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Kolumne Einwurf
Vom Leben in Schein- und Parallelwelten

FOTO: SZ / Roby Lorenz
Als Mesut Özil nach der Veröffentlichung der Erdogan-Bilder erklärte, schweigen zu wollen, habe ich mich nur gefragt: Meint er das jetzt ernst? Er muss doch wissen, welche Wirkung diese Bilder entfalten. Von Eric Kolling

Als er am Sonntag seine drehbuchmäßig inszenierte Drei-Stufen-Abrechnung an seine zig Millionen Social-Media-Abonnenten abfeuerte, stellte ich mir die Frage erneut. Vielleicht ist die Antwort ja einfach nur „Ja“. Würde heißen, er lebt in einer Schein- oder Parallelwelt, kennt keine Selbstkritik, ist sich wirklich keiner Schuld bewusst, weil er mit einem Despoten posiert hat. Dann hätte er schlicht nicht kapiert, dass er Erdogan Wahlkampfhilfe leistete und Einfluss darauf nahm, dass die in Deutschland lebenden Türken den Alleinherrscher wählten, damit die Unfreiheit ihrer Mitbürger in der Türkei zementierten. Und vielleicht besteht Deutschland inklusive Deutschem Fußball-Bund für ihn wirklich nur aus Rassisten und rechten Medien, die ihn allein ob seiner Abstammung niederschreiben. Dann wäre er unglaublich naiv, extrem dünnhäutig und hätte die größten Scheuklappen aller Zeiten auf. Ich gehe nicht davon aus.

Außenminister Heiko Maas hat am Montag sehr treffend gesagt: „Ich glaube nicht, dass der Fall eines in England lebenden und arbeitenden Multimillionärs Auskunft gibt über die Integrationsfähigkeit in Deutschland.“ Außer dass er zu Recht an Özils Lebenswirklichkeit im fernen England erinnert, lenkt er die Betrachtung auf einen bisher wenig beleuchteten Punkt: das Geld. Özils krude Generalabrechnung, die nicht nur den DFB sondern das ganze Land in Wallung bringt, erscheint auch als von Beratern entscheidend mitbestimmte Selbstinszenierung, um (wie gelungen) die geballte mediale Aufmerksamkeit zu sichern. Steht doch nach der Erdogan-Bilder- und WM-Leistungs-Kritik die Marke Özil und damit für ihn millionenschwere Sponsoreneinnahmen auf dem Spiel. Für einen Profifußballer mit Anfang 30 brechen die letzten Jahre an, in denen er mit dem Sport und sich als Marke noch ordentlich Kasse machen kann. Özils PR-Profis tun sicher alles, damit das nicht in Gefahr gerät.

Ein drittes und letztes Mal stelle ich mir noch die Frage „Meint er das jetzt ernst“: Wenn ich in seinem so konsequenten, endgültigen, derben Rundumschlag aus unendlicher Kränkung die Hintertür für einen Seehofer-mäßigen Rücktrittsrücktritt erkenne. Özil wolle ja nur nicht für den DFB auflaufen, so lange er „dieses Gefühl von Rassismus und Respektlosigkeit verspüre“. Er hält es wohl für möglich, nach diesem Brimborium könne die deutsche Nationalelf jemals wieder Thema für ihn sein. Wie war das mit der Schein- oder Parallelwelt nochmal?