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An der Grenze des Machbaren

 Stefan Bullacher bestreitet beim SV 64 seine 20. Trainersaison – langweilig wird ihm das nicht. Foto: mw/pma
Stefan Bullacher bestreitet beim SV 64 seine 20. Trainersaison – langweilig wird ihm das nicht. Foto: mw/pma FOTO: mw/pma
Zweibrücken. Ein ereignisreiches Jubiläumsjahr liegt hinter dem SV 64 Zweibrücken. Nach dem überraschenden Wiederaufstieg in die 3. Handballliga hat sich das Team dort zur Pause im Mittelfeld festgesetzt. Stefan Bullacher, der die Mannschaft bereits in seiner 20. Saison betreut, spricht mit Merkur -Redakteurin Svenja Kissel über die Arbeit, den Erfolg und den emotionalsten Moment in 2014.

Herr Bullacher, beim Mitaufsteiger Soester TV hat der SV 64 Zweibrücken nach vier Niederlagen in Folge einen knappen Sieg gefeiert. Wie wichtig war dieser Erfolg zum Jahresende?

Stefan Bullacher: Durch diesen Sieg konnten wir alle Spiele gegen die Teams von Platz elf bis 16 gewinnen, das heißt gegen alle Mitkonkurrenten gegen den Abstieg. Als Bonus haben wir noch die Punkte gegen Lemgo und Krefeld geholt. Das sind beste Voraussetzungen, um unser großes Ziel, den Klassenerhalt, zu schaffen. 16 Punkte aus der Halbserie sind schon mehr als die halbe Miete.

Die Mannschaft überwintert nun auf Tabellenplatz acht, im Pokal steht der SV im Halbfinale. Wie zufrieden sind Sie mit der bisherigen Runde?

Bullacher: Der Pokal spielt dabei eine untergeordnete Rolle, weil sich ein Erfolg dort nicht nachhaltig auf unsere Zukunft auswirkt. Anders als im Fußball lassen sich hier keine finanziellen Vorteile erwirtschaften, die unseren Etat entlasten würden. Mit der Runde sind wir super zufrieden und stolz.

Der SV 64 hat ein sehr bewegendes Jubiläumsjahr mit großen Erfolgen und vielen besonderen Ereignissen - wie dem Jubiläumsspiel gegen die All-Stars - hinter sich. Gibt es einen Moment, der sich im Jahr 2014 besonders eingebrannt hat?

Bullacher: Da brauche ich nicht lange nachzudenken. Der Moment, als wir in Illtal nach dem Spiel erfahren haben, dass wir Haßloch in den letzten Minuten der Saison noch abgefangen hatten. Das war bewegend und tränenreich. Das war ein Augenblick des Glücks, den man nur verstehen kann, wenn man dabei war.

Auch wenn es wie zuletzt vier Niederlagen in Folge hagelte, steht der SV 64 mit acht Siegen viel besser da, als in der ersten Drittliga-Saison in der Südstaffel. Ist das nur mit dem größeren Erfahrungsschatz zu erklären?

Bullacher: Die Erfahrung spielt dabei eine große Rolle. Die Mannschaft hat sich aber auch enorm weiterentwickelt. Und die Torwartleistungen waren ein Grundstein zum Erfolg.

Mit Marian Müller und Tim Burkholder sind dem Team vor der Runde zwei Stützen weggebrochen. Sie mussten neue Spieler integrieren. Ist das schneller gelungen als erwartet?

Bullacher: Florian Enders und Michael Mathieu kamen aus der Landesliga und haben diesen großen Sprung klasse gemeistert. Sie haben sehr schnell gelernt, wie unser Handball funktioniert. Bei Dorian Vallet hat das leider noch nicht so funktioniert, wie wir uns das vorgestellt haben. Björn Zintel ist ein Spieler aus unserer Kaderschmiede. Dass es da keine Probleme geben würde, war klar. Er war nur zwei Jahre weg.

Gab es nach dem Abstieg aus der 3. Liga Süd in der vorletzten Spielzeit irgendwelche Zweifel an der eigenen Arbeit?

Bullacher: Wir hatten vor zwei Jahren zu viel Respekt vor den großen Namen. Die Erkenntnis, dass wir zwar nicht mit den Etats und den Spielerkadern der anderen Vereine auf Dauer konkurrieren können, dass aber sehr wohl in einem Spiel immer ein Sieg möglich ist, hat sich bei uns zu spät eingestellt. Heute glauben wir in jedem Spiel an unsere Chance.

Sie sind nun in der 20. Spielzeit als Trainer beim SV 64 im Amt. Wird es Ihnen da nie langweilig?

Bullacher: Ich habe jeden Tag mit tollen Menschen zu tun. Mein Verhältnis zu den Spielern, den Jugendlichen und den vielen ehrenamtlichen Helfern im Hintergrund ist warmherzig und familiär. Dieser Verein ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich. Wie sollte es mir dabei langweilig werden?

Wie stark unterscheiden sich Trainingsalltag sowie die eigene Vorbereitung auf das Spiel in Oberliga und 3. Liga?

Bullacher: Der Trainingsalltag ist der gleiche. Wir trainieren "nur" dreimal pro Woche als Team. Der Aufwand zu den Spielen ist aber ungleich größer. Wir fahren allein schon über 10 000 Kilometer zu den Auswärtsspielen. Die Spielvorbereitung mit Videoanalyse nimmt, speziell für mich, eine viel größere Zeit in Anspruch. Man sucht das kleinste taktische Schlupfloch, um erfolgreich zu sein. Das sind pro Woche mal locker zehn Stunden Videostudium.

Um in der 3. Liga zu spielen, dort bestmöglich zu verbleiben, ist ein hartes Stück Arbeit vonnöten. Wie viel Spaß bedeutet Handball in dieser Liga noch?

Bullacher: Das ist eine Frage der eigenen Einstellung. Ich denke mal, dass jeder Bundesligaprofi Spaß an seiner Arbeit hat. Wer keinen Spaß am Leistungssport hat, ist in dieser Liga vielleicht auch falsch. Die Stimmung in der Mannschaft ist auf jeden Fall sehr gut. Erfolg schweißt zusammen und ist motivierend. Das macht es in unserer Situation auch einfacher.

Sie stehen dafür, junge Spieler früh in die Verantwortung zu ziehen. Welche Talente sehen Sie in diesem Jahr - neben den Juniorennationalspielern Jerome Müller und Björn Zintel - zu den Gewinnern in der Ersten?

Bullacher: Mit Jerome und Björn haben wir zwei A-Jugendliche in unserer Stammformation. Nils Wöschler, Robin Egelhof und Yannic Klöckner haben im Laufe der Saison bewiesen, dass sie hoffnungsvolle Talente sind. Benni Berz und Patrick Bach stehen im erweiterten Kader. Das sind letztendlich sieben Jugendspieler im Team einer Drittligamannschaft. Das ist deutschlandweit einmalig. Wir müssen aber aufpassen, dass wir das Rad der Erwartungshaltung nicht überdrehen.

Stecken die jungen Spieler eine solche Doppelbelastung einfach weg oder haben Sie manchmal auch Angst, diese zu überlasten?

Bullacher: Ich stehe dabei im ständigen Austausch mit unserem Landestrainer Dirk Mathis und DHB-Jugendkoordinator Christian Schwarzer . Die Jungs werden immer in Absprache dosiert in der 3. Liga und der A-Jugendbundesliga eingesetzt, um eine Überlastung zu vermeiden.

Die A-Junioren machen in ihrem ersten Jahr in der Jugendbundesliga eine gute Figur. Hatten Sie der Truppe zugetraut, dass sie sich auf Anhieb im Tabellenmittelfeld festsetzen?

Bullacher: Die Jungs spielen eine klasse Saison. Durch die Belastungsproblematik haben wir bisher nur ein einziges Mal mit der bestmöglichen Mannschaft antreten können. Hier erreicht uns der Fluch der guten Tat. Wenn wir auf den Mannschaftserfolg des Teams setzen würden und nicht auf die individuelle Förderung unserer Talente, wäre sogar eine bessere Platzierung möglich.

Der SV hat logistisch und finanziell durch die 3. Liga, die A-Juniorenbundesliga sowie zahlreiche Oberliga-Teams große Herausforderungen zu stemmen. Ist dieses Programm für den Verein auf Dauer zu stemmen?

Bullacher: Was der Verein mit seinen bescheidenen Mitteln auf die Beine stellt ist außergewöhnlich. Dafür bekommen wir überregional auch viel Lob. Wir freuen uns, dass es immer mehr Zweibrücker Firmen gibt, die uns finanziell unterstützen. Sie haben ein gutes Gespür dafür, dass bei uns nicht Geld für ehemalige Profis verbrannt wird, sondern aktive Jugendförderung praktiziert wird. Wir bewegen uns aber immer an der Grenze des Machbaren.