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Sportkolumne
Schwäche zeigen muss erlaubt sein

FOTO: Robby Lorenz / SZ
Ganz offen zu reden, dass bekommen Fußballprofis schon in jungen Jahren in Medienschulungen ausgetrieben. Per Mertesacker hat es nun doch getan – und mit seinen Aussagen über Leistungsdruck und Versagensängste, vor allem während der WM 2006, kontroverse Diskussionen ausgelöst. Von Svenja Hofer

Der muss das abkönnen, mag man denken. Bei den Millionen, die er verdient, für den Ruhm, den er 2014 als Weltmeister eingeheimst hat. Diese Denkweise haben auch solche Reaktionen wie die von Lothar Matthäus nur all zu deutlich gezeigt: „Er hätte ja aufhören können.“ Richtig, wäre die einfachste Lösung gewesen.

Dabei geht es doch um mehr. Nicht nur um den einen Spieler. Nicht nur um den Menschen Per Mertesacker, der hinter dem immer bodenständigen, ackernden Fußballer steckt. Der in dem Millionengeschäft wie Ware hin und her geschoben wird. Der neben den ertrags- und ruhmreichen Seiten, auch die schattigen ertragen muss: Ganz schnell in der öffentlichen Kritik, stets von allen Seiten unter Beobachtung steht. Sich keinen falschen Schritt erlauben darf, weder auf noch neben dem Platz.

Es geht um ein Tabuthema. Um die Angst, Schwäche zu zeigen. Dieses Bild passt nicht in unsere Leistungsgesellschaft. Nicht in die von sozialen Medien und der dortigen Demonstration des persönlichen Glücks bestimmten Freizeit. Nicht in den Job, ganz unabhängig von Beruf oder Gehalt. Denn auch die Millionen auf dem Konto und die Momente des Ruhms sichern doch nicht ab gegen Versagensängste, Stress und Überforderung. Wie wir sie doch alle kennen.



Richtig, Leistungssport ist brutal. Das ist – und muss auch – jedem klar sein, der diesen Weg wählt. Das spüren auch Zweibrücker Spitzenathleten wie Stabhochspringer Raphael Holzdeppe, Schwimmerin Marlene Hüther oder Judoka Jasmin Külbs immer wieder. Und dennoch muss es doch erlaubt sein, Schwächen zu gestehen und um Hilfe zu bitten. Ohne, dass dadurch neue Ängste oder Verurteilungen folgen.

Wenn es Mertesacker nach dem Ende der Nationalmannschaftskarriere auch leichter fallen mag, so ist es doch ein guter und mutiger Weg, seine Erfahrungen auszusprechen. Und dadurch vielleicht manch einem die Augen zu öffnen und manch einem anderen Mut zu machen, ebenfalls offen damit umzugehen.