| 00:00 Uhr

Korkut folgt auf Slomka

Hannover. Hannover 96 hat mit seiner Trainerwahl alle überrascht. Der ehemalige türkische Nationalspieler Tayfun Korkut war selbst Experten kaum ein Begriff. Zum Auftakt wartet immerhin das Derby beim VfL Wolfsburg. Von sid-Mitarbeiter Jörg Soldwisch

Tayfun wer? Mit der völlig überraschenden Verpflichtung des Trainer-Novizen Tayfun Korkut (39) hat Hannover 96 an Silvester für einen Knalleffekt gesorgt. Fans, Experten und selbst die Konkurrenten reiben sich noch immer verwundert die Augen und rätseln, ob die Entscheidung des Fußball-Bundesligisten genial oder verrückt ist.

"Mir war klar, dass nicht jeder sofort etwas mit dem Namen anfangen kann. Dass unsere Lösung überraschen wird, hatte ich erwartet", sagte 96-Präsident Martin Kind am Neujahrstag. Dass der zweite türkischstämmige Coach der Bundesliga-Geschichte - nach Arcoc Özan (HSV, 1977/78) -, der die Nachfolge von Mirko Slomka antritt, über keinerlei Erfahrung als Cheftrainer verfügt, ist für Kind kein Problem: "Es gibt für uns kein Risiko, weil Herr Korkut uns eine gute, klare Argumentation geliefert hat."

Auch Sportdirektor Dirk Dufner schwärmte über den Trainer-Neuling, der sich gegen die in der Öffentlichkeit gehandelten Murat Yakin, Ricardo Moniz oder André Breitenreiter durchsetzte. "Mit Tayfun Korkut haben wir uns für einen jungen, top ausgebildeten und hoch motivierten Trainer entschieden, der uns mit seiner Persönlichkeit und seiner Vita voll überzeugt hat", sagte Dufner. Diese "mutige Entscheidung" sei bewusst getroffen worden, da man in der Zusammenarbeit mit dem 42-maligen türkischen Nationalspieler "eine tolle Perspektive" sehe.

Erfahrung war jedenfalls nicht das ausschlaggebende Argument - Korkuts Stationen als Trainer lassen sich an einer Hand abzählen: Junioren-Coach bei 1899 Hoffenheim, dem VfB Stuttgart und bei Real Sociedad San Sebastian, zuletzt Assistent in der türkischen Nationalmannschaft. Als Spieler war der frühere Defensivakteur in Deutschland (Stuttgarter Kickers), Spanien und der Türkei aktiv.

Als Trainer erhält er nun seine erste große Bewährungschance. Er habe eine "anspruchsvolle, aber auch faszinierende Aufgabe" vor sich, meinte Korkut, der am Freitag offiziell vorgestellt und am 25. Januar im Niedersachsen-Derby beim VfL Wolfsburg sein Debüt feiern wird. Ein Sprachproblem wird es unter ihm gewiss nicht geben, der gebürtige Stuttgarter spricht fließend Deutsch, Türkisch, Englisch und Spanisch.

Die Probleme in der Mannschaft sind aber andere. Die eklatante Auswärtsschwäche (kein einziger Punkt auf fremden Plätzen in der Hinrunde) dürfte sich in den Köpfen der Spieler festgesetzt haben, genauso wie die immer realer werdende Abstiegsangst. Von dem begeisternden Konterfußball der vergangenen Jahre ist nichts mehr zu sehen, auch um den Zusammenhalt im Team soll es nicht zum Besten bestellt sein.

Ob Korkut der schwierigen Aufgabe an der Leine gewachsen ist, kann seriös wohl kaum jemand beantworten. Fakt ist aber auch, dass die Fallhöhe für Clubchef Kind und Sportdirektor Dufner größer ist als bei einer "normalen" Trainerverpflichtung. Sollte Korkut scheitern und am Ende vielleicht sogar der Abstieg stehen, wären beide Entscheidungsträger in akuter Erklärungsnot.

Vielleicht startet Korkut aber auch durch, genau wie Markus Gisdol (Hoffenheim), Thomas Schneider (Stuttgart) und Markus Weinzierl (Augsburg). Mit allen drei aktuellen Bundesliga-Trainern hat Korkut 2010 die Ausbildung zum Fußball-Lehrer beim DFB absolviert.