassbar schnellen Franzosen mittelfristig nicht unter Druck zu geraten. Im Trainingsduell führt Gasly bereits 4:1 gegen Hartley. Vor dem Monaco-Klassiker an diesem Sonntag liegt der Jungbullen-Rennstall Toro Rosso in der Konstrukteurswertung mit 13 WM-Punkten auf Rang acht – vor Sauber-Ferrari (11) und Schlusslicht Williams-Mercedes (4).

Brendon Hartley in seinem Toro Rosso bei der Arbeit.
Brendon Hartley in seinem Toro Rosso bei der Arbeit. FOTO: dpa / Manu Fernandez