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LAZ Zweibrücken
Der Stolz, nicht die Enttäuschung bleibt

 Die erhoffte WM-Medaille hat LAZ-Speerwerferin Christin Hussong als Vierte in Doha denkbar knapp verpasst.
Die erhoffte WM-Medaille hat LAZ-Speerwerferin Christin Hussong als Vierte in Doha denkbar knapp verpasst. FOTO: dpa / Jean-Christophe Bott
Zweibrücken. Eine starke Saison fand für Christin Hussong bei der WM in Doha mit dem bitteren vierten Platz nicht das erhoffte Ende. Die Speerwerferin des LAZ Zweibrücken ist aber mit sich im Reinen und blickt optimistisch Richtung Olympiajahr 2020. Von Svenja Hofer

Sport kann so hart sein. Eine Sekunde, ein Tor oder eben ein einziger Wurf können über Sieg und Niederlage entscheiden. Dieses Leid hat Christin Hussong in diesem Jahr ausgerechnet im Finale der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Doha (Katar) zu spüren bekommen. Vier Versuche lang lag die Speerwerferin des LAZ Zweibrücken voll auf Medaillenkurs. Bis zum letzten Durchgang. In diesem schleuderte die Australierin Kelsey-Lee Barber ihren Speer auf 66,56 Meter, schob sich an den drei bis dahin Führenden vorbei, sicherte den Sieg vor den Chinesinnen Liu Shiying (65,88) und Lyu Huihui (65,49) – und Hussong ging leer aus. Obwohl sie mit ihrem letzten Versuch nochmal konterte. Doch die 65,21 Meter reichten nicht mehr, um aufs Podest zu klettern und die erhoffte WM-Medaille zu sichern. Die Enttäuschung stand der 25-Jährigen deutlich ins Gesicht geschrieben, mit hängenden Schultern schlich Christin Hussong nach dem Final-Wettkampf, dessen Ausgang so gar nicht zu ihrer ansonsten starken Saison gepasst hat, aus dem Khalifa International Stadium. Während die Medaillengewinnerinnen ihre Ehrenrunde drehten.

Doch dieses Gefühl ist an der Herschbergerin nicht lange hängen geblieben. Relativ schnell habe sie sich nach dem Interview-Marathon – „der auch in solchen Momenten dazugehört“ – gefangen. „Ich bin zur Dopingkontrolle und da kam dann mein Papa“, erzählt Hussong rund zehn Wochen nach dem WM-Finale mit etwas Abstand. „Der Moment, wenn du deinen Trainer, der auch noch dein Papa ist, nach so einem Wettkampf triffst, da kommt einfach alles hoch. Da habe ich einfach nur geweint.“ Aber schon vor dem Stadion, als die WM-Vierte – und damit beste Europäerin – ihre Mutter traf, „war es wieder okay“, blickt sie zurück. „Natürlich denkt man noch daran, und natürlich ist es hart. Aber solche Erfahrungen gehören zum Sport dazu“, sagt die 25-Jährige, die stets an ihrem Traumwurf über 67,90 Meter gemessen wird, mit dem sie sich 2018 in Berlin zur Europameisterin krönte. „Und Vierte der Welt ist ja auch nicht so schlecht“, schiebt Hussong mit einem verschmitzten Lächeln hinterher. „Mittlerweile, wo sich alles ein bisschen gelegt hat, bin ich schon auch stolz.“

Zumal sie bei der WM alles gegeben hat. „ Daher bin ich absolut mit mir im Reinen“, erklärt die LAZ-Speerwerferin, die während des Wettkampfs kein bisschen überrascht war, dass Barber nochmal einen solch wuchtigen letzten Wurf raushauen konnte. „Sie hatte mich schon zuvor zwei Mal in diesem Jahr noch im letzten Durchgang abgefangen. Wahrscheinlich war ich auch deshalb in meinem letzten Versuch, der ja nochmal weit ging, so fokussiert – aber es hat einfach nicht sollen sein“, sagt die Herschbergerin Schulter zuckend.



Als nach dem WM-Finale DLV-Sportpsychologin Tanja Damaske, früher selbst Speerwerferin und Europameisterin von 1998, zu Christin Hussong kam, ihr auf die Schulter klopfte und betonte, dass es in diesem Moment, wenn du vor deinem letzten Wurf vom Podest verdrängt wirst, nur die allerwenigsten schaffen, noch so eine Reaktion zu zeigen, „hat mich das sehr stolz gemacht“. Hussong kann aus diesem Wettkampf daher weit mehr mitnehmen als nur das Gefühl der Enttäuschung. Wenn auch kein Edelmetall, so war es doch ihr bestes Abschneiden bei einer Aktiven-WM. Auf dem sich, wie auf der gesamten Saison mit Blick auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio sehr gut aufbauen lässt.

Imposant ist dabei vor allem die Konstanz, mit der Hussong in der Weltspitze mitmischt. Gleich in ihrem ersten Wettkampf des Jahres, dem Winterwurf-Cup in der Slowakei im März, hatte sie die Qualifikationsnorm für die WM (61,50 m) geschafft – und übertraf diese in jedem weiteren Wettkampf. Starke Auftritte legte die LAZ-Athletin in der Diamond League hin, durfte neben jeweils Platz drei in London und Shanghai zudem über ihren ersten Sieg der Serie jubeln. Mit Saisonbestleistung von 66,59 Metern landete sie in Lausanne ganz oben auf dem Treppchen – vor Kelsey-Lee Barber. Erstmals durfte die Europameisterin somit im begehrten Finale der Diamond-League-Serie in Zürich ran, wurde bei der WM-Generalprobe allerdings ebenfalls undankbare Vierte. Den Titel bei der DM in Berlin nahm Hussong hingegen scheinbar im Vorbeigehen mit, siegte bei einer Weite von 65,33 Metern mit einem Vorsprung von knapp sieben Metern vor Annika Marie Fuchs aus Potsdam. Dass die deutsche Meisterin selbst mit Würfen um die 65 Meter „nicht mehr zu 100 Prozent zufrieden“ ist, zeigt, dass auch ihre eigenen Ansprüche gewachsen sind. „Ich weiß, dass es noch besser geht“, sagt sie selbstbewusst. Und auch die 67,90 Meter aus dem Vorjahr sollen noch nicht das Ende der Fahnenstange sein.

Zeigen will sie das im Olympiajahr, auf das sich mittlerweile der volle Fokus richtet. Viel Zeit zur Regeneration – und zum Nachgrübeln – blieb Christin Hussong nach der langen Saison mit der späten WM im Oktober in Katar nicht. Nach einem „kürzeren Urlaub“ ist die 25-Jährige mit ihrem Vater und Trainer Udo Hussong schon längst wieder in die Vorbereitung gestartet.

Die Qualifikationsnorm für Tokio, und damit ihre zweiten Olympischen Spiele, hat die Europameisterin bereits in der Tasche. „Das gibt natürlich Sicherheit.“ Dennoch müsse sie konzentriert trainieren und gesund bleiben, um beim nächsten Großereignis in Tokio vielleicht wieder die schönere Seite des Sports erleben zu können.