| 22:50 Uhr

Merkur-Interview: Alexander Vieweg
„Olympisches Gold wäre die Krönung“

 Der sportliche Leiter des LAZ-Zweibrücken, Alexander Vieweg.   Foto: Reuther
Der sportliche Leiter des LAZ-Zweibrücken, Alexander Vieweg. Foto: Reuther FOTO: Mirko Reuther
Zweibrücken. Das Leichtathletikzentrum Zweibrücken hat Welt- und Europameister hervorgebracht – ohne sich die sportlichen Leistungsträger einzukaufen.

Mit zwei deutschen Meistertiteln sind die Sportler des Leichtathletikzentrums (LAZ) Zweibrücken vor zwei Wochen von der DM in Berlin zurückgekehrt. Der sportliche Leiter des LAZ, Alexander Vieweg, spricht im Merkur-Interview über das spezielle Klima im Verein, den Zwiespalt von Nachwuchsathleten und die Ängste von Leistungssportlern.

Herr Vieweg, Sie sind seit 2012 sportlicher Leiter des LAZ Zweibrücken. Gibt es einen Moment seit Beginn Ihrer Amtszeit, an den Sie sich besonders gern erinnern?

Als Raphael Holzdeppe 2013 in Moskau Weltmeister im Stabhochsprung geworden ist, waren wir gerade mit der Vorbereitung des Himmelsstürmercups beschäftigt. Mit dem deutschen Leichtathletikverband hatten wir vorher ausgehandelt, dass „Raphi“ direkt aus Moskau nach Zweibrücken kommen darf. Morgens vor dem Cup hat die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer angekündigt, dass sie kommen wird. Wir haben in wenigen Stunden einen Sicherheitsdienst für sie organisiert und die Schillerstraße gesperrt, um noch zwei Übertragungswagen unterzubringen. Sky, Eurosport, DSF – und 4000 Leute waren auf dem Herzogplatz. Wir aus dem Organisationsteam waren damals alle Mitte 20, hatten 48 Stunden nicht geschlafen – aber wir haben es hinbekommen. Da wusste ich: „Die Leute hier sind alle genauso bekloppt wie du. Mit denen kannst du arbeiten.“ Sportlich sind natürlich der WM-Titel von Raphi und der EM-Titel von Christin Hussong letztes Jahr in Berlin weitere Höhepunkte.



Wie fällt Ihr sportliches Zwischenfazit für die Spitzensportler des LAZ im Jahr 2019 aus?

Beim Saisonhöhepunkt, der Weltmeisterschaft in Doha im Herbst wollten wir mit vier Athleten vertreten sein. Wegen der Verletzungen von Sprinterin Sina Mayer und Stabhochspringer Daniel Clemens hat das nicht geklappt. Mit Christin Hussong und Raphael Holzdeppe gehen dafür zwei Athleten an den Start, die sich auf einem sehr hohen Leistungsniveau befinden.

Was trauen Sie den beiden zu?

Christin hat ja selbst gesagt, dass sie um die Medaillen mitwerfen will. Das ist bei ihrer Vorleistung absolut möglich. Sie hat in den letzten zehn Wettkämpfen im Schnitt über 65 Meter geworfen. Und bei Raphael bin ich auch optimistisch. Er kann höher springen, als die 5,80 Meter, die er in dieser Saison gezeigt hat. Er muss nur einen Wettkampf finden, in dem sich die Athleten gegenseitig hochpeitschen. Dann geht es nur noch darum, dass er abruft, was er eigentlich kann.

Wie stehen Sie generell zur Weltmeisterschaft in Doha?

Dort sind es im Oktober abends um 9 Uhr noch 35 Grad. Die Leichtathleten treten in einem Stadion an, das derart klimatisiert wird, dass sich die Sportler wohl noch etwas überziehen müssen. Für die Wüste ist das schon ein wenig pervers. Eine Herausforderung ist aber auch der Zeitpunkt. Normalerweise findet im Juni die deutsche Meisterschaft statt, vier bis sechs Wochen später die WM. Und Anfang Oktober gehen die Athleten für gewöhnlich in Urlaub. Da verschiebt sich einiges. Das kann im Hinblick auf die Vorbereitung für das Olympia-Jahr 2020 mit den Spielen in Tokio anspruchsvoll werden.

Olympisches Gold fehlt dem LAZ noch in seiner Medaillensammlung.

Unser Verein ist in der Vergangenheit von manchen Seiten belächelt worden. Wird er zum Teil heute immer noch. Aber wir haben Weltmeister hervorgebracht, eine Europameisterin – und viele internationale Medaillen gewonnen. Olympisches Gold für das LAZ – das ist der Traum und wäre die absolute Krönung unserer Arbeit. Und daran arbeiten wir. Wenn es nicht 2020 klappt, dann 2024.

Der Präsident des Leichtathletikverbands Pfalz, Joachim Tremmel, hat anlässlich des 30-jährigen Jubiläums des LAZ betont, wie beeindruckend es sei, dass die Athleten alle bleiben – egal wie erfolgreich sie sind. Macht Sie das stolz?

Ja, das tut es. Aber es geht bei uns auch gar nicht anders. Wenn wir anfangen würden, unser Leistungsniveau einzukaufen, um Erfolg zu haben, stehen wir innerhalb kürzester Zeit finanziell mit dem Rücken an der Wand. Wir leben hier eine gewisse Bodenständigkeit.

Warum halten die Spitzenathleten dem LAZ die Treue?

Wir sind ein spezieller Verein. Viele Gäste aus dem In- und Ausland, die bei uns trainieren, sind fasziniert, wie familiär und – ich will nicht sagen wie relaxed – aber wie zwischenmenschlich es hier zugeht. Und wenn die Situation für einen Athleten bei uns nicht optimal ist, dann reden wir miteinander und versuchen, Lösungen zu finden.

Können Sie für eine solche Lösung ein Beispiel nennen?

Die Sprintdisziplinen sind kein Steckenpferd von uns. Sina Mayer trainiert deshalb jetzt in Paderborn – aber sie startet weiter für das LAZ.

Sie waren professioneller Speerwerfer, haben 2008 in Peking an den Olympischen Spielen teilgenommen. Wie wichtig ist es für die Kommunikation mit den Athleten, dass Sie quasi „vom Fach“ sind?

Für die Zusammenarbeit mit den Athleten ist es schon wichtig, dass das Organ, das den Verein führt, weiß, wo die Materie herkommt. Da agieren der Vorsitzende Bernhard Brenner und ich nach dem Prinzip, dass wir den Athleten das ermöglichen wollen, was wir früher auch gerne gehabt hätten. Auch um den Sportlern Ängste zu nehmen.

Welche Ängste sind das?

Wenn ein Athlet auf dem Papier eine Zeit lang keine Leistung bringt, fragt kaum jemand, warum. Dann fliegt er aus dem Fördersystem. Und dann ist plötzlich die Lebensgrundlage in Gefahr. Da fehlt es völlig an Individualität. Einen Sportler nur daran festzumachen, was er bei Wettkämpfen bringt, ist falsch. Niemand sieht, was der Athlet im Training leistet – und was er gerade neben dem Sport um die Ohren hat. Um einen Sportler längerfristig zu halten, sein Vertrauen zu gewinnen, ist es wichtig, ihm ganz menschliche Schwächephasen zuzugestehen.

Wie kann man Athleten diese Ängste nehmen?

Die Engländer haben es nach den Olympischen Spielen in London perfekt vorgemacht. Dort gibt es ein Grundeinkommen für Sportler, die bei Olympia dabei waren. Man kauft sich keine Leistung ein, aber hilft mit finanzieller Sicherheit, dass die Athleten ihr Niveau erreichen können. Als Leistungssportler in der Leichtathletik ist man eine Art Kleinunternehmer. Ständig mit dem Gedanken zu leben, dass man nach einer Verletzung oder auch nur einer schwachen Saison kein Geld mehr verdient oder die Förderung gestrichen wird, kann lähmen. Ich bin froh, dass diese Diskussion jetzt auch in Deutschland ausgeweitet wird.

Was tut das LAZ in dieser Hinsicht?

Wir handeln zum Beispiel mit Hochschulen Stipendien aus, um den Athleten ein Studium zu ermöglichen. Wie im Fall von Sina Mayer und Christin Hussong an der BSA-Akademie in Saarbrücken. Für eine Perspektive neben dem Leistungssport – aber auch weil es psychologisch wichtig ist, etwas anderes zu machen.

Wie wichtig sind für das LAZ Zweibrücken seine Trainer?

Der Athlet stellt den Verein nach außen dar. Unsere Trainer haben aber mit ihnen den wichtigsten Job überhaupt. Sie sind dafür verantwortlich, dass wir unsere Topathleten immer aus dem eigenen Nachwuchs gezogen haben. Außerdem haben sie oft den ersten Kontakt mit den Sportlern, gerade mit dem Nachwuchs. Das ist die Basis. Das Training der Kleinsten beginnt ja eher spielerisch. Dann kommt das Thema Mehrkampf. Erst im Alter von 14 oder 15 Jahren denkt man vielleicht darüber nach, ob sich ein junger Sportler spezialisieren sollte. Deshalb sind wir sind froh, dass wir so viele Trainer haben, die im Jugendbereich jeden Bereich der Leichtathletik abdecken können.

Wie viele Trainer gibt es beim LAZ?

16 ehrenamtliche. Dazu sind wir in der Luxussituation, dass wir mit dem Stabhochsprung-Bundestrainer der Männer, Andrei Tivontchik, sowie Alexander Gakstädter zwei hauptamtliche Trainer beschäftigen. Die beiden sind 24 Stunden für die Athleten da. Was sie für die Sportler im Jahr an Kilometern zurücklegen, ist bemerkenswert. Wir könnten es uns als Verein aber gar nicht leisten, zwei Trainer mit Grundvergütung und Sozialabgaben zu bezahlen. Da sind Komplementärpartner wie der Landessportverband, der DLV und diverse andere nötig.

Welche Ziele verfolgt der Verein im Nachwuchsbereich?

Wir sind von der Krabbelgruppe der Zwei- und Dreijährigen bis zu den Leistungssportlern grundsätzlich gut aufgestellt. Aber wir haben im Leistungsbereich eine Lücke in der Altersgruppe „16 Jahre plus“. Die wollen wir schließen. Wir müssen mit Hochdruck daran arbeiten, junge Talente zu entwickeln, die in vier oder fünf Jahren an die Stelle von Raphael oder Christin treten können.

Was sind die besonderen Herausforderungen in dieser Altersstufe?

In dem Alter findet eine Interessenverschiebung statt. Das war bei mir nicht anders. Da denkt man sich: Ich könnte statt zum Training auch ins Schwimmbad oder ins Kino gehen. Das ist die emotionale Komponente. Dann gibt es aber auch ganz einfach den Grund, dass viele 16-Jährige nach der zehnten Klasse eine Ausbildung beginnen. Dann muss man aber trotzdem fünf Mal in der Woche ins Training kommen. Zumindest dann, wenn man zur Jugend-DM fahren will. Und dann gibt es auch Eltern, die ihr Veto einlegen.

Inwiefern?

Für viele Eltern ist ganz klar, dass nach der Schule die volle Konzentration auf das Studium gelegt werden muss. Das ist auch ein gesellschaftliches Phänomen. Jemand, der mit 24 noch keinen Masterabschluss in der Tasche hat, gilt mitunter als Faulpelz. Ich finde, das ist Quatsch. Ich habe schon bei Eltern gesessen, denen ich gesagt habe: „Hey, entspannt euch doch mal.“

Wie überzeugen Sie Jugendliche, die dabei sind, die Lust zu verlieren, am Ball zu bleiben?

Wenn jemand tatsächlich die Lust verliert und sagt, „das ist mir zu anstrengend“, hat man in der Regel schlechte Karten. Um Leistungssportler zu werden, muss man – scheinbar – ein bisschen bescheuert sein. Für Außenstehende stellt man viele Sachen hintenan. Aber für sich selbst ist das kein Hintenanstellen, sondern eine Priorisierung. Man muss es auch wirklich wollen. Und der Verein muss diesen Leistungsgedanken dann fördern.

Und dennoch: Wie leisten Sie Überzeugungsarbeit?

 Ich kann Nachwuchssportlern aus meiner eigenen Erfahrung berichten: Rückblickend war der Leistungssport für mich die beste Entscheidung. Ich bin durch die Welt gereist. Hatte mit Mitte 20 alle Kontinente durch. Spitzensport betreiben zu dürfen, ist eine geile Sache. Und ob es jemand gepackt hätte, weiß er erst, wenn er oder sie es versucht hat.

Wie wirbt das LAZ um Nachwuchs?

Wir kooperieren mit dem Helmholtz- und dem Hofenfelsgymnasium, die als sportbetonte Schule teilweise auch bei uns in der Dieter-Kruber-Halle trainieren. Außerdem versuchen wir Kinder über viel Präsenz, unsere Veranstaltungen, Social-Media und ein gewisses Image zu erreichen. Darüber hinaus gibt es noch viele weitere Ideen, die aber Zeit und Ressourcen bei der Umsetzung erfordern.

Eine wichtige Rolle spielt auch der jährliche Talent Cup, für den der Verein gerade mit dem 3. Platz bei „Sterne des Sports“ vom Deutschen Olympischen Sportbund ausgezeichnet wurde.

Ja, beim Talent-Cup wurden unter anderem Raphael Holzdeppe, Kristina Gadschiew und Daniel Clemens entdeckt. Dort steht und fällt aber auch viel mit dem Engagement der Lehrer, die in ihrer Freizeit mit den Schülern zu uns kommen. Aber es geht für uns nur, wenn wir mit den Schulen zusammenarbeiten und uns entsprechendes Feedback holen. Parallel gibt es schließlich auch Handball- und Fußballcamps. Man buhlt schon um die Gunst der Kinder. Gerade in einer Stadt mit so vielen Sportvereinen wie Zweibrücken.

Dass beim Talent-Cup keine LAZ-Kids mehr teilnehmen dürfen, gefiel nicht jedem . . .

Es gab einen Riesenaufschrei. Aber ich brauche keine Lobbyveranstaltung, bei der Kinder, die technische Entwicklung, die sie bei uns durchlaufen haben, unter Beweis stellen. Ich brauche dort diejenigen, die sich noch nicht entschieden haben: Will ich Fußball oder will ich Leichtathletik machen.

Christin Hussong hat auf dem sozialen Netzwerk Instagram vor kurzem einen Beitrag geteilt, in dem es hieß dass einem Sportler in Deutschland weniger Aufmerksamkeit zuteil wird als einem sogenannten „Influencer“. Stimmen Sie zu?

Ich weiß nicht, ob die Reputation eines Influencers besser ist. Aber dass viele junge Leute auf der Straße sagen: „Schau mal, das ist der Internetstar von Youtube“, während sie Christin gar nicht kennen, halte ich nicht für unwahrscheinlich. Und wer weiß, wieviel Klicks auf einer Videoplattform finanziell wert sind, kann sich auch denken, dass viele Influencer deutlich mehr verdienen als Leichtathleten.

Bekommt die Leichtathletik zu wenig Aufmerksamkeit seitens der Öffentlichkeit?

Für einen Verein unserer Größenordnung war ich zu Beginn überrascht, wie wenig die Leute über das gewusst haben, was hier passiert. Was an Leistung und Entbehrungen – welches System dahinter steckt. Da musste bei Sponsoren, Partnern und den Menschen Überzeugungsarbeit geleistet werden. Es gab Politiker, denen ich gesagt habe: „Es bringt nichts, wenn ich Ihnen immer erzähle, was wir hier tun“ – kommen Sie doch einfach mal vorbei.“

Ist die Akquise von Sponsoren schwieriger geworden?

Wir sind glücklich, dass wir Partner aus der Wirtschaft und dem Einzelhandel haben, die uns seit 2012 durchgehend die Treue halten. Ab und an kommt noch ein neuer dazu, aber das Grundgerüst, auf das wir uns verlassen können, ist seit Jahren das selbe. Das ist auch deshalb so wichtig, weil Fördergelder von Verbänden und Stiftungen zweckgebunden sind. Dass wir die Athleten individuell betreuen, wäre ohne Sponsoren nicht möglich.

Wie wichtig sind die vereinseigenen Veranstaltungen wie das Sky’s the Limit-Meeting, um die Zuschauer vor der Haustür anzusprechen?

Immens wichtig. Damit können wir den Leuten, die den Sport nur aus dem TV kennen, zeigen: Wie weit werfen oder wie hoch springen die eigentlich wirklich. Die Zuschauer stehen bei uns auch ganz nah am Anlauf, davon hat sich auch die Verbandsaufsicht überrascht gezeigt. Aber genau das möchten wir ja – den Leuten zeigen, was wir hier machen.

Welche Rolle spielen Christin Hussong und Raphael Holzdeppe als Aushängeschilder der Veranstaltung?

Das sind die Hochkaräter, die zu 100 Prozent hinter den Veranstaltungen und dem Verein stehen. Sie springen und werfen hier für lau. Jeder, der so ein Meeting organisiert hat, weiß, was so eine Leistung finanziell wert sind. Darum allein geht es aber nicht. Die beiden leben dem Nachwuchs vor, was Identifikation bedeutet.

Was ist der schönere Job: Leistungssportler oder Funktionär?

Als Sportler habe ich gesagt: „Ich werde nie als Funktionär tätig sein“. Heute ist die Antwort nicht mehr so eindeutig. Als Sportler managed man zwar seine kleine Gruppe aus Trainer, Physio und Co. – aber am Ende des Tages ist man Individualist. Als Funktionär ist man Bindeglied, der alle Seiten soweit zusammenbringt, dass das System funktioniert. Da geht es um Vermitteln, Erklären und Sensibilisieren.

Können Sie die Philosophie des LAZ in einem Satz zusammenfassen?

„Wir machen Leistungssport“. Und mit unseren Mitteln machen wir das richtig gut.

Das Interview führte Mirko Reuther

  Will bei der WM in Doha um die Medaillen mitwerfen. Speerwurf-Europameisterin Christin Hussong.
Will bei der WM in Doha um die Medaillen mitwerfen. Speerwurf-Europameisterin Christin Hussong. FOTO: dpa / Valentin Flauraud
  Kann noch höher fliegen als seine Saisonbestleistung von 5,80 Meter: Stabhochspringer Raphael Holzdeppe.
Kann noch höher fliegen als seine Saisonbestleistung von 5,80 Meter: Stabhochspringer Raphael Holzdeppe. FOTO: dpa / Michael Kappeler