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Leichtathletik-WM
„Positive Nervosität“ vor dem Saisonhöhepunkt

 „Superfit“ ist Christin Hussong vom Leichtathletikzentrum Zweibrücken vor ihrem Wettkampf bei der Weltmeisterschaft in Doha. Am Montag steht für sie die Qualifikation auf dem Plan, das Finale wäre am Dienstagabend.
„Superfit“ ist Christin Hussong vom Leichtathletikzentrum Zweibrücken vor ihrem Wettkampf bei der Weltmeisterschaft in Doha. Am Montag steht für sie die Qualifikation auf dem Plan, das Finale wäre am Dienstagabend. FOTO: AP / JEAN-CHRISTOPHE BOTT
Zweibrücken/Doha . Eine Medaille ist das Ziel von Speerwurf-Europameisterin Christin Hussong vom LAZ Zweibrücken bei der WM in Doha. Davon, dass sie das packen kann, ist auch eine ehemalige Weltmeisterin überzeugt. Von Mirko Reuther

Christin Hussong ist nervös. Sorgen machen muss man sich deshalb aber nicht, versichert die Speerwurf-Europameisterin vom Leichtathletikzentrum (LAZ) Zweibrücken vor ihrem Wettkampf bei der Weltmeisterschaft in Doha. Im Gegenteil: „Das geht mir vor jeder großen Veranstaltung so. Es ist eine positive Nervosität. Die brauche ich, damit ich überhaupt die richtige Spannung im Kopf und im Körper habe.“

Dass die Herschbergerin bei der WM um die Medaillen mitwerfen will, hat sie selbst mehrfach betont. Doch auch prominente Sportler, die es am besten wissen müssen, trauen der 25-Jährigen Edelmetall zu. Zum Beispiel Steffi Nerius. Als diese sich 2009 zur Speerwurf-Weltmeisterin krönte, saß Hussong in Herschberg auf dem Sofa und dachte sich: „Da will ich auch hin“. Gute Chancen auf eine Medaille habe Hussong, sagte Nerius zuletzt dem „Spiegel“ und bestätigte damit die Selbsteinschätzung der LAZ-Athletin. Mit der Führenden der Weltjahresbestenliste Lyu Huihui aus China (67,98 Meter), der Australierin Kelsey-Lee Barber (67,70m), Nikola Ogrodnikova (Tschechien, 67,40m) und Tatsiana Khaladovich (Weißrussland, 67,22m) haben zwar vier Athletinnen 2019 weiter geworfen als Hussong. Doch die folgt mit 66,59 Metern knapp dahinter. Mit drei Würfen über 67 Meter in diesem Jahr gilt Huihui als leichte Favoritin. Doch Hussong sagt: „Über 67 Meter kann ich auch werfen, ich kann sie schlagen.“

Denn die 25-Jährige, die am Freitag aus ihrem Trainingslager in Belek (Türkei) nach Doha aufgebrochen ist, fühlt sich „superfit“. Das überrascht sie selbst. Denn viele Athleten haben mit der langen Saison aufgrund der späten WM zu kämpfen. „Ich wusste selbst nicht, wie es laufen wird. Aber ich konnte die Form gut halten. Kopf und Körper wollen noch – und können noch.“



Ihre starke Verfassung will Hussong auf den letzten Metern vor dem Qualifikationswettkampf am Montag nicht gefährden. Und deshalb ist in Doha Vorsicht geboten. Aus dem klimatisierten Hotel raus in die sengende Sonne des Wüstenstaates und dann ins auf 26 Grad heruntergekühlte Khalifa-Stadion – da kann man sich leicht eine Erkältung einfangen, weiß sie. „Andere Athleten haben uns gewarnt. Ich werde auch bei 45 Grad dicke Sachen tragen“, sagt Hussong.

Im Trainingslager in Belek ging es bei ihr nicht darum, vor dem WM-Start nochmal richtig Gas zu geben – sondern ihre Form zu konservieren. „Was man über die Saison versäumt hat, holt man hier nicht mehr auf. Klar wird noch normal geworfen, aber die Umfänge sind reduziert. Man hört auf seinen Körper, versucht eine gewisse Ruhe zu finden und die Spannung zu halten.“ Zudem dient das Trainingslager in der Türkei der Gewöhnung an die Hitze und an die Zeitumstellung. „Der Zeitunterschied zu Deutschland beträgt in Belek nur eine Stunde, aber die hat man dann schon mal weg“, sagt Hussong.

Vor dem Finalwettkampf am Dienstag steht für die Herschbergerin am Montag zunächst die Qualifikation auf dem Programm. Diese nimmt die die LAZ-Athletin „sehr ernst“. Und zwar aus gutem Grund. Bei der EM 2016 und der WM 2017 war Hussong in der Qualifikation gescheitert. Damals war sie allerdings noch nicht die Weltklasse-Werferin von heute. Imposant ist vor allem ihre Konstanz. Gleich in ihrem ersten Wettkampf des Jahres, dem Winterwurf-Cup in der Slowakei, hatte Hussong die Qualifikationsnorm für die WM geschafft – und erfüllte sie in jedem weiteren Wettkampf, den sie seitdem bestritten hat, erneut. „Ich weiß, dass ich es kann, aber ich gehe nicht in die Quali und sage: ‚Das wird ein easy Ding’.“

Neben Hussong greift in Doha mit der 22-jährigen Annika Marie Fuchs vom SC Potsdam noch eine zweite Deutsche zum Speer. „Wir verstehen uns super. Ich bin ja auch noch nicht so alt, aber ein bisschen erfahrener. Wenn sie einen Tipp braucht, bin ich für sie da“, sagt Hussong. Denn auch sie habe von Ratschlägen der deutschen Speerwerferinnen Linda Stahl, Katharina Molitor und Christina Obergföll bei Wettkämpfen stets profitiert. Mit Nerius habe sie zwar nicht mehr zusammen geworfen. Doch auch das Lob der Weltmeisterin von 2009 bedeutet Hussong viel. „Das setzt mich nicht unter Druck, das beflügelt mich.“

LAZ-Stabhochspringer Raphael Holzdeppe, dessen Qualifikations-Wettkampf bereits am Samstag stattfindet, und dessen Trainer Andrei Tivontchik sind nicht die einzigen vertrauten Gesichter, die Hussong in Doha sehen wird. Auch ihr Vater Udo, der sie trainiert sowie ihre Mutter und ihr Onkel sind bei den Titelkämpfen dabei. Vater und Mutter unterstützen sie ohnehin bei jedem großen Wettkampf, sagt Hussong. „Sie auf der Tribüne zu sehen, gibt mir Ruhe. Es ist schön zu wissen, dass sie da sind“, sagt die Speerwurf-Europameisterin, die vor dem Höhepunkt des Jahres Gelassenheit und Zuversicht ausstrahlt: „Ich gehöre zu den besten Speerwerferinnen der Welt. Da muss mein Ziel eine Medaille sein.“

Und dass sie vor ihrem Wettkampf im Wüstenstaat mit jedem Tag ein klein wenig nervöser wird, ist in ihrem Fall ja kein schlechtes – sondern ein richtig gutes Zeichen.