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Fußball-Bundesliga
Klinsmann geht mit einem Paukenschlag

 Jürgen Klinsmann spürte nicht das Vertrauen der „handelnden Personen“. Namen nannte er nicht, meinte aber wohl Hertha-Manager Michael Preetz.
Jürgen Klinsmann spürte nicht das Vertrauen der „handelnden Personen“. Namen nannte er nicht, meinte aber wohl Hertha-Manager Michael Preetz. FOTO: dpa / Andreas Gora
Berlin. Der 55-Jährige tritt nach 76 Tagen als Trainer des Fußball-Bundesligisten Hertha BSC zurück. Er vermisste das Vertrauen im Verein. sid

Provinzposse beim „Big City Club“: Jürgen Klinsmann hat am Dienstag nach nur 76 Tagen sein Amt als Cheftrainer beim Fußball-Bundesligisten Hertha BSC zur Verfügung gestellt. Dabei überrumpelte der ehemalige Bundestrainer seinen Arbeitgeber und gab seinen Abschied über Facebook bekannt. Erst Ende November hatte der 55-Jährige den Job an der Spree übernommen, um den Klub vor dem Abstieg zu retten.

Herthas sportliche Leitung traf die Entscheidung des einstigen Weltklassestürmers unvorbereitet. „Wir sind von dieser Entwicklung am Morgen überrascht worden“, sagte Manager Michael Preetz: „Insbesondere nach der vertrauensvollen Zusammenarbeit hinsichtlich der Personalentscheidungen in der für Hertha BSC intensiven Wintertransferperiode gab es dafür keinerlei Anzeichen.“ Zunächst einmal soll Assistent Alexander Nouri das Training leiten. Der ehemalige Bayern- und Frankfurt-Trainer Niko Kovac, ein gebürtiger Berliner, soll für die Klinsmann-Nachfolge vorerst nicht zur Verfügung stehen.

Klinsmann fehlte laut eigener Darstellung im Abstiegskampf die nötige Rückendeckung vom Verein – wohl auch von Preetz. „Als Cheftrainer benötige ich für diese Aufgabe, die noch nicht erledigt ist, auch das Vertrauen der handelnden Personen. Gerade im Abstiegskampf sind Einheit, Zusammenhalt und Konzentration auf das Wesentliche die wichtigsten Elemente“, schrieb Klinsmann in den sozialen Medien.



Wie der frühere Italien-, England- und Frankreich-Legionär weiter mitteilte, habe er sein „Potenzial als Trainer“ nicht mehr ausschöpfen können und konnte damit der Verantwortung als Trainer „auch nicht gerecht werden“. Deshalb sei er „nach langer Überlegung“ zu der Auffassung gekommen, seinen Posten zur Verfügung zu stellen.

Investor Lars Windhorst erfuhr als einer der Ersten von Klinsmanns Entscheidung. „Ich bedauere diesen Schritt von Jürgen Klinsmann sehr“, sagte Windhorst. Sein Amt als Aufsichtsrats-Mitglied will Klinsmann aber auf jeden Fall behalten. Anhänger, Spieler und die Mitarbeiter von Hertha BSC seien ihm „natürlich ans Herz gewachsen“, schrieb Klinsmann. Deshalb werde er „weiter mit der Hertha fiebern“.

Ende November hatte der Macher des Sommermärchens von 2006 das Trainer-Amt bei der Alten Dame vom glücklosen Ante Covic übernommen. Die Ausbeute blieb aber überschaubar. In neun Bundesliga-Spielen holte er zwölf Zähler. Am vergangenen Samstag hatte es ein 1:3 gegen den FSV Mainz 05 gegeben. Im DFB-Pokal unterlagen die Berliner im Achtelfinale in der vergangenen Woche bei Schalke 04 mit 2:3 nach Verlängerung.

Der Rückzug von Klinsmann kam auch deshalb überraschend, weil die Hertha auf Initiative des Trainers im Winter 78 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben hatte. Dazu gehörten die Mittelfeldspieler Lucas Tousart (25 Millionen an Olympique Lyon, bis Sommer zurückverliehen) und Santiago Ascacíbar (VfB Stuttgart/10 Millionen) sowie die Stürmer Krzysztof Piatek (AC Mailand/27 Millionen) und Matheus Cunha (RB Leipzig/18 Millionen Euro). Mit neuen Top-Spielern wollte der Hauptstadt-Klub mittelfristig in Richtung Champions League marschieren.

Andere Spieler wie Stürmer Davie Selke (zu Werder Bremen), Ondrej Duda (Norwich City) oder der ehemalige Saarbrücker Jugendspieler Eduard Löwen (FC Augsburg) verließen den Verein. Damit war möglicher Ärger mit Preetz programmiert, weil der Manager diese Spieler in voller Überzeugung geholt hatte. Angesichts der Personalsituation drohte auch Eigengewächs Arne Maier mit einem Klub-Wechsel, doch Preetz schritt ein und untersagte einen möglichen Verkauf.

Möglich geworden waren die Einkäufe, weil Investor Windhorst 225 Millionen Euro in den Verein gepumpt hatte. Windhorst war es auch, der Klinsmann als Mitglied in den Aufsichtsrat geholt hatte. Man darf gespannt sein, welche Auswirkungen der Rücktritt auf das Verhältnis zwischen Hertha und Windhorst haben wird. Sportlich konnte Klinsmann zum Ende des letzten Jahres noch einige Achtungserfolge landen. Im neuen Jahr blieb die Hertha hinter den Erwartungen zurück. An diesem Samstag (15.30 Uhr/Sky) sind die Herthaner zu Gast bei Schlusslicht SC Paderborn – im ersten Spiel nach der kurzen Klinsmann-Ära.