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Merkur-Serie  Doping im Sport
Mit Finger nicht nur auf Russland zeigen

In ihrer Leistungssport-Laufbahn hat die ehemalige LAZ-Stabhochspringerin Kristina Gadschiew einige Dopingkontrollen mitgemacht.
In ihrer Leistungssport-Laufbahn hat die ehemalige LAZ-Stabhochspringerin Kristina Gadschiew einige Dopingkontrollen mitgemacht. FOTO: picture alliance / dpa / Kerim Okten
Hornbach/Zweibrücken. Das Anti-Dopingsystem in der deutschen Leichtathletik hält Kristina Gadschiew für vorbildlich, teilweise seien die Kontrollen überkorrekt. Ob jedoch immer alle ehemaligen Konkurrentinnen der Stabhochspringerin sauber waren, da ist sich die heute 34-Jährige nicht so sicher. Von Sebastian Dingler

Jahrelang hat Kristina Gadschiew in ihrer Disziplin zur nationalen, sogar zur internationalen Spitze gehört. Die Stabhochspringerin gewann 2013 die deutsche Hallenmeisterschaft, 2011 war sie Dritte bei den Europameisterschaften und 2010 Weltmeisterschafts-Siebte. Vor zwei Jahren hat die in der Sowjetunion geborene Gadschiew ihre Karriere beendet.

Ihren Sport hält die Leichtathletin des LAZ Zweibrücken, die in Hornbach lebt, für weitgehend sauber: „Im Stabhochsprung ist es so, dass da Doping nicht so viel bringt wie bei Sprintern oder 200-Meter-Läufern. Klar kann man eine größere Leistungsfähigkeit erreichen, aber man kann auch ohne Doping dasselbe Niveau erarbeiten. Es hilft nicht so extrem, weil der Stabhochsprung eben eine technische Sportart ist“, erklärt sie.

Trotzdem habe sie manchmal den Eindruck gehabt, dass ihre Konkurrenz gedopt war. Fest machte sie das daran, dass andere Athletinnen jahrelang konstante Leistungen gebracht und sich dabei nie verletzt haben. „Es kann aber auch einfach am besseren Körperbau gelegen haben, und vielleicht ist es auch einfach nur der Neid“, sagt Gadschiew, die als Achtjährige nach Deutschland kam, lachend. Sie ist sich dennoch nicht hundertprozentig sicher, ob es beim 2009 von der Russin Jelena Issinbajewa aufgestellten Weltrekord von 5,06 Metern mit rechten Dingen zuging.



Das deutsche Anti-Dopingsystem in der Leichtathletik hält Gadschiew aber für vorbildlich. „So wie das System aufgebaut ist, kann ich mir nicht vorstellen, dass hierzulande gedopt wird.“ Im Gegenteil – sie beklagt eher die teilweise absurde Überkorrektheit bei den Kontrollen. Immer drei Monate im Vorlauf musste sie angeben, wo sie sich befindet. Da sei es auch mal zu einem „Missed Test“ gekommen: „Als ich studiert habe, musste ich meinen Stundenplan genau angeben. Früher wurde man vor dem Test noch angerufen, das wurde dann geändert.“ Die Tester können demnach einfach dort auftauchen, wo sich der Sportler gerade befindet. „Ich musste einmal wegen einer Klausur an die Uni, das hatte ich vergessen anzugeben, weil ich im Lern- und Trainingsstress war. Da standen die vor meiner Haustür und ich war nicht da. Weil ich nicht innerhalb einer Stunde an dem vorher angegebenen Ort war, hatte ich einen Missed Test. Der wird erst nach anderthalb Jahren gelöscht. So was kann also schnell passieren.“ Nach drei Missed Tests gilt ein Athlet als gedopt. Ein anderes Mal wurde Gadschiew drei Mal in einer Woche getestet, obwohl sie gerade die Qualifikation für Olympia verpasst hatte. Auch nach einer Verletzung mit anschließender Operation wurde sie zweimal getestet, obwohl sie sich zu diesem Zeitpunkt gar nicht sicher war, ob die Karriere weitergehen kann. Darüber hinaus musste der Arzt alle Medikamente, die sie im Zuge ihrer Operation bekommen hatte, genau angeben – darin sieht die 34-Jährige auch heute noch keinen Sinn.

Kristina Gadschiew denkt nicht, dass die Kontrollen in anderen Ländern so streng sind wie in Deutschland – nur, immer mit dem Finger auf Russland zeigen, das lehnt sie auch ab. „Es gibt genügend andere Länder, die das nicht so vorbildlich handhaben“, betont sie. Außerdem kann sie sich nicht vorstellen, dass beispielsweise beim Fußball genauso streng hingeschaut wird. „Wir hatten mal die Diskussion beim deutschen Leichtathletikverband, ob ein Thomas Müller morgens um sechs Uhr rausgeklingelt wird und seinen Urin abgeben muss – das glaubten wir eher nicht.“

Bei den großen Leichtathletik-Turnieren sei Doping immer ein großes Thema, bei einer Fußball-WM nicht. „Na gut, dieses Jahr schon, aber nur weil sie in Russland stattfand“, sagt Gadschiew, die sich wünscht, dass bei der Leichtathletik-Europameisterschaft in Berlin nicht jede zweite Reporterfrage das Thema Doping ansprechen würde.

Und was macht die ehemalige Spitzensportlerin neben dem Verfolgen ihres ehemaligen Sports heute? Sie betreibe nach der Geburt ihres ersten Kindes noch etwas Fitness-Training, sagt sie, um als angehende Sportlehrerin den Kindern ein Vorbild zu sein. Das zweite Fach der Referendarin vom Hofenfels-Gymnasium ist Chemie.

Die Doping-Kontrollen in der deutschen Leichtathletik sind überkorrekt, findet Kristina Gadschiew.
Die Doping-Kontrollen in der deutschen Leichtathletik sind überkorrekt, findet Kristina Gadschiew. FOTO: Sebastian Dingler