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Erfahrungen von Vieweg
Vieweg: Einheitliche Kontrollen fehlen

Ex-Speerwerfer und sportlicher Leiter des LAZ Zweibrücken, Alexander Vieweg, ist sicher, dass Leichtathleten in Deutschland engmaschig auf Doping kontrolliert werden.
Ex-Speerwerfer und sportlicher Leiter des LAZ Zweibrücken, Alexander Vieweg, ist sicher, dass Leichtathleten in Deutschland engmaschig auf Doping kontrolliert werden. FOTO: Sebastian Dingler
Zweibrücken. Der ehemalige Speerwerfer würde sich die strenge Handhabung in allen Sportarten und Verbänden weltweit wünschen. Von Sebastian Dingler

Alexander Vieweg ist ehemaliger Spitzensportler im Speerwurf und sportlicher Leiter des Leichtathletikzentrums Zweibrücken (LAZ). Das Thema Doping, sagt er, sei immer präsent, wenn er mit anderen ehemaligen Sportlern und Funktionären spricht. Und egal, wo man ansetze, man komme nie parteilos aus der Sache raus.

Aber was ist das überhaupt, Doping? „Ich bin mir sicher, dass sie jeden Tag dopen! Wenn sie zum Beispiel Kaffee trinken, Aspirin oder Wick Medinait nehmen“, meint Vieweg. Die Liste der verbotenen Substanzen, die im Doping-Code der WADA, der Welt-Anti-Doping-Agentur, aufgeführt wird, sei riesig. „Doping ist ja eine leistungsfördernde Substanz, die man zu sich nimmt, entweder um Muskelaufbau zu betreiben oder im Bereich Ausdauer, um weiße Blutkörperchen zu fördern, eine höhere Belastungsverträglichkeit zu haben oder um gewisse Intensitäten fahren zu können. Auch die Verträglichkeit von Schmerzen ist ein Punkt. Dann zählen ja auch Mittel zum Doping, die zur Verschleierung der genannten Mittel dienen“, sagt Vieweg, der selbst einst Probleme wegen eines Mittels hatte, das er gegen seine Hausstaubmilbenallergie eingenommen hatte. „Es ist beim Thema Doping unheimlich schwierig, sich ein breites Bild zu machen, weil Doping sehr vielfältig ist. Es ist gerade für junge Athleten unheimlich schwierig, das Thema Doping richtig zu verstehen und auch die Folgen abzuschätzen.“

Der 32-jährige unterlag in seiner aktiven Zeit dem System der nationalen Anti-Doping-Agentur NADA. Was bedeutete, dass er drei Monate vorher schon angeben musste, wo er sich gerade befindet. Dopingkontrolleure hätten ihn oft am Flughafen-Gate abgefangen, wenn er gerade in die USA reisen wollte. Er versteht aber nicht, dass das strenge Kontrollieren nicht in allen Sportarten so gehandhabt wird. Den Fußball sieht Vieweg exemplarisch für eher lasches Vorgehen im Kampf gegen Doping: „Da gibt es die wahnwitzigsten Geschichten. Da hat einmal ein Physiotherapeut für alle zwölf Mann die Urinprobe abgegeben – und plötzlich hatten alle Spieler laut Befund eine bestimmte Krankheit. Das erzeugt natürlich Unmut.“



Den Generalverdacht gegen das angebliche Staats-Doping in Russland hält der Leichtathletiktrainer für schwierig. „Wenn man Indizien hat, dass dort systematisch Doping betrieben wird, sollte man dagegen vorgehen. Der Generalverdacht trifft aber auch den Nachwuchs.“ So habe das LAZ für ein Leichtathletik-Meeting den Vizeeuropameister im Stabhochsprung, Timur Morgunow, nicht einladen dürfen – weil er Russe ist. Vieweg plädiert im Falle Russlands dafür, dort mit aller Macht ein ähnlich engmaschiges Antidopingsystem wie hierzulande einzuführen. Generell würde er sich wünschen, dass das NADA-System in allen Staaten für alle Sportarten gelte. Jamaika etwa, die Heimat des Sprinterkönigs Usain Bolt, besäße ein komplett top ausgestattetes Dopinglabor mit allem Drum und Dran – allerdings keine Mitarbeiter, um dort auch Untersuchungen vornehmen zu können. In den USA gebe es olympische Trainingszentren, wo die Dopingkontrolleure gar nicht ohne Weiteres hineinkämen. „Die müssen sich vorher anmelden, und die Athleten müssen vorher zustimmen, ob die getestet werden möchten!“, erzählt Vieweg von schier unglaublichen Zuständen. Was den Kampf gegen Doping noch erschwere, sei die Tatsache, dass die Dopingmedizin den Kontrollen oft zwei Schritte voraus sei. So sei die US-amerikanische Leichtathletin Kelli White nur deshalb aufgeflogen, weil sie von jemandem aus ihrer Trainingsgruppe verpfiffen worden sei. Da hätten die Kontrolleure plötzlich genau gewusst, auf was sie testen müssen und Whites Proben seien dann positiv gewesen. „Es gibt für alles eine Industrie. Eine, die es am Laufen hält, genauso wie eine, die es bekämpft“, meint Vieweg. Gerade in medienträchtigen Sportarten wie Fußball oder Radfahren werde mittels der Werbeeinnahmen viel Geld verdient. „Da kommt natürlich die Idee auf, sich einen Vorteil zu verschaffen. Dazu kommt vielleicht noch die Einstellung des einzelnen Sportlers, dass ja eh alle dopen.“ Ein Usain Bolt müsste laut der Doping-Regeln jedes Mal, wenn er einen Lauf gewonnen hatte, getestet worden sein. Aber ob er wirklich zur Doping-Kontrolle antreten musste, „das kann er nur selbst beantworten“, glaubt Vieweg. Häufig sei es auch so, dass die Mittel am Wettkampftag gar nicht mehr nachweisbar sind. „Am Schluss kommt man zu dem Punkt, man soll das Doping doch einfach freigeben.“ Doch wenn man den Kampf gegen das Doping ganz aufgebe, „dann fallen vielleicht drei, vier Leute beim Start vom 100 Meter-Lauf einfach um.“

In seiner Aktivenzeit schaffte Alexander Vieweg den Sprung zu den Olympischen Spielen in Peking.
In seiner Aktivenzeit schaffte Alexander Vieweg den Sprung zu den Olympischen Spielen in Peking. FOTO: Iris Hensel/Foto-IRIS/0171-6