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Schiffbruch für die Liga

Hamburg. Der HSV hat nach langem Hickhack doch die Lizenz für die Handball-Bundesliga bekommen. Die Hamburger haben bis zum 1. Juli Zeit, die Auflagen zu erfüllen. Von fast allen Seiten hagelt es Kritik am Ligaverband HBL. Stefan Flomm,Inga Radel (dpa)

Wut und Befremden. Das waren die ersten Reaktionen aus der Handball-Bundesliga nach der überraschenden Lizenzerteilung für den HSV Hamburg . "Wir akzeptieren das Urteil juristisch, moralisch tun wir es nicht", sagte Holger Kaiser, Geschäftsführer des Ligaverbandes HBL. Die von dem Urteil mitbetroffenen drei Vereine reagierten schockiert. Für den nun doch abgestiegenen HBW Balingen-Weilstetten sprach Geschäftsführer Bernd Karrer in den "Stuttgarter Nachrichten" von "Wahnsinn". Coach Michael Roth vom verhinderten EHF-Pokal-Teilnehmer MT Melsungen witterte ein Komplott: "Das ist verwunderlich. Das ist blamabel und spricht nicht gerade für die HBL. Irgendwas stimmt da nicht." Von HSV-Seite wiederum schossen Interimspräsident Frank Spillner und der Anwalt gegen die HBL.

Nachdem den finanziell massiv angeschlagenen Hanseaten die Spielberichtigung für die kommende Saison in zwei Instanzen zunächst verweigert worden war, sorgte das unabhängige HBL-Schiedsgericht am Mittwochabend nach einer achtstündigen Marathonsitzung in einem Hotel in Minden für eine große Überraschung und erteilte dem deutschen Meister von 2011 und Champions-League-Sieger von 2013 doch noch die Lizenz. Wenn auch unter Bedingungen. So muss der Club bis zum 1. Juli, 17 Uhr, liquide Mittel nachweisen. Dem Vernehmen nach geht es um rund fünf Millionen Euro.

"Aber was sind die Folgen, wenn der HSV bis zum 1. Juli doch nicht die erforderlichen Nachweise erbracht hat? Muss, oder darf er dann trotzdem antreten und gilt dann als erster Absteiger der neuen Saison? Oder spielen wir mit 17 oder gar mit 19 Mannschaften?", fragte Melsungen-Vorstand Axel Geerken nicht zu Unrecht. "Ich bin mir sehr sicher, dass die Vereinsvertreter bei der Liga-Tagung nächste Woche noch viel mehr Fragen haben werden." Balingen-Geschäftsführer Karrer führte in der "Südwest Presse" weiter aus: "Die Glaubwürdigkeit des deutschen Handballs leidet unheimlich darunter." Dem unseriösen Wirtschaften würde damit "Tür und Tor geöffnet".

Auch die Verantwortlichen der HG Saarlouis, die Drittligist bleibt, reagierten mit großem Unverständnis. "Wir haben seit der Entscheidung der zweiten Instanz vor fünf Wochen intensiv auf die 2. Liga hingearbeitet. Mit so einem Urteil hat absolut niemand gerechnet", sagte der HG-Vorsitzende Richard Jungmann.

Manager Dierk Schmäschke vom nicht unmittelbar betroffenen Champions-League-Sieger SG Flensburg-Handewitt sorgte sich unterdessen um den Ruf der Liga: "Der deutsche Spitzenhandball allgemein sollte sich schleunigst wieder auf seine Stärken besinnen und wichtige Themen intern gut vorbereiten und erörtern, um nicht weiterhin Negativschlagzeilen zu produzieren."

Das dreiköpfige Schiedsgericht, zu dem neben dem Vorsitzenden Frank Lau je ein Vertreter der HBL und des HSV gehörten, folgte offenbar mehrheitlich der Argumentation der zwei HSV-Anwälte: "Der HBL ist ein unerklärlicher Kapitalfehler unterlaufen", sagte Thomas Summerer, einer der Rechtsvertreter, dem "Hamburger Abendblatt". Und in der "Bild": "Die HBL hat Bedingungen und Auflagen nicht geprüft und ihre Dienstleistungspflicht gegenüber den Vereinen grob missachtet."

Vor dem Schiedsgericht ging es ausschließlich um formale Fehler, nicht um Zahlen und Fakten. Die HBL hätte spätestens in der zweiten Instanz "unsere Lizenzfähigkeit durch Auflagen oder Bedingungen herstellen müssen", kritisierte HSV-Interimspräsident Spillner. Das sei nicht passiert, obwohl es die Lizenzierungsstatuten so vorsehen würden. Für ihn geht es jetzt darum, dass "wir bis zum 1. Juli ein Papier beschaffen müssen, in dem steht, dass wir Liquidität beschaffen können".

Ein potenzieller Geldgeber sei Ex-Präsident und -Mäzen Andreas Rudolph, dessen Rücktritt am 8. Mai die aktuelle Krise erst ausgelöst hatte. Kaisers Äußerung, dass "der HSV die Zahlen zuvor kannte und den Nachweis der Liquidität schon vor einem Monat hätte erbringen können", konterte Spillner: "Das ist aber nicht angefordert worden." Geschäftsführer Holger Liekefett sagte dem "Abendblatt": "Hinter uns liegt ein Berg von Arbeit, und nun ist da der nächste Berg Arbeit."

Für die Zukunft befürchtet HBL-Geschäftsführer Kaiser: "Nach diesem Urteil können wir niemandem mehr die Lizenz verweigern." Für die empörten Reaktionen der anderen Clubs hat er "vollstes Verständnis".