| 23:58 Uhr

Leichtathletik-EM in Berlin
Mihambo behält die Nerven und springt zu Gold

Malaika Mihambo jubelt über das erste EM-Gold einer deutschen Weitspringerin seit dem Sieg von Heike Drechsler 1998.
Malaika Mihambo jubelt über das erste EM-Gold einer deutschen Weitspringerin seit dem Sieg von Heike Drechsler 1998. FOTO: dpa / Bernd Thissen
Berlin. Weitspringerin genügen 6,75 Meter zum Triumph in Berlin. Dabei war 2017 sogar ihre Leistungssport-Karriere in Gefahr.

Beim Klavierspiel übt Malaika Mihambo ihre Koordination, bei einer sozialen Einrichtung findet sie über ihre ehrenamtliche Tätigkeit einen geistigen Ausgleich – und in der Weitsprunggrube ist sie seit Samstagabend Europas Nummer eins: Nervenstark und selbstbewusst belohnte sich die 24-Jährige bei der EM in Berlin mit Gold für ihre beste Saison und ließ damit auch das drohende Karriereende im vergangenen Jahr äußerlich ganz cool hinter sich.

„Ich bin schon eher so ein verkopfter Mensch. Wenn jetzt gerade die Anspannung noch nicht abgefallen ist, dann kommt da nichts durch“, sagte die Überfliegerin, nachdem sie im Olympiastadion den größten Erfolg ihrer Laufbahn gefeiert hatte: „Bei der Siegerehrung werden bestimmt die Tränchen kullern. Dann werde ich realisieren, was ich geschafft habe.“

6,75 Meter reichten Mihambo am Samstag zu Gold, 20 Jahre nach Heike Drechsler hat Deutschland damit wieder eine Europameisterin im Weitsprung. Ihre Vorgängerin war bei Mihambos Triumph hautnah dabei. Als Kampfrichterin an der Weitsprung-Grube freute sich Drechsler über den Erfolg. „Das war eine schöne Sache, dass wir endlich wieder in dieser Disziplin eine Europameisterin haben. Sie war in den letzten Jahren sehr beständig, das hat sie sich verdient“, sagte Drechsler.



Dabei zeigte Mihambo sich wieder einmal beim Saisonhöhepunkt topfit, hochkonzentriert und nervenstark. Bereits bei Olympia 2016 hatte sie Platz vier belegt, zuvor EM-Bronze in Amsterdam gewonnen. Ihre Bestleistung steigerte sie in diesem Jahr auf 6,99 Meter – die sieben Meter, eigentlich nur eine Frage der Zeit. „Sie ist fit für sieben Meter, sie hat die Voraussetzungen dafür“, sagte Drechsler.

Nicht vergessen waren nach ihrem Erfolg allerdings die körperlichen Probleme, die im vergangenen Jahr ihre Karriere gefährdet hatten. Sie rutschte auf einer Treppenstufe aus und zog sich eine komplizierte Fußverletzung zu. Bei einer Operation hätte die Gefahr bestanden, dass sie mit dem Leistungssport hätte aufhören müssen. „Ich musste da sehr zittern. Man weiß, seine Gesundheit mehr zu schätzen. Da ist jeder Wettkampf ein Geschenk“, sagte sie: „Es hat sehr viel Kraft gekostet, nicht mehr zu wissen, ob man es noch schafft.“

Allerdings hat Mihambo weit mehr Talente als „nur“ den Weitsprung. Mit großem Engagement spielt sie Klavier, gewann bei einem Kompositionswettbewerb ihrer Musikschule einen Preis. Es helfe ihr auch beim Sport, bei der Koordination und der Feinmotorik, berichtete sie. Zudem arbeitet die studierte Politikwissenschaftlerin ehrenamtlich bei einer sozialen Einrichtung. „Es ist total wichtig, so etwas neben dem Sport zu haben. Ich könnte nicht nur Leistungssportlerin sein, täglich vor mich hintrainieren und keinen geistigen Ausgleich haben“, erzählte sie vor der Europameisterschaft: „Ich denke schon, dass, wenn man sich in einem Studium, Beruf oder Hobby erfüllen kann, es einen auch im Sport beflügelt.“