| 23:20 Uhr

Leichtathletik
Kessing fürchtet einen „Schlag ins Gesicht“

Jürgen Kessing ist der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes.
Jürgen Kessing ist der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. FOTO: dpa / Arne Dedert
Monte Carlo. Der Weltverband IAAF entscheidet heute über die Sperre für Russlands Skandal-Leichtathleten. sid

Verlängerung der Verbannung oder Rückkehr auf die Weltbühne: 26 Council-Mitglieder des Weltverbandes IAAF um Präsident Sebastian Coe entscheiden am heutigen Dienstag über die Zukunft von Russlands Skandal-Leichtathleten. Für Jürgen Kessing wäre eine Begnadigung Russlands nach drei Jahren Sperre ein „Schlag ins Gesicht“ für alle sauberen Athleten. „Die Bringschuld Russlands“, sagte der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), „ist noch nicht vollständig erbracht“.

Am 13. November 2015 hatte die IAAF den russischen Verband Rusaf im Zuge des Skandals um Staatsdoping ausgeschlossen und den internationalen Bann seitdem acht Mal verlängert. Doch die sportpolitische Großwetterlage hat sich seit dem 20. September geändert, nachdem die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) die russische Anti-Doping-Agentur Rusada wieder aufgenommen hat. In der Leichtathletik-Szene befürchten viele Anti-Doping-Kämpfer nun, dass auch die IAAF in ihrer harten Haltung nachgiebig werden könnte.

Kessing appellierte an die Council-Mitglieder, die selber aufgestellten Bedingungen nicht zu vergessen. „Aus unserer Sicht kann es national wie auch international im Anti-Doping-Kampf nur eine Null-Toleranz-Politik geben“, sagte der 61-Jährige: „Eine Wiederaufnahme halte ich für verfrüht, weil ganz entscheidende Rahmenbedingungen nicht erfüllt werden.“ Momentan dürfen russische Athleten nur mit einer Ausnahmegenehmigung an internationalen Wettkämpfen teilnehmen.



Die Wiederaufnahme der Rusada war nur eine zentrale Voraussetzung der IAAF, um Russland wieder einzugliedern. Weitere Forderungen stehen aus: Russland müsse die Erkenntnisse der McLaren- und Schmid-Kommission anerkennen, wonach Beamte des Sportministeriums an dem Betrug beteiligt gewesen waren. Die russischen Behörden müssen die Dopingtests der Jahre 2011 bis 2015 zugänglich machen. Außerdem muss der russische Verband die Kosten in Höhe von 2,76 Millionen US-Dollar tragen, die die IAAF wegen des Skandals zu stemmen hat, wie etwa für die Installierung der Taskforce um den Vorsitzenden Rune Andersen.

„Es ist sehr wichtig, dass Athleten Antworten auf eine sehr wichtige und einfache Frage erhalten: Vertrauen Sie dem System?“, sagte Coe vor der Abstimmung, deren Ergebnis in einer Pressekonferenz bekannt gegeben wird. Zuvor legt Andersen seinen jüngsten Bericht vor und gibt eine Empfehlung ab, dann haben 26 Council-Mitglieder die Wahl – der Russe Michail Butow darf nicht mit abstimmen.

„Ich kenne Council-Mitglieder wie mich, die nicht nachgeben werden“, sagte der Franzose Bernard Amsalem der Nachrichtenagentur AFP: „Wir haben Bedingungen auferlegt. Wenn diese nicht erfüllt sind, müssen wir die Suspendierung verlängern.“ Damit ist Amsalem auf einer Linie mit Kessing, dem die Reformen in Russland viel zu langsam gehen: „Da werden kleine Zugeständnisse gemacht, allerdings nach dem Motto: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.“