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Doping
Wenn der Fußball sich selbst kontrolliert

Moskau. Die Dopingfrage schwelt bei der Fußball-WM schon vor dem ersten Anpfiff. Denn das Kontrollsystem scheint mehr als fragwürdig.

„Freispruch“ für die russischen Fußballer, Kritik am Dopingkontrollsystem: Die WM-Endrunde hat noch gar nicht begonnen, da steht die Fifa beim Thema Doping bereits massiv unter Druck. Vor allem, dass der Fußball-Weltverband in Eigenregie die Dopingtests bei der WM durchführt, sorgt für Unverständnis und Ablehnung.

Ausgerechnet in dem Land, in dem es bei den Olympischen Spielen in Sotschi vor vier Jahren beispiellose Dopingmanipulationen gegeben hat, wird es keine unabhängigen Kontrollen geben. Als „unerträglichen Zustand“ bezeichnete dies der Anti-Doping-Experte Fritz Sörgel: „Der Sport kontrolliert sich selbst. Das ist genau das, was wir bemängeln“, sagte auch Andrea Gotzmann, Vorstandsvorsitzende der Nationalen Anti-Doping-Agentur: „Wenn der Sport sich selbst kontrolliert, gibt es zu viele Interessenkonflikte.“

In Russland ist nämlich der Organisator selbst Herr über das Dopingkontrollsystem. Die Fifa entscheidet, wer, wann und wie oft kontrolliert wird. Und ganz wichtig: auch, auf welche Stoffe getestet wird. Auch die Veröffentlichung eines möglichen positiven Tests ist einzig der Fifa vorbehalten. In der WM-Geschichte des weltweit größten Sports gab es bislang erst einen einzigen Dopingfall: 1994 in den USA flog der argentinische Weltstar Diego Maradona nach der Einnahme eines Ephedrin-Cocktails auf.



Der Interessenskonflikt in Russland ist offensichtlich: Die Fifa müsste bei positiven Befunden negative Effekte für ihr Turnier befürchten. Die Möglichkeiten der Manipulation sind ohne unabhängige Kontrolleure zudem deutlich größer. Die Fifa selbst teilte auf Anfrage mit, dass es „Standard“ für alle Fifa-Wettbewerbe sei, dass der Weltverband verantwortlich für das Anti-Doping-Programm sei.

Dafür betonte der Verband die für ihn wichtigen Aspekte: Keine Russen seien in das Anti-Doping-Programm eingebunden, die Proben würden in einem von der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada akkreditierten Labor außerhalb Russlands durchgeführt, es gebe im Vorfeld unangekündigte Tests und systematische Kontrollen nach jedem Spiel. Zudem würden die Ergebnisse in einen biologischen Athleten-Pass einfließen. Allerdings lösen all diese Maßnahmen das Grundproblem nicht: die nicht vorhandenen unabhängigen Kontrollen.

Darüber hinaus hatte auch der Umgang der Fifa mit den Dopingvorwürfen gegen russische Fußballer, darunter angeblich auch aktuelle Nationalspieler, für gehörigen Wirbel gesorgt. Nach monatelangen Ermittlungen sprach die Fifa den WM-Kader des Gastgebers „mangels ausreichender Beweise für das Vorliegen eines Verstoßes“ frei. Der Staatsdopingskandal war damit für die Fußballer ausgestanden. Zumindest für die aus der ersten Reihe.

Dennoch sei „Misstrauen“ erlaubt, hatte daraufhin Dagmar Freitag, die Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses, erklärt: „Sowohl die Fifa als auch das russische Sportsystem gelten ja seit geraumer Zeit nicht wirklich als die Hüter der Integrität des Sports.“ Der Anwalt des Doping-Whistleblowers Grigorij Rodtschenkow, Jim Walden, warf der Fifa sogar vor, Russlands Dopingbetrug „unter den Teppich kehren“ zu wollen. Immerhin die Wada reagierte „zufrieden“.

Wie wenig nachhaltig das Dopingproblem im Weltverband allerdings angegangen wird, lassen Äußerungen des ehemaligen Fifa-Chefmediziners Jiri Dvorak erahnen. Dieser berichtete zuletzt in der Neuen Zürcher Zeitung davon, dass seine Vorschläge für eine Verbesserung des Anti-Doping-Systems „in der Schublade“ verschwunden seien. Inzwischen ist er entlassen.

In Russland wird wohl auch ein Spieler auflaufen, der eigentlich wegen Dopings gesperrt ist: Perus Kapitän Paolo Guerrero. Nach monatelangem Rechtsstreit entschied Ende Mai das Schweizer Bundesgericht, dass die 14-monatige Sperre des Ex-Bundesligaprofis aufgeschoben wird. Ein Freispruch war dies aber nicht.