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Handball
Das Rampenlicht gehört der Legende

 Joachim Deckarm (links) und sein Freund und ehemaliger Mannschaftskamerad Heiner Brand werden sich an diesem Samstag wieder in Schale werfen. Sie besuchen das WM-Hauptrundenspiel gegen Island.
Joachim Deckarm (links) und sein Freund und ehemaliger Mannschaftskamerad Heiner Brand werden sich an diesem Samstag wieder in Schale werfen. Sie besuchen das WM-Hauptrundenspiel gegen Island. FOTO: dpa / Oliver Dietze
Köln. Joachim Deckarm feiert an diesem Samstag seinen 65. Geburtstag – mit seinen ehemaligen Teamkollegen bei der WM in Köln. Von Erik Eggers

Es ist ein Tag wie gemalt für Joachim Deckarm. Wenn die deutsche Nationalmannschaft an diesem Samstag in Köln ihr erstes Hauptrundenspiel bei der 26. WM bestreitet, feiert die deutsche Handball-Legende seinen 65. Geburtstag. Am Freitagabend trafen sich die Weltmeister von 1978 im nahen Gummersbach, wo „Jo“ einst zum besten Handballer der Welt reifte – und wo er heute wieder wohnt. Der Deutsche Handball-Bund hat die Helden, die 1978 im Finale gegen die Sowjetunion (20:19) einen Mythos schufen, für die Partie gegen Island in die Arena eingeladen. „Die Vorfreude ist riesig“, sagt Deckarm: „Die Spieler zeigen einen unheimlichen Spaß am Handball.“

Gefeiert von den 19 000 Fans werden aber auch die Ehemaligen. Heiner Brand, Kurt Klühspies, Manfred Hofmann, Gerd Rosendahl, Horst Spengler, Jimmy Waltke, Arno Ehret, Arnulf Meffle – alles Namen, die sich mit dem „Wunder von Kopenhagen“ in das Gedächtnis des deutschen Handballs eingeschrieben haben. Aber allen ist bewusst, dass der Triumph vor 41 Jahren ohne ihren begnadetsten Spieler zustande gekommen wäre: Joachim Deckarm.

Geboren am 19. Januar 1954 in Saarbrücken, hatte sich schon früh angedeutet, dass da im Saarland vielleicht ein Jahrhundert-Talent heranwuchs. „In den letzten zehn Jahren habe ich kein derartiges Handball-Talent mehr gesehen“, jubelte 1971 Bundestrainer Werner Vick, nachdem er Deckarm das erste Mal in der B-Auswahl eingesetzt hatte. „Er könnte im Zehnkampf seinen Weg machen“, meinte Werner von Moltke, zu dieser Zeit Trainer des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. Kurz zuvor hatte der 1,93 Meter große Deckarm im Hochsprung zwei Meter überquert.



Doch Deckarm, der jüngste von vier Brüdern, der als Siebenjähriger beim TV Malstatt mit Turnen und Handball begonnen hatte, entschied sich schnell für den Handball. Er wechselte 1970 in die Handballabteilung des 1. FC Saarbrücken und nach dem Abitur, 1973, ging er zum großen VfL Gummersbach. Obwohl Deckarm bei zunächst auf Linksaußen spielen musste, weil der Star Hansi Schmidt den halblinken Rückraum für sich beanspruchte, reifte Deckarm in rasantem Tempo zu einem Weltklassespieler.

Sein erstes Länderspiel absolvierte Deckarm am 2. Dezember 1973 in Tiflis gegen Rumänien (20:16), also kurz vor der desaströsen WM 1974 in der DDR. Viele Experten waren seinerzeit überzeugt davon, dass dieser Absturz verhindert hätte werden können – wenn Bundestrainer Käsler nicht im ersten entscheidenden WM-Spiel gegen Dänemark auf Deckarm verzichtet hätte. Denn der „Goldarm“ (kicker) schien schon mit den Gegnern zu spielen.

Unter Vlado Stenzel, der im Herbst 1974 Bundestrainer wurde, war Deckarm von Beginn an gesetzt, ein Führungsspieler. „Joachim ist der ideale Handballspieler. Die Mannschaft des Deutschen Handball-Bundes hatte noch nie einen so begabten und intelligenten Spieler“, rühmte ihn der Bundestrainer nach der legendären Olympia-Qualifikation 1976 in Karl-Marx-Stadt, als er bei der 8:11-Niederlage fünf Tore geworfen hatte. Als Deckarms bester Karriere-Auftritt gilt das emotionale Qualifikations-Hinspiel in München 1975, als er mit der DDR Katz und Maus spielte und neun der 17 westdeutschen Tore erzielte.

Ohne ihn, sagt sein Freund Heiner Brand, wären die großen Erfolge in den 1970er Jahren kaum möglich gewesen. „Joachim war damals der einzige Spieler, der aus dem Rückraum mit individuellen Aktionen Tore machen konnte“, sagt der ehemalige Bundestrainer: „In wichtigen Spielen hat er immer seine Klasse bewiesen.“ Und sie hatten viele wichtige Spiele beim VfL Gummersbach; dreimal gewannen sie mit Deckarm die Meisterschaft, zweimal den Pokal, 1974 den Europapokal der Landesmeister, als Deckarm das entscheidende Tor gegen MAI Moskau markierte.

Und auch im sagenhaften WM-Finale von 1978 brillierte Deckarm, obwohl er gerade erst eine Grippe überstanden hatte, mit seiner sagenhaften Übersicht und sechs Toren. Deckarm war es, der den letzten, entscheidenden Block setzte, bevor sie über den Titel jubeln konnten. In diesem Moment zahlte sich aus, dass der komplette Handballer auch famos Abwehr spielte.

Zum Mythos Deckarm trug nicht nur die verblüffende Leichtigkeit bei, mit der er seine Tore erzielte, ob nun aus dem Rückraum oder per Durchbruch. Großen Eindruck machte auch die Bodenständigkeit und Fairness, die er trotz seiner turmhohen Überlegenheit an den Tag legte. Zudem ließ er sich als Prototyp eines fairen Sportlers nie provozieren. „Ein echter Kumpel, nie überzogen, nie überheblich“, sagt Klühspies. Umso größer das Entsetzen in der Welt des Handballs, als der damals beste Handballer auf dem Planeten am 30. März 1979 so schwer verunfallte.

Als Deckarm in der 23. Minute des Europapokalspiels in Tatabanya bei einem Tempogegenstoß in vollem Lauf den Ball annahm, sah er den Gegenspieler Lajos Panovic nicht und prallte mit ihm zusammen. Deckarm, wohl schon in der Luft bewusstlos, stürzte mit dem Kopf auf den Betonboden, der nur mit einer dünnen PVC-Schicht überzogen war. Er erlitt einen doppelten Schädelbruch, Hirnquetschungen, viele Gefäße waren geplatzt. Es war ein Wunder, dass er überhaupt überlebte. Deckarm lag 131 Tage im Koma, bevor er erwachte. In einem Augenblick war aus einem Musterathleten, der gerade seinen 25. Geburtstag gefeiert hatte, ein Invalide geworden.

Die Vorbildfunktion, die Deckarm stets auf dem Platz gezeigt hatte, bewies er nun auch in seinem „zweiten Leben“. Der ehemalige Nationalspieler steckte nicht auf. Mit der Hilfe vieler Menschen, insbesondere seinem Jugendtrainer Werner Hürter, schaffte es Deckarm zurück ins Leben. Bereits im November 1980 – also eineinhalb Jahre nach dem tragischen Unfall – wurde ein Benefizspiel vor über 11 000 Zuschauern in der Westfalenhalle organisiert, um das nötige Geld für Deckarms Pflege zu beschaffen. „Es gab eine große Welle der Hilfsbereitschaft nach dem Unfall“, erinnert sich Brand. Heute kümmert sich die Deutsche Sporthilfe mit dem Deckarm-Fonds um ihn. Seine Freunde von damals helfen bis heute.

Die Reha dauerte eine kleine Ewigkeit. Nach Jahren war Deckarm aber wieder in der Lage, deutlich zu sprechen, Rechenaufgaben zu lösen und Balladen zu rezitieren. Die Lebensfreude kehrte zurück. Es ist kein ungewohntes Bild, Deckarm mit einem breiten Lachen über das gesamte Gesicht neben seinem Freund Heiner Brand zu sehen. „Handball wird immer zu meinem Leben gehören“, sagt Deckarm.

Im Herbst 2018 siedelte Deckarm von Saarbrücken nach Gummersbach um – auf Wunsch seines Bruders und Betreuers Herbert. Im Oberbergischen war er zuvor mehrfach „auf Urlaub“ gewesen, wie Heiner Brand berichtete: „Dabei haben wir festgestellt, wie gut ihm die Zeit an alter Wirkungsstätte tut und wie positiv sich die Aufenthalte auf seine Entwicklung ausgewirkt haben.“

Deckarm, das macht ihn bis heute populär, ist seinem Sport immer treu geblieben. Den Kampf gegen sein Schicksal hat er gemeistert. Einst als bester Handballer gefeiert, wird er heute als ein Mensch bewundert, der sein Schicksal annahm. Weltweit wird ihm großer Respekt entgegen gebracht. Im Mai 2013 wurde er in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen. Als „vorbildlicher Kämpfer“. Ein Titel, der keinen Sportler besser beschreiben könnte als Deckarm.