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Bohl ist bereit für den nächsten Schritt

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Mainz. Der 22-Jährige aus Einöd spielt seit sieben Jahren beim FSV Mainz 05, ist inzwischen Kapitän der zweiten Mannschaft in der 3. Liga. Tobias Fuchs

Mehr als tausend. Daniel Bohl wusste, dass nicht jeder Fußballprofi werden kann. Trotzdem hatte er über diese Zahl nie nachgedacht. Dabei war es eine einfache Rechnung: 42 x 25 = 1050. Also die Summe der Mannschaften in der Junioren-Bundesliga. Multipliziert mit der üblichen Anzahl an Spielern im Kader. Das Ergebnis: Für Bohl eine ungeheure Zahl.

1050 - etwa so viele Talente gab es in der höchsten Spielklasse. In seiner Altersstufe. Fast alle mit demselben Ziel wie Bohl: in einem der 54 deutschen Profi-Clubs anzukommen. Rechnerisch war das unmöglich. "Das war wie ein kleiner Schock", erzählt Bohl. Als er sich das alles überlegte, war der Saarländer längst Jugendspieler beim Bundesligisten FSV Mainz 05. Er gehörte zum Kreis der Junioren-Nationalmannschaft, zur Elite.

Mittlerweile hat es der 22-Jährige in Mainz zum Profi geschafft. Bohl zählt zu den Leistungsträgern der zweiten Mannschaft in der 3. Liga. Er sagt: "Es ist ein Privileg, dass man als Beruf Fußball spielen darf." Der Mittelfeldspieler hat sein Rechenexempel aber nicht vergessen. Einer von 1050 zu sein, veränderte seine Sicht auf das, was längst sein Job ist.

Angefangen hat diese Karriere bei der Spielvereinigung Einöd-Ingweiler. Mit Horst Ehrmantraut und Kurt Knoll brachte der Verein zwei eigenwillige Bundesliga-Profis hervor. Ehrmantraut trug das Trikot von Eintracht Frankfurt, Hertha BSC, natürlich auch das des FC Homburg. So wie Knoll. Wer Einöd hört, dem fallen diese Namen ein. Wer im Verein ist, kennt auch Harald Bohl. Er hat seinen Heimatverein nie verlassen. Bis heute engagiert er sich ehrenamtlich, als Kassierer.

In Einöd hatte Daniel Bohl nur einen Trainer: seinen Vater. Harald Bohl drängte seinen Sohn zu nichts, aber er erwartete mehr von ihm als von anderen. Schließlich fiel das Talent von Daniel früh auf. "In der kleineren Jugend macht man sich über später aber wenig Gedanken", sagt Harald Bohl.



Das änderte sich, als Daniel Bohl älter wurde. Man förderte ihn am DFB-Stützpunkt in Limbach. Eines Tages meldete sich Jörg Schampel, damals Jugendtrainer beim 1. FC Saarbrücken. "Er war für mich der erste Trainer, der nicht mein Papa war", sagt Daniel Bohl und lacht. Der Junge aus Einöd wechselte und blieb bis 2010 in Saarbrücken. Zwei Jahre.

2013 wollten ihn die Blau-Schwarzen mal zurückholen. Im Abstiegskampf der 3. Liga erinnerten sie sich an einige Talente, die sie hatten ziehen lassen müssen. Bohl las vom Interesse in der Zeitung, bei einem Bummel durch Saarbrücken. Er fühlte sich "sehr geehrt". Aber: "Das wäre zu diesem Zeitpunkt der falsche Schritt gewesen." In Mainz hatte Bohl sich etwas aufgebaut.

Mit 16 Jahren hätte er sich einen Verein aussuchen können. So ziemlich alle in der Bundesliga wollten ihn. Aber Bohl war noch nicht bereit, den Südwesten zu verlassen. "Ich bin ein Familienmensch", sagt er. In der Umgebung des Saarlandes lockten der 1. FC Kaiserslautern und Mainz. Er entschied sich für die Rheinhessen, zog ins Internat. Mainz 05 bringt seine Junioren im Kolpinghaus unter - mit anderen Azubis. Die Hälfte der Bewohner will Steinmetz werden, andere lernen bei Opel in Rüsselsheim. Bohl mochte das: "Da hat man gesehen, es gibt noch was anderes außer Fußball."

Als er den Schritt nach Mainz wagte, sagte Bohl unbekümmert: "Ich will Profi-Fußballer werden." Und dachte: Das klappt. "Wenn man sieht, wie viele Jungs durch das Raster fallen, mit denen man zusammengespielt hat, sieht man das realistischer", erklärt er heute.

Daniel Bohl ist der jüngste Kapitän der 3. Liga, aber einer der älteren Spieler in der U23. Bald zu alt? Für ihn könnte die Zeit gekommen sein, nach sieben Jahren die Mainzer zu verlassen. "Es ist so, dass die Älteren weggehen. Man will den nächsten Schritt machen. So wird es wohl auch bei mir sein", sagt er offen. Am Saisonende läuft sein Vertrag beim FSV Mainz 05 aus.

Mit der zweiten Mannschaft von Mainz 05 feierte Bohl beachtliche Erfolge, stieg 2014 in die dritthöchste Spielklasse auf. Im Relegationsspiel bei der TSG Neustrelitz schoss er das entscheidende 2:0. "Das hätte niemand so erwartet", meint Bohl. Auch er selbst nicht. Vor der Saison war seine Jugendzeit zu Ende gewesen. Und: "Mein Übergang verlief sehr steinig." Das kann doch gar nicht sein, dachte der Junioren-Nationalspieler, als er im Juli 2013 in der U23 anfing. Etwa bei Null. Nach einer überraschenden Aufstellung im ersten Saisonspiel der Regionalliga bei der TSG Hoffenheim II (3:0), bei 40 Grad, mehr als eine Stunde in Unterzahl, sah alles anders aus: "Das war der Punkt, an dem ich gesagt habe: Jetzt bin ich angekommen." Seitdem hat er mehr als 100 Spiele gemacht.

Doch in der Bundesliga stand Bohl für Mainz 05 noch nicht auf dem Platz. Daran dürfte sich in den nächsten Monaten nichts ändern. Das sieht er selbst so: "Das Gute ist, dass ich mir keinen Vorwurf machen kann." Der Sechser befand sich mehrmals auf dem Sprung nach oben. Vielleicht gelingt er ihm woanders.

Die 2. Bundesliga wäre für Bohl der "nächstlogische Schritt", "mal in einer Herrenmannschaft zu spielen, mit Familienvätern". Nicht mehr nur mit Jungs, die vor Kurzem noch waren, was Bohl als Profi längst nicht mehr ist - ein Talent von über tausend.

Zum Thema:

Von Einöd aus in die 3. Fußball-Liga Daniel Bohl, geboren am 9. Juni 1994 in Zweibrücken, wuchs in Einöd auf. Sein Heimatverein ist die SpVgg Einöd-Ingweiler, wo ihn sein Vater Harald trainierte. Mit 14 Jahren wechselte das Mittelfeldtalent zum 1. FC Saarbrücken, zwei Jahre später in die Nachwuchsabteilung des Bundesligisten FSV Mainz 05. Seit 2013 gehört der 19-malige Jugend-Nationalspieler zum U23-Kader. Unter Martin Schmidt, heute Bundesliga-Trainer in Mainz, feierte Bohl vor drei Jahren den Aufstieg in die 3. Liga. Nach einem Außenbandriss in der Hinrunde steht der Saarländer wieder auf dem Platz - als Kapitän. Es geht gegen den Abstieg in die Regionalliga.