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Merkur-Serie Doping
Doping-„Opfer“ Radsport?!

Ex-Radrennfahrer Andreas Walzer verteidigt seinen Sport vehement, auch wenn er nichts schönreden wolle.
Ex-Radrennfahrer Andreas Walzer verteidigt seinen Sport vehement, auch wenn er nichts schönreden wolle. FOTO: Sebastian Dingler
Schwarzenbach. Der frühere Bahnrad-Olympiasieger Andreas Walzer aus Schwarzenbach echauffiert sich über die Ungleichbehandlung der Sportarten. Auch bei den Schwimmern, Leichtathleten, Kraftsportlern und den Fußballern gehe es schmutzig zu. Gerade die Kicker-Gilde habe aber eine große Lobby. Von Sebastian Dingler

Welche Sportart fällt den meisten Menschen als Erstes ein, wenn sie an Doping denken? Der Radsport. Schließlich reihen sich die berühmten Namen überführter Radrennfahrer aneinander: Jan Ullrich, Lance Armstrong, Erik Zabel, Alberto Contador oder Marco Pantani waren die bekanntesten Dopingsünder und damit nur die Spitze des Eisbergs.

Einer, der sich in der Szene bestens auskennt, ist der 1970 geborene und in Homburg-Schwarzenbach wohnende Andreas Walzer. Er war zweimal Deutscher Meister im Einzelzeitfahren und 1992 Olympiasieger im Bahnvierer in der Mannschaftsverfolgung. Heute betreut er im Auftrag eines Sponsors, eines Fahrradherstellers, die Radrennfahrer zweier Tour-de-France-Teams sowie weitere Athleten wie etwa den Ironman-Gewinner Jan Frodeno.

Er habe keine Probleme damit, sagt er, frei über das Thema Doping zu sprechen, er kenne sowohl die frühere als auch die jetzige Situation im Radsport sehr gut, wobei er dennoch einschränkt: „Man kriegt einiges mit, aber nicht alles.“ Dass früher flächendeckend gedopt worden sei, mag er so nicht stehen lassen, denn damit täte man den wenigen ehrlichen Radsportlern unrecht. „Es gab auch welche, die Skrupel hatten oder denen man von Seiten der Doper nicht so getraut hat.“ Walzer glaubt aber, dass der Radsport in den neunziger Jahren gar nicht so herausragend oder gar alleinstehend mit Doping zu tun hatte. Zum Beispiel sei es bei den Schwimmern, Leichtathleten, Fußballern oder in Kraftsportarten gar nicht anders gewesen. „Man musste eigentlich extrem naiv, blind oder doof gewesen sein, um nichts mitzukriegen. Wenn ich Aussagen höre wie von Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, dass Doping im Fußball nichts bringt, ist das einfach lächerlich.“



Die Fußballer seien nur deswegen ungeschoren davongekommen, weil vor allem in den südeuropäischen Ländern eine riesige Lobby hinter ihnen stehe und nicht konsequent kontrolliert werde, meint Walzer. Er wolle gar nichts schönreden im Radsport, es sei wirklich schlimm gewesen, aber: „Ich wette, wenn man bei der Fußball-WM die gleichen Kontrollen machen würde wie bei der Tour de France, hätten wir eine Vielzahl von auffälligen Athleten.“ 2006, bei dem großen Dopingskandal um den spanischen Sportmediziner Eufemiano Fuentes seien mehrere spanische Fußball-Erstliga-Teams, Tennisspieler, Leichtathleten und so weiter ins Visier der Ermittler geraten – „aber man hat nur die Radfahrer belangt“, so Walzer. Ein guter Bekannter und ebenfalls im Rahmen des Dopingskandals überführter Radprofi habe ihm erzählt, dass Fuentes während der Fußball-WM 2006 in Deutschland eine Dependance aufgemacht habe.

Ein weiteres Argument, weshalb Walzer denkt, dass Fußballer nicht mit der letzten Entschlossenheit getestet werden, sei die Diskrepanz zwischen der angeblich großen Anzahl überprüfter Spieler und der verschwindend geringen Anzahl positiver Fälle. Außerdem gebe es „in einigen bereits finanzstarken deutschen Ligen“ (Walzer meint die Regionalligen) aus finanziellen Gründen keine Dopingkontrollen. „Wie bitte? Da sei kein Geld da? Und wie macht das der kleine saarländische Radfahrerverband?“, fragt Walzer rhetorisch. Neben der größeren Lobby seien es auch die Verbände selbst, die kein Interesse an strengen Kontrollen hätten: „Die kontrollieren ja ihre eigenen Sportler, das muss man sich mal vorstellen! Das ist ja, wie wenn jeder Raser sich selbst blitzen müsste!“

Aber wieso sollte sich dann gerade beim Radsport die Situation verbessert haben? „Irgendwann hat auch der Letzte gemerkt, dass die negative Reputation durch Doping den Radsport tötet. Irgendwann wollte niemand mehr investieren und viele Rundfahrten wurden gestrichen.“ Mittlerweile habe sich da extrem viel getan, meint Walzer. Das erkenne man auch daran, dass heute mit viel besserem Material gefahren werde und die Zeiten vergleichbarer Etappen dennoch hinter den Ergebnissen von vor zehn bis zwanzig Jahren lägen.

Momentan erlebe der Radport leider einen großen Rückschlag, weil Christopher Froome positiv auf ein Asthma-Mittel getestet wurde. „Der hatte zwar eine Ausnahmegenehmigung dafür, aber anscheinend einen Hub zu viel genommen. Dieser Fall wäre in keiner anderen Sportart an die Oberfläche gekommen! Das ist immer nur der Radsport, der seine eigenen Protagonisten hängt.“ Mit dem Ergebnis, dass der Radsport als unseriös gelte.

Ähnlich wie den seiner Meinung nach ungerechten Umgang mit seinem Sport sieht Walzer die Doping-Berichterstattung über Russland. Über den ARD-Doping-Experten Hajo Seppelt meint er: „Ich schätze die Arbeit von Seppelt auf der einen Seite sehr. Aber mit der gleichen Intensität, mit der er sich vor zehn Jahren auf den Radsport gestürzt hat, obwohl er wusste, dass alle anderen Sportarten nicht besser sind, stürzt er sich jetzt auf Russland. Natürlich ist in Russland die Anti-Doping-Politik katastrophal. Aber wenn man recherchiert, dann soll man doch bitte alle unter die gleiche Lupe halten.“ Die großen Dopingskandale des Sports stammten nämlich aus ganz anderen Ländern, so Walzer.

Andreas Walzer 1991 nach seiner Deutschen Meisterschaft in der 4000-Meter-Einzelverfolgung in München.
Andreas Walzer 1991 nach seiner Deutschen Meisterschaft in der 4000-Meter-Einzelverfolgung in München. FOTO: DPA / dpa