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Leichtathletik-WM
Mit besten Grüßen aus dem Hause Erdogan

London. Der Türke Ramil Guliyev ist überraschend Weltmeister über 200 Meter geworden. Der Erfolg wirft allerdings auch Fragen auf.

Da war dann auch der bis dahin so coole Ramil Guliyev baff. In den Katakomben des Londoner Olympiastadions drückte ein Betreuer dem neuen 200-Meter-Weltmeister ein Mobiltelefon in die Hand. „Guten Abend, Recep Tayyip Erdogan hier“, meldete sich der mächtige Staatspräsident aus Ankara. Gratulieren ist Chefsache, wenn ein Türke der internationalen Läufer-Elite davonrennt – obwohl der eigentlich Aserbaidschaner ist.

„Ich beglückwünsche Ramil Guliyev, denn er hat uns alle so stolz gemacht“, schickte Erdogan wenig später via Twitter hinterher. Der glückselige Guliyev selbst, der den Favoriten Wayde van Niekerk aus Südafrika bezwungen hatte, verkündete: „Dieses Rennen war ein Traum. Ich bin einfach nur glücklich.“ Van Niekerk verpasste somit das angestrebte Gold-Double über 200 und 400 Meter, welches zuletzt dem US-Amerikaner Michael Johnson gelungen war. Guliyev war’s egal.

Damit waren aber die erfreulichen Themenkomplexe abgehandelt, unangenehme Nachfragen folgten. Denn Erfolgen türkischer Leichtathleten haftet aus schlechter Tradition der Ruf des Zwielichtigen an. Ob es sich denn nicht seltsam anfühle, nicht für sein Heimatland, für das er 2008 noch bei Olympia angetreten war, Weltmeister zu werden? „Ich lebe in der Türkei, ich starte für die Türkei“, sagte Guliyev schmallippig. Und – schon deutlich genervter – auf die Frage nach der Unzahl türkischer Dopingskandale im vergangenen Jahrzehnt: „Jeder ist verantwortlich für sich selbst. Was soll ich denn dazu sonst noch sagen?“



Aus Guliyevs Sicht: besser nicht viel. Denn seine Tätigkeit für seinen türkischen Arbeitgeber, der ihn dem Nachbarland quasi abgekauft hat, lässt er sich fürstlich entlohnen. Mit Guliyevs London-Gold hat sich das durchaus fragwürdige Konzept der Türken nun erstmals richtig ausgezahlt.

Deren Verband hat sich jüngst wie ein Manchester City der Leichtathletik durch die Reihen finanzschwächerer Nationen geshoppt, vorzugsweise Kenianer, Kubaner und Jamaikaner als Dutzendware für gutes Geld an den Bosporus gekarrt. Zwar keine absoluten Topstars, aber dennoch Qualität: Bei der EM 2016 räumten die Türken zwölf Mal Edelmetall ab – nur zwei Medaillengewinner waren in der Türkei geboren.

In London ist die Türkei mit vier gebürtigen Kenianern am Start, zwei Jamaikanern, einem Äthiopier, einem Kubaner und dem Aserbaidschaner Guliyev. Das „Länder-Hopping“ und die damit verbundenen Ablösesummen an ärmere Verbänden sind dem Weltverband IAAF ein Dorn im Auge. „Wir müssen die Regeln strenger und transparenter machen“, sagte Präsident Sebastian Coe. Im November sollen neue Regelungen beschlossen werden, um die schlimmsten Auswüchse zu stoppen.

So darf sich die Türkei aber über ihr erstes WM-Gold freuen und hoffen, dass die Freude länger währt als bei den vermeintlichen Siegen vergangener Tage. Denn bevor die Türken auf Finanzkraft als Erfolgsbringer setzten, hatten es ihre Athleten mit Doping versucht. 2012 holten die 1500-Meter-Läuferinnen Asli Cakir Alptekin und Gamze Bulut überraschend Olympia-Gold und -Silber, weniger überraschend war die Disqualifikation infolge positiver Dopingtests. Süreyya Ayan, Europameisterin 2002 und WM-Zweite 2003 über 1500 Meter, ist mittlerweile lebenslang gesperrt. Auch die zweimalige Hürden-Europameisterin Nevin Yanit wurde langfristig aus dem Verkehr gezogen. Immerhin: Sie alle hatte man nicht einbürgern müssen.