| 23:20 Uhr

Leichtathletik-WM in London
„Alles ist möglich. Warum nicht ich?“

London. Nach dem Rücktritt von Weltrekordler Ashton Eaton wird ein Nachfolger gesucht. Auch zwei deutsche Zehnkämpfer hoffen.

Was vor einem Zehnkampf im Kopf von Rico Freimuth vor sich geht, möchte man nicht wirklich wissen. „Da denke ich auch ganz asoziale Sachen, um den Körper in einen extremen Adrenalin-Zustand zu bringen“, bekannte sich Zehnkämpfer Rico Freimuth vor seinem WM-Start am heutigen Freitag in London zu seinen „sehr narzisstischen Zügen“.

Ein Vorbild für die optimale Selbstmotivierung von Freimuth war der Olympiasieger, Weltmeister und Weltrekordler Ashton Eaton. „Er war ein mentales Monster. Ihm war keiner gewachsen“, sagte der WM-Dritte aus Halle mit Respekt. Nach dem Rücktritt des Dominators aus den USA hofft auch Freimuth, in der Zehnkampf-Hierarchie aufzurücken: „Die Grundstimmung im Zehnkampf-Lager ist so, dass jeder, der schon mal eine Medaille geholt hat, jetzt sagt: Ich will oben stehen.“

Immerhin ist der 29 Jahre alte Sportsoldat als Nummer eins der Weltbestenliste mit 8663 Punkten an die Themse gereist – auf Rang zwei und drei folgen der unter neutraler Fahne startende WM-Vierte Ilja Schkurenjow (Russland/8601 Punkte) und der Olympia-Dritte Damien Warner (Kanada/8591). Top-Favorit auf den Titel in London dürfte jedoch der Franzose Kevin Meyer sein, der bei den Olympischen Spielen in Rio hinter Eaton Zweiter wurde und als Bestleistung immerhin 8834 Punkte vorweisen kann.



Auch Freimuths deutscher Rivale Kai Kazmirek (8478) könnte ein Wort bei der Vergabe der ersten Plätze mitreden. Der Olympia-Vierte schaffte in diesem Jahr 8472 Punkte und war 2015 bei der WM nur 113 Zähler vom Bronzerang entfernt. „Eine Medaille ist drin“, meinte der 26-jährige Polizeikommissar von der LG Rhein-Wied. Dritter deutscher Starter ist der gelernte Bankkaufmann Mathi­as Brugger aus Ulm. Luca Wieland vom LAZ Saar 05 Saarbrücken hatte ebenfalls die WM-Norm erfüllt, war aber der Schwächste der Vier und ist deshalb für London nur als Ersatzmann vorgesehen.

„Wer weiß, alles ist möglich. Warum nicht ich?“, antwortete Freimuth selbstbewusst auf die Frage, ob er sich den Titelgewinn zutraut: „Ich will der Beste der Welt sein.“ Bisher hat das nur ein Deutscher geschafft: der frühere DDR-Athlet Torsten Voss 1987 in Rom. Ob ihm das schon in London gelingen könnte, wollte Freimuth dann aber doch nicht sagen: „Ich fühle mich zu gut, um mir diesen dummen Druck aufzubürden. Ich bin für alle Fälle gewappnet.“

Ratschläge von seinem Vater, dem ehemaligen DDR-Mehrkämpfer Uwe Freimuth, der 1983 WM-Vierter war und einst 8792 Punkte erkämpfte, hört er nicht mehr so gern. „Was soll ich mit ihm reden? Ich gehe meinen Weg“, sagte Freimuth Junior. Sein Vater habe ihm zu lange Druck gemacht. „Mein Vater ist so ein Typ für die Superlative, das hat er auch mir rübergebracht“, erzählte der Filius: „Irgendwann hat es dann kurz geknallt, bis ich die WM-Medaille geholt habe – seitdem ist alles gut.“

Etwas Druck vom Vater ist dennoch geblieben: „Er hofft natürlich, dass ich besser werde, als er es jemals war.“ Die Emanzipation vom Vater hat ihn psychisch stärker gemacht. „Die körperlichen Möglichkeiten für einen starken Zehnkämpfer hat er schon lange. Wichtig ist aber auch, die innere Mitte und Ruhe zu haben, das war bei Rico in manchen Jahren unterschiedlich“, erklärte Bundestrainer Rainer Pottel: „Nun hat er die Ruhe, die er im WM-Jahr 2015 beim Medaillengewinn hatte, wiedergefunden.“