| 00:00 Uhr

„Ich stehe nicht auf nette Schwiegersöhne“

 SVN-Trainer Adis Herceg ist es wichtig, viel mit seinen Spielern zu reden. Foto: Martin Wittenmeier
SVN-Trainer Adis Herceg ist es wichtig, viel mit seinen Spielern zu reden. Foto: Martin Wittenmeier FOTO: Martin Wittenmeier
Adis Herceg:. Zweibrücken. Am 2. August startet der SVN Zweibrücken in seine zweite Regionalliga-Saison. Mit total umgekrempelter Mannschaft. Merkur -Redakteurin Svenja Kissel sprach mit dem neuen Trainer Adis Herceg über die Vorbereitung, seinen Kader und seine Ziele mit dem SVN.

Herr Herceg, haben Sie sich gut eingelebt beim SVN?

Ja, ich komme ganz gut zurecht. Ich bin hier gut aufgenommen worden. Und die Stadt hatte ich mir schlimmer vorgestellt. Kleiner und nicht so gemütlich. Die Leute sind angenehm und auch sportlich bin ich bislang zufrieden.

Sie haben eine Firma in Karlsruhe, trainieren in Zweibrücken . Wie bekommen Sie das unter einen Hut?

Herceg: Es ist gar nicht so schlimm. Wir haben Montagsvormittags frei, da arbeite ich dann und komme abends zum Training. Donnerstags haben wir komplett frei. Mittwochs nach dem Training kann ich somit wieder zurück. Freitagsmorgens übernimmt der Co-Trainer die Leitung, ab abends bin ich wieder da. Es läuft ganz gut - und an den Umsatzzahlen in der Firma hat sich auch noch nichts geändert (lacht).

Die Verpflichtung von Co-Trainer Pawel Biesiada ist demnach schon eine Entlastung für Sie?

Herceg: Ja, ganz klar. Es ist wichtig, dass immer jemand da ist, wenn die Jungs trainieren.

Sie sind beim Regionalligisten als Trainer und Sportlicher Leiter tätig. Was genau übernehmen Sie alles für Aufgaben?

Herceg: Ich habe die Spielerverpflichtungen übernommen. Ich verhandle und bringe das gemeinsam mit dem Vorstand zum Abschluss. Ich habe einen Etat vorgegeben bekommen, damit muss ich wirtschaften. Aber es ist gar nicht so schlecht, alles aus einer Hand zu machen. Allerdings muss man sich die Zeit nehmen, muss zu den Spielern fahren, nach Frankfurt, Wiesbaden oder wo auch immer. Aber ich bin in einem Alter, in dem man noch belastbar ist (lacht).

Gehen Sie auch zu Sponsoren ?

Herceg: Ich hab auch Sponsoren mitgebracht. Mit den alten sind die Gespräche abgeschlossen, bei einigen habe ich mich auch mal gezeigt. Nun werden noch mögliche neue angegangen.

Zwar spielt der SVN in der Regionalliga, ist aber von den Strukturen her eher ein kleinerer Verein. Hat Sie das überrascht und ist es normal für Sie, auch in anderen Bereichen anzupacken?

Herceg: Ich bin es gewohnt. Betreuer Michael Reiser, Martina Neu und Richard Denger machen viel, das ist eine hohe Belastung. Da versuche ich zu helfen, wo es geht. Die Wege sind kurz. Ich wundere mich dann immer, was andere Vereine machen, die zehn, 20 Leute für all diese Bereiche und ein viel größeres Budget haben und am Ende doch schlechter abschneiden. Bislang finde ich gut, wie es hier läuft. Ich hoffe nur, dass mir da keiner mehr wegbricht. Natürlich wären wir auch über jeden anderen froh, der uns helfen möchte. Aber heutzutage ist es schwer, jemanden zu finden, der das ehrenamtlich macht.

Sie haben mit dem TSV Grunbach die Vizemeisterschaft in der Oberliga Baden-Württemberg erreicht, hatten dort großen Erfolg - warum zog es Sie weg?

Herceg: Ich hatte zwei Angebote. Ich habe mich dann für den kleinen Schritt nach Zweibrücken entschieden. In solchen Vereinen habe ich schon öfter gearbeitet. Wobei ich sagen muss, dass der SVN professionellere Strukturen hat. Ich wollte unbedingt in die Regionalliga, ich wollte nicht gleich den riesigen Spagat machen. Ich wäre auch in den Osten gegangen, wenn ich nur von da ein Angebot gehabt hätte, aber so ist es einfacher. Wenn ich meine Familie vermisse oder in der Firma etwas schief läuft, dann bin ich bei den 105 Kilometern schnell da. Die Regionalliga möchte ich dazu nutzen, zu erkennen, ob ich das Potenzial zu mehr habe oder mich doch lieber auf Geschäft und Familie konzentriere.

Für Sie ist die Regionalliga also auch eine Chance? Welchen Eindruck haben Sie bislang?

Herceg: Ich denke in der Runde spürt man es an den Ergebnissen. Bislang merke ich es an der Mannschaft. Ich rede viel mit den Spielern, aber ich erwarte auch von ihnen Feedback: Was läuft gut, was war schlecht. Im Spielerrat spreche ich das zwei, drei Mal im Monat an. Ich bin noch kein fertiger Trainer. Klar ist die Regionalliga nicht nur für die Spieler, sondern auch für mich eine Chance, mich zu zeigen. Vielleicht kommen dann andere Angebote. Wenn nicht, auch nicht schlimm. Ich muss das nicht machen, um Geld zu verdienen, sondern, weil es Spaß macht.

Nimmt das den Druck raus?

Herceg: Ich mache mir schon Druck. Aber ich habe gelernt, dass es außer Fußball noch andere schöne Dinge gibt. Man sollte sich nicht so sehr in eine Sache hineinsteigern, damit kann man auf die Schnauze fallen. Vielen Spielern geht das so. Ich mache mir keine schlaflosen Nächte mehr. Ich kann auch Niederlage mittlerweile schnell abhaken. Das haben mir auch Spieler beigebracht, Profis, die gesagt habe: Trainer, wir können nicht jedes Spiel gewinnen. Ich war immer verbissen. Da haben mich die Spieler korrigiert, ein besserer Mensch zu werden. Dafür habe ich mich bedankt.

Das hören Spieler wahrscheinlich eher selten.

Herceg: Das stimmt. Aber ich denke, an so etwas scheitern auch Trainer. Man ist eine Beziehung eingegangen. Es ist wichtig, ein Team zu sein. Bislang habe ich damit gute Erfahrungen gemacht. Wir werden sehen, ob das beim SVN auch so ist. Mir ist die Meinung der Spieler wichtig. Sechs, acht oder zehn Augen sehen einfach mehr als zwei. Manchmal ist man so verbohrt, blickt nur geradeaus. Ich habe auch gelernt, mit Kritik umzugehen, wenn diese im internen Kreis bleibt. Natürlich sollte ein Spieler nicht jeden Tag, jede Woche zu mir kommen und meckern. Aber ich will sie zur Selbstständigkeit erziehen.

Sie haben unter Jürgen Klopp und Bruno Labbadia hospitiert. Übernimmt man Gewohnheiten dieser Kollegen oder entwickelt man seine ganz eigene Linie?

Herceg: Du schaust zu, arbeitest mal mit. Man kann schon sehen, wie Trainer mit Spielern umgehen. Viele bauen eine Wand auf, Klopp noch am wenigsten. Das muss auch nicht sein. Die Spieler werden immer jünger, die brauchen Feedback. Ich spreche Kritik und Lob auch vor dem Team aus, aber von allen. Damit sie sehen, dass es jeden treffen kann. Dabei gehe ich nicht unter die Gürtellinie. Jetzt geht's in die Einzelgespräche - da kann es mal härter zugehen. Aber jeder darf Fehler machen - nur nicht zwei, drei Mal hintereinander den gleichen. Das toleriere ich nicht. Ansonsten habe ich aber kein Problem, einen Spieler nach einem Fehler mal in den Arm zu nehmen. Auch ich brauche mal eine Umarmung. Wir sind doch alle Menschen.

Haben Sie als Trainer Vorbilder?

Herceg: Das ist schwierig. Ich mag Klopp. Er zeigt Emotionen. Aber auch José Mourinho gefällt mir. Er sagt, was er denkt, was selten ist in dem Geschäft.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Stand der Vorbereitung?

Herceg: Was ich bewundere ist, dass es die Mannschaft gegen die kleineren Teams immer wieder geschafft hat, die Spannung hochzuhalten. Die Frage ist doch: Zeigt sich der Charakter gegen einen Bundesligisten oder gegen Verbands-, Landes- und Kreisligisten? Das hat der SVN mit Bravour erledigt. Ich denke, dass wir mit diesen Charakteren im Team die Klasse halten können. Wir haben nicht nur Dienst nach Vorschrift geschoben. Gegen Saarbrücken hat man gesehen, was in der Mannschaft steckt.

Der SVN hat bislang 17 neue Spieler verpflichte. Dazu die sechs Übriggebliebenen. Steht der Kader damit oder wird sich bis zum Ende der Transferperiode noch etwas tun?

Herceg: Bei zwei, drei Leuten könnte noch etwas passieren. Im Hintergrund wird auch noch kräftig Gas gegeben und die Spieler umworben. Daher ist der Kader noch nicht zu 100 Prozent fest.

Der Kader hat ein ganz neues Gesicht bekommen. Nach welchen Kriterien verpflichten Sie neue Spieler?

Herceg: Ich bin ein ganz schwieriger Typ. Ich stehe nicht auf nette Schwiegersöhne und zu ausgeglichene Spieler. Ich brauche Spieler, die Feuer haben, die emotional sind. Ich bin ein Trainer, der in die Spieler reingeht, in die Seele und das Herz. Ich beschäftige mich mit jedem Spieler. Ich beobachte ihren Umgang untereinander, höre zu. Verlassen sie den Platz oder die Kabine ohne etwas liegen zu lassen, gehen sie mal Bälle holen. Das ist wichtig.

Und Sie gehen als Beispiel voran. Bei der Stadtmeisterschaft habe ich beobachtet, wie Sie in die Büsche die Bälle sammeln waren.

Herceg: Klar. Da ziehe ich dann auch mal meine Schuhe aus und steige in den Bach, um an die Bälle zu kommen.

Ab August wird es ernst. Ist der Klassenverbleib für den SVN das vorrangige Ziel?

Herceg: Ja. Wenn wir ein paar Punkte auf dem Konto haben, können wir sehen, ob wir uns neue Ziele stecken.

Wer sind für Sie die Favoriten?

Herceg: Homburg, Elversberg, Saarbrücken und die U23 des FCK.