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Saisonauftakt mit alten Bekannten
"Tonnenweise Dünger allein reicht nicht"

In wöchentlich drei bis sechs Einheiten plus Spielen schwitzen die Handballer des SV 64 Zweibrücken seit gestern Abend in der Vorbereitung unter Trainer Stefan Bullacher (rechts).
In wöchentlich drei bis sechs Einheiten plus Spielen schwitzen die Handballer des SV 64 Zweibrücken seit gestern Abend in der Vorbereitung unter Trainer Stefan Bullacher (rechts). FOTO: Marco Wille; www.marcowille.de / Marco Wille
Zweibrücken. Handball-Oberliga: Der SV 64 ist gestern Abend unter „Neu“-Trainer Stefan Bullacher in die Vorbereitung gestartet.

Gestern Abend sind die Oberliga-Handballer des SV 64 Zweibrücken in die Vorbereitung auf die neue Saison gestartet. Mit dabei zwei Rückkehrer: Stefan Bullacher, der nach zwei Jahren wieder das Traineramt übernommen hat und Thomas Zellmer, der nach seiner erfolgreichen Spielertrainerzeit beim TV Homburg wieder für seinen Heimatverein auflaufen will.

Herr Bullacher, vor zwei Jahren haben Sie sich nach über 20-jähriger Trainerarbeit beim SV 64 Zweibrücken verabschiedet, haben eine neue Herausforderung gesucht. Wie hoch haben Sie damals die Wahrscheinlichkeit eingeschätzt, so schnell wieder zu Ihrem Heimatverein zurückzukehren?

Stefan Bullacher: Bei meinem Abschied habe ich mir überhaupt keine Gedanken über eine mögliche Rückkehr gemacht. Ich wollte als Trainer einfach meinen Horizont erweitern und etwas Neues kennen lernen. Die Rückkehr nach nur zwei Jahren war wirklich völlig unverhofft. Aber deshalb freue ich mich nicht weniger, viele alte Freunde wieder zu sehen. Das hat natürlich schon etwas von „nach Hause kommen“.



Sie hatten nach der Trennung vom TV Hochdorf im Winter auch lukrative Angebote von höherklassigen Vereinen. Was gab den Ausschlag, zum SV zurückzukehren?

Bullacher: Ich hatte mehrere reizvolle Anfragen, die allerdings jeweils mit einem Umzug einhergegangen wären. Mit einem Verein war ich eigentlich schon einig. Meine Frau Dunja und ich hatten dort ein Wochenende verbracht, um alles zu besprechen. Unser Eindruck von der Stadt, vom Verein und den Voraussetzungen war super positiv. Am Ende hätte ich aber meine Familie zu sehr vermisst und habe deshalb abgesagt. Erst danach hat mich das neue Vorstandsteam um Jürgen Knoch kontaktiert und mich für ihre Ideen begeistert. Wir haben schnell gemerkt, dass wir ähnlich ticken. Das hat auf Anhieb gut gepasst.

Sehen Sie die erneute Zusammenarbeit längerfristig angelegt? Oder ging es nach der überraschenden Trennung von Tony Hennersdorf zu Saisonbeginn und dem Einspringen von Interimscoach Axel Koch vor allem darum, dem Verein zu helfen, diese Lücke zu schließen?

Bullacher: Weder das eine noch das andere. Ich habe überhaupt nicht das Gefühl, jetzt erst mal irgendwelche Löcher stopfen zu müssen. Aber ich plane auch nicht gleich die nächsten 15 Jahre im Voraus. Wir wollen jetzt erst mal alle zusammen mit anpacken. Am Ende des Jahres werden wir uns in aller Ruhe zusammensetzen und besprechen, wie die weitere Zukunft aussieht.

Vor zwei Jahren haben Sie sich mit dem Verbleib in der 3. Liga verabschiedet. Nach dem Abstieg ein Jahr später läuft die Erste nun wieder in der Oberliga auf. Mit welchem Ziel gehen Sie die neue Aufgabe an?

Bullacher: Es ist fast nicht zu glauben, aber von der damaligen Mannschaft, sind mit Philipp Hammann, Max Sema und Benni Zellmer lediglich noch drei Spieler übrig geblieben. Außerdem waren Benni Berz, Niklas Bayer und Tom Grieser als Jugendspieler im erweiterten Kader. Ich übernehme sozusagen eine neue Mannschaft. Unser erstes Ziel ist es natürlich, eine gemeinsame Spielphilosophie zu erarbeiten. Wir wollen Stück für Stück zusammenwachsen und erfolgreich sein. Ich möchte jetzt nicht mit Tabellenplätzen jonglieren, sondern am Ende des Tages mit den Ergebnissen zufrieden sein.

Mit David Ötzel, Tobias Alt und Tom Ihl haben drei Spieler den Verein verlassen. Wie wichtig ist Ihnen die Kontinuität in der Kaderplanung?

Bullacher: Vor allem der Abgang von Tobias Alt tut natürlich sehr weh. Er hat eine überragende Saison gespielt und ich hätte ihn gerne behalten. Leider hat er seine Entscheidung bereits sehr früh getroffen. Es ist nicht gut, wenn wir solche Talente verlieren, weil sie wichtige Bausteine in einem komplexen Bauwerk sind. Eine Mannschaft ist wie eine junge Pflanze. Wenn mal ein großer kräftiger Baum daraus entstehen soll, macht es keinen Sinn, ständig Blätter, Blüten und Äste abzuschneiden und gleichzeitig tonnenweise Dünger in den Boden zu kippen. Kontinuität ist ein großer Teil in der Erfolgsformel.

Dem SV 64 bleiben zwölf Spieler aus der vergangenen Saison erhalten. A-Junior Philipp Meiser soll ein fester Bestandteil der ersten Männermannschaft werden. Giona Dobrani rückt nach der Jugendzeit in die Erste auf. Zudem kehrt Thomas Zellmer nach seiner Spielertrainertätigkeit beim TV Homburg als Neuzugang zurück. Wie sehen Sie die Mannschaft für die kommende Runde aufgestellt?

Bullacher: Der Kader ist sehr ausgeglichen und mit Bedacht zusammen gestellt. Wir haben ganz bewusst auf Neuzugänge verzichtet. Thomas ist ja mehr ein Rückkehrer, als ein Neuzugang. Wir wollten die extrem hohe Fluktuation der vergangenen beiden Jahre erstmal stoppen. Das Hauptaugenmerk lag ganz bewusst auf unseren eigenen Talenten, die eine hohe Vereinsidentifikation mitbringen. Falls es personelle Engpässe geben sollte, werden wir eben die Jungs aus der A-Jugend ins kalte Wasser werfen. Das hat auch in der Vergangenheit schon einige Male erfolgreich funktioniert.

Welche Jungs aus der A-Jugend können den Sprung in die Erste schaffen?

Bullacher: Philipp Meiser, Sebastian Meister und Felix Dettinger haben ja bereits bei Axel Koch sporadisch in der Oberliga gespielt. Das sind wirklich gute Jungs, die ihre Chance bekommen werden. Aber auch Fabian Naumann, Philipp Baus und Benedict Haubeil haben in der letzten Saison große Fortschritte gemacht und werden die Möglichkeit haben, mit der ersten Mannschaft zu trainieren. Bei Nico Müller muss man abwarten. Er ist seit seiner Schulteroperation unter Belastung immer noch nicht schmerzfrei.

Wie wichtig war es für den Verein, dass die A-Jugend erneut die Quali für die Bundesliga geschafft hat?

Bullacher: Die Jungs haben eine atemberaubende Qualifikation gespielt. Sie sind als absoluter Außenseiter gestartet und haben am Ende alle Konkurrenten aus dem Südwesten hinter sich gelassen. Das war eine ganz starke Charakterleistung vor der ich nur meinen Hut ziehen kann. Dass wir am Ende der einzige Verein in Rheinland-Pfalz und im Saarland sind, der in der Bundesliga spielen darf, hat wohl alle Experten überrascht und macht uns alle sehr stolz. Mehr Alleinstellungsmerkmal geht nicht. Das war ein ganz starkes Signal für den Jugendstandort Zweibrücken.

Werden Sie sich neben Ihrer Tätigkeit als Erstmannschaftstrainer auch wieder im Jugendbereich engagieren?

Bullacher: Ich werde wiederum das Amt des Jugendkoordinators ausüben. Damit habe ich den direkten Draht an die Basis und sehe schon frühzeitig, welche Talente heranwachsen. Die Jugendarbeit ist die Grundlage für unseren Erfolg.

Was sehen Sie beim SV 64 als langfristiges, realistisch zu erreichendes Ziel?

Bullacher: Wir wollen mit unseren Talenten als Leistungsträger so hoch wie möglich spielen. Dabei waren die vier Jahre in der 3. Bundesliga ein gelebter Traum, den wir natürlich gerne wiederholen würden. Es macht aber in der heutigen Zeit absolut keinen Sinn, langfristige Ziele in Form von Ligazugehörigkeiten festlegen zu wollen. Die Strukturveränderungen des Spielbetriebs sind einfach zu schnelllebig geworden. Vor nicht einmal zehn Jahren waren der Unterbau der 2. Liga im Südwesten, die Landesverbände Saar, Pfalz und Rheinhessen mit einer reinen Amateurliga. Heute fahren wir bis nach München und an den Bodensee und messen uns gegen Teams deren Etats jenseits der 400 000 Eurogrenze liegen. Daher müssen wir auch in unserer Zielsetzung flexibel sein.

Dieses Gespräch führte
Svenja Hofer