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Interview Doping
„Ein Doping-Risiko gibt es sogar beim Darts“

Lars Mortsiefer von der Nationalen Anti-Doping-Agentur Nada.
Lars Mortsiefer von der Nationalen Anti-Doping-Agentur Nada. FOTO: Nada
Neue Merkur-Serie über Doping im Sport: Ein Fachmann der Nationalen Anti-Doping-Agentur berichtet über Tests, Strafen und Grauzonen. Von Eric Kolling

Im Kontext der jüngsten Olympischen Winterspiele machte Doping wieder Schlagzeilen. Zweibrücken ist dem Thema ohnehin nah – wird doch hier seit 2017 konzentriert der Anti-Doping-Kampf für Rheinland-Pfalz durch Staatsanwaltschaft und Gerichte geführt. Der Pfälzische Merkur beleuchtet daher das Thema Doping in loser Folge von verschiedenen Seiten. Zum Auftakt erläutert Lars Mortsiefer, Justiziar bei der Nationalen Anti-Doping Agentur (Nada), ab wann man als Hobby-Läufer ins Visier von Ermittlungen geraten kann, welche Sportstrafen Dopern drohen und wo das Anti-Doping-Gesetz nachgebessert werden müsste.

Herr Mortsiefer, wann beginnt die Staatsanwaltschaft zu ermitteln?

Lars Mortsiefer Staatsanwaltschaftliche Ermittlungen laufen parallel neben dem sportrechtlichen Verfahren. Wenn das Labor über ein positives Analyseergebnis informiert und sogenannte nicht-spezifische Substanzen festgestellt wurden, etwa anabole Steroide oder Epo, dann geht von uns – unabhängig vom sportrechtlichen Verfahren – eine Strafanzeige an die zuständige Staatsanwaltschaft. Die Zuständigkeit richtet sich nach dem Wohnsitz des Beschuldigten. Wenn der/die Beschuldigte in Rheinland-Pfalz wohnt, dann ist die Staatsanwaltschaft Zweibrücken zuständig. Dort prüft und ermittelt man, ob es einen hinreichenden Verdacht wegen Verstoßes gegen das Anti-Doping-Gesetz gibt.



Seit Dezember 2015 gilt das Anti-Doping-Gesetz. Hat es sich in Ihren Augen bewährt?

Mortsiefer Ja, es ist eine wichtige Ergänzung der Anti-Doping-Arbeit in Deutschland. Insbesondere die dadurch ermöglichte Zusammenarbeit mit den staatlichen Ermittlungsbehörden war ein wichtiges Signal. Sinnvoll wäre es sicherlich, den sogenannten Whistleblower-Schutz zukünftig weiter zu stärken. Insoweit wäre etwa eine Kronzeugenregelung gut. Wenn man Aussteigern etwas anbieten könnte, steigt auch die Bereitschaft von Hinweisgebern, den Anti-Doping-Organisationen zu vertrauen und auszupacken. Einem Radsportler, der gegen sein Team oder Ärzte auspacken will, könnten wir derzeit nicht garantieren, dass er weiter in dem Team fahren kann. Auch Staatsanwaltschaften können wenig bieten. Der Strafrahmen ist zu klein, ein Zeugenschutzprogramm geht nur bei schwerwiegenden Delikten.

Wie grenzen Sie bei der Dopingproblematik Breiten- und Spitzensport voneinander ab?

Mortsiefer Die Abgrenzung ist schwierig. Marathons boomen. Es gibt Volksmarathons zum Beispiel in München oder Berlin mit Tausenden von Teilnehmern. Nur ein kleiner Bereich der Starter hat die Klasse, vorne mitzulaufen. Die meisten laufen für sich. Es gibt da also auch den Familienvater, der in unter vier Stunden laufen will, parallel eine Arbeitswoche von 50 Stunden hat, sich zudem um Kinder und die Familie kümmert und nicht zum Trainieren kommt. Weil er den Ehrgeiz hat, etwas zu erreichen, nimmt er unerlaubte Substanzen, um seine Ausdauer zu verbessern. Er besorgt sich aus dem Internet, auf dem Schwarzmarkt, Präparate, von denen er sich einen Effekt verspricht. Er würde aber nicht getestet, wenn er auf Platz 1500 durchs Ziel läuft, da er unterhalb unserer Testgrenze liegt. Anders sähe es aus, wenn ein Deutscher Meister und sogenanntes Testpoolmitglied teilnimmt oder ein Athlet aus dem Ausland, der Antrittsgelder kassiert und den Sport beruflich ausübt. Diese Teilnehmer fallen auch unter das Anti-Doping-Gesetz und könnten bestraft werden.

Wer als Hobbysportler privat dopt, schadet also „nur“ seiner Gesundheit?

Mortsiefer Aus rechtlicher Sicht ist   unser Familienvater im fiktiven Fall in der Tat nicht mit dem Gesetz in Konflikt, sondern würde „nur“ seine Gesundheit gefährden. Staatsanwaltschaft und Nada sind hier außen vor. Wenn er hingegen Dopingsubstanzen in größeren Mengen bestellt und an Kollegen weiterverkauft, verlassen wir den Bereich, in dem der Eigenkonsum im Vordergrund steht. Dann geht es um Verkauf oder Vertrieb. Da ist der Übergang bisweilen fließend. Und dann würde das Anti-Doping-Gesetz greifen.

Sie haben eben eine Schwelle erwähnt, ab der getestet wird. Wo liegt diese?

Mortsiefer Unser Trainingskontrollsystem – also alle von uns durchgeführten Kontrollen außerhalb von Wettkämpfen zu Hause, im Training, am Arbeitsplatz uns so weiter – richtet sich nach der Zugehörigkeit zu einem Testpool der Nada. Nur Athleten, die eine Kaderzugehörigkeit in den jeweiligen Sportarten, also A-, B-  und Jugendkader, erlangt haben, sind in einem Testpool der Nada. Es muss ein gewisser Grad der Leistungsmäßigkeit erreicht sein, damit man unter das Kontrollsystem der Nada fällt. Kaderzugehörigkeiten sind in der Regel mit einer Verbandsförderung verbunden, daher ist dieser Punkt auch im Anti-Doping-Gesetz statuiert. In Wettkämpfen kontrollieren wir etwa bei Deutschen Meisterschaften oder internationalen Wettbewerben, die auf deutschem Boden stattfinden.

Welche Sportarten sind am meisten von Doping betroffen?

Mortsiefer Wir haben eine Vorclusterung vorgenommen von Sportarten mit grundsätzlich erhöhtem Doping-Risiko. In der obersten Prioritätsstufe sind etwa der Radsport, Schwimmen, Leichtathletik, Triathlon, Skilanglauf, Biathlon oder Kraftsportarten wie Gewichtheben. Dort sind die Anfälligkeit für Doping und das Doping-Risiko besonders hoch. Auch Mannschaftssportarten werden von uns untergliedert. Hier stehen zum Beispiel der Fußball oder Eishockey im Fokus. Per se kann man keine Sportart ausnehmen. Ein gewisses Doping-Risiko gibt es immer. Auch bei Sportarten wie Darts, die nun nicht jeder im Fokus hätte. Dort stehen Substanzen im Mittelpunkt, die den Puls senken und eine „ruhige Hand“ machen. Ähnliches findet man im Schießsport.

Wo ist die Grenze? Wenn jemand fünf Ibuprofen einwirft?

Mortsiefer Den Randbereich betreten wir zum Beispiel bei Schmerzmitteln. Schmerzmittel werden in Teilen präventiv eingenommen. Man erhofft sich dadurch weniger Schmerzen, zum Beispiel im Mannschaftssport mit Körperkontakt oder wenn man gefoult wird. Das ist vorauseilender Gehorsam. Die meisten Leute sehen die Kehrseite nicht. Nebenwirkungen werden ausgeblendet, die beispielsweise im Magen-Darm-Trakt oder an den Knochen entstehen können. Aber Doping im klassischen Sinne ist die erhöhte und nicht induzierte Einnahme von Schmerzmitteln eben nicht. Wir sprechen dann von Medikamentenmissbrauch.

Wann drohen Strafen und wie hoch können die ausfallen? Ein fiktives Beispiel: Ein Leichtathlet aus der Region, der bei Deutschen Meisterschaften auffällt.

Mortsiefer Ein Leichtathlet, der mit einer verbotenen Substanz erwischt wird, kann auf sportrechtlicher Ebene bis zu vier Jahren gesperrt werden. Das wird graduell abgestuft je nach eingenommener Substanz. Klassische, harte Dopingsubstanzen wie anabole Steroide würden grundsätzlich mit vier Jahren sanktioniert werden. Wenn spezifische Herzmittel eingenommen worden sind, kann die Sperre mit zwei Jahren kürzer ausfallen. Ein fahrlässiger Verstoß kann auch mit einer Verwarnung enden. Parallel zum sportrechtlichen Verfahren kann auch die Staatsanwaltschaft aktiv werden. Wird eine strafrechtliche Handlung festgestellt, dann sind Geld- und Freiheitsstrafen möglich.

Können Sie etwas sagen zum „Blutstropfentest“, dem Hinweisgebersystem „Sprich’s an“ und der „Intelligence & Investigations-Arbeit“ der Nada?

Mortsiefer Der Blutstropfentest ist eine Methode in der Entwicklungsphase: Die Idee ist, durch minimal-invasive Eingriffe den Nachweis von Doping zu ermöglichen. Derzeit ist das eine ergänzende Maßnahme, die im Nachwuchsleistungssport zum Einsatz kommen soll. Das analytische System bleibt dabei bestehen. Die Proben müssen im Labor untersucht werden.

„Sprich’s an“ ist unser online-basiertes Whistleblower-Tool. Es handelt sich dabei nicht um ein E-Mail-System, es funktioniert über eine Online-Seite und ist für den Hinweisgeber absolut anonym nutzbar. Der Austausch erfolgt über eine Postbox, rückverfolgbar sind die Nachrichten dabei nicht. Seit zwei Jahren ist das System am Start, wir haben seitdem 6500 Zugriffe gezählt und in 80 Fällen gab es Hinweise. Alle haben uns zumindest ein Stück weiter nach vorne gebracht, einige führten auch zu einem positiven Analyseergebnis und schlussendlich zu einem Verfahren. Damit wären wir bei der Aufklärung und der Intelligence und Investigations-Arbeit – dem Zusammentragen von Infos, die wir mit unseren Mitteln seit etwa drei Jahren systemisch auswerten. Dazu gehören etwa die Dopingkontrollen oder Hinweise. Wir haben Ansprechpartner bei Welt-Anti-Doping-Agentur, mit der wir hier zusammenarbeiten und uns austauschen.

Sie hatten sich kritisch zu den jüngst vom IOC nicht weiter verfolgten Doping-Fällen bei den Olympischen Spielen von Peking geäußert. Inwiefern konterkarieren solche Entscheidungen auf oberster Ebene Ihre Bemühungen im
Anti-Doping-Kampf?

Mortsiefer Sicher war das nicht hilfreich. Wir sind alle unterwegs für die Glaubwürdigkeit eines sauberen Sports. Jeden Tag sind mir mit unserem Präventionsteam unterwegs und erklären Kindern und Jugendlichen, wie schädlich Doping ist. Wenn ein Kind nach Hause kommt und sieht, dass das IOC und andere sportpolitische Träger Dopingverstöße nicht so konsequent verfolgen, wie wir von der Nada das vorher erläutert haben, fragen die sich zurecht: Was ist jetzt richtig? Das größte Problem, das wir im Moment haben, ist die Stringenz in der Anti-Doping-Arbeit. Dazu gehört es auch, dass die (nationalen) Sportfachverbände die sportrechtliche Verfolgung von Dopingverstößen grundsätzlich in die Hände von Anti-Doping-Agenturen legen sollten.

Das Interview
führte Eric Kolling.