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Talente-Mangel im deutschen Fußball
Kuntz appelliert: „Spielminuten müssen Gehalt ersetzen“

 Stefan Kuntz fasst sich an den Kopf. Mit dem Entwicklungsstand der aktuellen U21-Talente ist er alles andere als zufrieden.
Stefan Kuntz fasst sich an den Kopf. Mit dem Entwicklungsstand der aktuellen U21-Talente ist er alles andere als zufrieden. FOTO: dpa / Cézaro De Luca
Dortmund. Bis zur Heim-EM 2024 ist die deutsche Nationalmannschaft gut aufgestellt. Doch langfristig fehlen die Talente. Der DFB will Gegenmaßnahmen ergreifen. sid

Ein Telefonat zwischen Bundestrainer Joachim Löw und U21-Trainer Stefan Kuntz ist derzeit ziemlich schnell beendet. Aus dem Kreis der A-Nationalmannschaft ist derzeit nur noch Kai Havertz für die U21 spielberechtigt. „Und von meinen aktuellen Jungs ist keiner kurz vor dem Tor zur A-Nationalmannschaft“, stellt Kuntz nüchtern fest. Während Ausnahmespieler Havertz im Sommer womöglich für eine Ablöse von etwa 100 Millionen Euro Bayer Leverkusen verlassen könnte, fehlen dem deutschen Fußball in der Breite die Top-Talente. Bis die Gegenmaßnahmen greifen, ist Geduld gefragt.

„Wir müssen uns bewusst sein, dass es eine Delle geben wird“, sagt Oliver Bierhoff bei einer Veranstaltung im Fußballmuseum in Dortmund und macht deutlich: „Bis zur EM 2024 sind wir gut aufgestellt. Es gibt aber klare Anzeichen, dass wir uns massiv bewegen müssen.“

Der jüngste Sportreport der Deutschen Fußball-Liga (DFL) belegt dies. Havertz oder der 17-jährige Jan Thielmann vom 1. FC Köln, der bei Eintracht Trier ausgebildet wurde, sind absolute Ausnahmen. In der Hinrunde der laufenden Saison waren lediglich drei Prozent der eingesetzten Profis deutsche U21-Spieler. Diese Zahl, stellt Joti Chatzialexiou, sportlicher Leiter Nationalmannschaften, fest, „ist alarmierend“.



Überraschend kommt sie nicht. Die Probleme sind seit geraumer Zeit bekannt, erste Gegenmaßnahmen wurden ergriffen. Einige „werden für die heute 18-Jährigen aber zu spät sein“, sagt DFB-Direktor Bierhoff, der große Hoffnungen in die neue DFB-Akademie setzt: „Das ist einmalig, was wir da versuchen aufzubauen. Die Akademie ist keine abgehobene Institution. Die Akademie ist mittendrin. Da arbeiten unsere Praxisleute. Es werden Impulse ins System gegeben, die uns bereichern werden.“

Zeit soll nicht mehr verloren werden. „Wir haben viel über die Herausforderungen und Probleme des deutschen Fußballs gesprochen. Jetzt ist ein Jahr des Handelns“, sagt Chatzialexiou. Weitere konkrete Pläne sollen dem DFB-Präsidium noch vor der Europameisterschaft (12. Juni bis 12. Juli) vorgestellt werden. Denn Bierhoff will auch in „zehn oder 15 Jahren eine erfolgreiche A-Nationalmannschaft haben“. Dafür müsse man die Spieler wieder „besser entwickeln“, man müsse ihnen wieder mehr „Freiräume“ geben. Zuletzt wurde zu sehr „auf den Erfolg der Mannschaft geachtet“. Auch die Trainer müsse man laut Bierhoff „individueller und inhaltlich anders prägen“. Viele Strukturen müssten „besser genutzt und sinnvoller eingesetzt“ werden.

Die aktuelle Nationalmannschaft sieht der Europameister von 1996 noch nicht auf dem Niveau wie bei der WM 2010. „Wir sind auf einem guten Weg. Aber für mich ist die Mannschaft 2010 noch weiter gewesen. Die Spieler hatten mehr Erfahrung“, sagt Bierhoff.

Vor zehn Jahren war die DFB-Auswahl in Südafrika mit vielen jungen Spielern bis ins Halbfinale gestürmt. Auch jetzt macht es wieder „echt Spaß mit der Truppe“, sagt Bierhoff: „Da wächst etwas heran.“ Dennoch gehe man „nicht als Favorit in das Turnier“, sagt Bierhoff mit Blick auf die EM: „Als deutsche Nationalmannschaft gehst du aber immer in ein Turnier, um das Größte zu wollen“ – den Turniersieg.

Im Fußballmuseum erinnert viel an die Triumphe aus vergangenen Zeiten. Es sind Pokale zu bewundern, „die wir alle noch einmal gewinnen wollen“, sagt Bierhoff. Dafür muss viel Arbeit bewältigt werden. Der gebürtige Neunkircher, der neben der U21 in diesem Jahr auch die Olympia-Auswahl betreut und die fehlende Breite an Toptalenten schon häufiger thematisiert hat, bringt es mit Blick auf die nachwachsende Generation an Talenten auf eine einfache Formel: „Spielminuten müssen Gehalt ersetzen.“