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Der Unverwüstliche hat ein wenig Bammel

Leeds. In Frankreich genießt Jens Voigt höchste Wertschätzung. Mit seinen zahlreichen Ausreißattacken hat er sich einen Namen gemacht. An diesem Samstag startet er zum 17. und letzten Mal bei der Tour und nimmt Abschied. Agentur

So kennt man Radsport-Altmeister Jens Voigt eigentlich nicht. Der unverwüstliche Kämpfer gegen Widerstände ist unsicher. Unsicher, ob das alles richtig so ist. Ob er zweieinhalb Monate vor seinem 43. Geburtstag tatsächlich noch zur Tour de France gehört, dem schwersten Radrennen, das es gibt. "Ich freue mich schon darauf", sagte Voigt kurz vor dem Start, "aber ich habe auch eine gehörige Portion Bammel." Der Mecklenburger wird am Samstag im englischen Leeds zum 17. und letzten Mal antreten, im Trikot der Trek-Mannschaft.

Damit schließt er zu den Rekordstartern George Hincapie (USA) und Stuart O'Grady (Australien) auf. Und wenn er schon mal da ist, dann möchte er "gut und heil nach Paris kommen und mit dem Wissen, ich habe meine Arbeit gemacht". Bis zum 27. Juli muss Voigt dafür durchhalten.

Dass es tatsächlich so kommt, daran zweifelt der zweimalige Etappensieger, der auch zweimal das Gelbe Trikot trug, ein wenig. Voigt spürt das Alter, spürt, dass er nur mit großer Mühe noch mithalten kann, dass es lange dauerte, bis sein Körper das nötige Niveau erreicht hatte. Am Saisonende ist deshalb auch endgültig Schluss. "Ich habe das nicht kommen sehen, ich habe lange nicht daran geglaubt, dass ich die Tour fahre", bekennt Voigt. Doch dann kam das Critérium du Dauphiné, eine der Generalproben für die Tour, und Voigt war plötzlich wieder auf dem Fernseh-Bildschirm zu sehen. Und zwar nicht als Anhängsel des rasenden Pelotons, sondern als dessen Rebell, der sich auflehnt, sich aufbäumt, sich gegen das Unvermeidliche sträubt - so wie all die Jahre, seit er 1998 erstmals bei einer Frankreich-Rundfahrt antrat. Und Voigt beeindruckte damit auch seine Teamchefs bei Trek.

Und nun? Ein Jens Voigt rollt doch nicht drei Wochen lang einfach nur mit. "Ich sehe mich als Mädchen für alles", meint er. Also helfen, wo immer Hilfe gebraucht wird, vor allem dem Luxemburger Fränk Schleck , der sich bei seiner Rückkehr nach einjähriger Dopingsperre im Klassement vorn platzieren soll. Und sonst? Keine Attacke? "Ob mein Körper Freiheiten nutzen kann, das ist die Frage", sagt Voigt. Er fühle sich, als sei er ein Ford und würde an einem Formel-1-Rennen teilnehmen: "Da kann ich auch nicht sagen, ich will auf die Pole Position fahren." Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin jedenfalls sagt: "Ich würde mich freuen, wenn er noch mal einen seiner Ausreißversuche starten könnte." Viele Fans sehen das vermutlich ähnlich.

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Auf einen BlickWie im Vorjahr stehen zehn deutsche Radprofis am Start der Tour de France . Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin (Kreuzlingen/bisher zwei Etappensiege) sowie den Topsprintern André Greipel aus Hürth (fünf), Marcel Kittel (Arnstadt/vier) und John Degenkolb (Gera) werden Etappensiege zugetraut. Bei einem Sieg zum Auftakt winkt sogar das Gelbe Trikot. Auf Außenseiter-Erfolge hoffen Jens Voigt (zwei), Marcus Burghardt aus Zschopau (ein Etappensieg) und Andreas Schillinger (Amberg ) sowie Paul Voss (Rostock). Ausschließlich für Helferdienste sind Roger Kluge (Cottbus) und Marcel Sieberg (Castrop-Rauxel) vorgesehen. dpa