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Leichtathletik-EM
Hussong „hungrig“ auf ganz großen Wurf

 Steil nach oben zeigt die Formkurve von Christin Hussong auf dem Weg zur EM.
Steil nach oben zeigt die Formkurve von Christin Hussong auf dem Weg zur EM. FOTO: picture alliance / dpa / Sven Hoppe
Zweibrücken. Das verkorkste letzte Jahr ist abgehakt, der Speer fliegt wieder konstant über die 60-Meter-Marke. Nach einem intensiven Winter-Training präsentiert sich Christin Hussong stärker denn je. Gerade rechtzeitig zur Heim-EM. Dort will die LAZ-Athletin um die Medaillen mitwerfen. Von Martin Wittenmeier

Keine elf Monate ist es her, da hätte sich Christin Hussong noch am liebsten vergraben. Tief enttäuscht saß die Speerwerferin des LAZ Zweibrücken auf dem Rasen des Londoner Olympiastadions. 60,86 Meter – das WM-Aus schon in der Qualifikation. Ein ganzes Jahr hatte sie auf diesen Tag hingearbeitet, doch im entscheidenden Moment wollte ihr Speer einfach nicht ins Fliegen kommen. Ratlosigkeit herrschte bei der jungen Herschbergerin.

Von Verunsicherung ist ein knappes Jahr danach nichts mehr zu spüren. Gleich der erste Wettkampf des Jahres sicherte der 24-Jährigen das Ticket für die Europameisterschaften im August in Berlin. Beim Winterwurf-Europacup in Leiria (Portugal) war der vierte Versuch Maßarbeit. Auf exakt 60,02 Meter ließ Hussong ihren Speer segeln, zwei Zentimeter über der geforderten Norm. „Natürlich baut es Druck ab, wenn du gleich gut in die Saison reinkommst“, erklärt die LAZ-Athletin. Im vergangenen Jahr habe dieses positive Gefühl in vielen Wettkämpfen gefehlt. „Plötzlich fängst du an zu zweifeln, haderst und redest dir das alles immer weiter ein, obwohl du es ja eigentlich kannst.“

Das erste richtige Ausrufezeichen folgte Ende Mai bei den Halleschen Werfertagen. Ohne Norm-Druck ließ die WM-Sechste von 2015 den 600-Gramm-Speer bis auf 66,36 Meter fliegen. Der zweitweiteste Wurf ihrer Karriere. „Athletisch war es auch im letzten Jahr schon gut, aber technisch hat es oft nicht gepasst“, erklärt die aktuelle Nummer sechs der Weltjahresbestenliste. „Ich war nicht so konsequent in der Phase bis zum Abwurf und konnte dadurch meine Geschwindigkeit nicht richtig auf den Speer bringen.“



Gemeinsam mit Trainer und Vater Udo Hussong habe sie im Winter intensiv daran gearbeitet, eingefahrene Technikmuster auszumerzen. Zudem mache sich noch etwas anderes bezahlt. „In der Vorbereitung habe ich viel mit den Männern wie Thomas Röhler und Johannes Vetter zusammengearbeitet. Das hat mich enorm weitergebracht. Momentan klappt es einfach.“

Das ist auch dem Speerwurf-Bundestrainer nicht verborgen geblieben. „Christin hat einfach eine Fackel, die muss sie nur an den Speer kriegen. Das ist noch nicht in jedem Wettkampf abrufbar, aber sie hat bereits jetzt ein stabil hohes Niveau“, stellte Mark Frank nach dem Wettkampf in Offenburg fest, bei dem Hussong mit 63,52 Metern erneut eine starke Vorstellung abgeliefert hatte. Aber auch die Einstellung der Studentin der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement in Saarbrücken hat sich gewandelt. Sie sei jetzt „viel hungriger“, betont Hussong. „Mein Wettkampf in Ostrava zum Beispiel war trotz 63,85 Metern nicht super. Letztes Jahr hätte ich mich über Weiten von 62, 63 Metern gefreut, heute denke ich mir: ‚Das war ganz okay, aber da geht mehr‘. Ich bin noch nicht satt.“

Und auch mit kleinen Rückschlägen – etwa dem schwachen Auftritt beim Diamond League Meeting in Oslo (58,53m) – hat Christin Hussong gelernt, umzugehen. „In Oslo war ich nach den vielen Wettkämpfen vom Kopf her müde. Und wenn du nicht absolut fokussiert bist, fliegt der Speer halt ein bisschen zu sehr nach links oder rechts. Sorgen bereitet mir das nicht. Ich habe ja nicht in einer Woche das Speerwerfen verlernt“, sagt sie lachend.

Nach einer kurzen Wettkampf-Pause greift Hussong am kommenden Wochenende beim 3. Internationalen Speerwurf-Meeting in Jena an, ehe am 5. Juli in Lausanne (Schweiz) bereits das nächste Diamond-League-Meeting auf dem Plan steht. Wiederum nur vier Tage später misst sich die LAZ-Athletin in Luzern erneut mit der internationalen Konkurrenz. Neben guten Platzierungen ist der ehrgeizigen Sportlerin in der Vorbereitung auf die Europameisterschaften aber noch etwas anderes wichtig. „Ich will zeigen, dass ich diese Weiten auch in einem großen Stadion werfen kann und nicht nur irgendwo auf einer grünen Wiese.“

Ein weiterer Höhepunkt vor der EM sind die Deutschen Meisterschaften am 22./23. Juli in Nürnberg. Vor zwei Jahren erlebte Hussong ihren endgültigen Durchbruch, als sie bei der DM in Kassel den Speer auf 66,41 Meter feuerte und die gesamte deutsche Speerwurfelite distanzierte. 2017 musste sie sich dann hinter Nationalmannschafts-Kollegin Katharina Molitor mit Rang zwei zufrieden geben. „Wenn ich mich im Griff habe, bin ich in Nürnberg vorne mit dabei“, zeigt sich Hussong selbstbewusst.

Zumal die Konkurrenz im eigenen Land noch keine Bäume ausgerissen hat. Neben Hussong hat bislang nur die Leverkusenerin Dana Bergrath (60,06m) die geforderte EM-Norm gemeistert, Ex-Weltmeisterin Katharina Molitor sucht dagegen in diesem Sommer noch nach ihrer Form. „Für das Heimpublikum wäre es eine tolle Sache, wenn wir zu dritt im Olympiastadion antreten würden. Katharina ist die Norm in jedem Fall noch zuzutrauen.“

Hussong selbst will die Europameisterschaften „Schritt für Schritt“ angehen. „Erst einmal muss ich die Quali überstehen“, betont sie. Denn wie schnell Finalträume platzen können, hatte sie 2016 bitter erfahren müssen. Gerade noch deutsche Meisterin geworden, kam sie mit den schwierigen Windverhältnissen im auf den Amsterdamer Museumsplatz ausgelagerten Qualifikationswettkampf überhaupt nicht zurecht. Mit 57,17 Metern scheiterte sie schon im Vorkampf. Das soll sich in Berlin nicht wiederholen. „Und wenn ich es ins Finale schaffe, dann will ich auch um die Medaillen mitwerfen.“