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Fußball-Bundesliga
Klima-Katastrophe in Hannover

 Alltag in Hannover: 96-Präsident Martin Kind (li.), gibt vor dem Spiel ein Interview. Im Hintergrund wollen die Fans seinen Abgang erzwingen.
Alltag in Hannover: 96-Präsident Martin Kind (li.), gibt vor dem Spiel ein Interview. Im Hintergrund wollen die Fans seinen Abgang erzwingen. FOTO: dpa / Peter Steffen
Hannover. Das Verhältnis zwischen Hannover 96 und Teilen seiner Anhänger hat einen neuen Tiefpunkt erreicht. Alt-Kanzler Schröder ergreift das Wort.

(sid) Die miese Stimmung im Stadion, der anhaltende Ärger mit und zwischen den Fans, die ständigen Beschimpfungen von Vereinsboss Martin Kind – Altkanzler Gerhard Schröder hat angesichts der Klima-Katastrophe in Hannover die Faxen dicke. Inmitten der hoch explosiven Gemengelage bei Hannover 96 schießt der Aufsichtsratsboss scharf gegen die Ultras des Clubs.

„Was sich da in der letzten Zeit entwickelt hat, das schadet der Mannschaft, das schadet dem Sport, das schadet dem Ansehen von Hannover 96“, sagte Schröder dem Portal Sportbuzzer: „Ich würde sie nicht Fans nennen, denn das ist eine Beleidigung der wirklichen Fans, die jede Woche zu 96 kommen. Die, die man gegenwärtig Ultras nennt, sind eine ärgerliche Randerscheinung.“

Lange hatte der 73-Jährige zur aktuellen Situation geschwiegen, nun wandte er sich mit drastischen Worten direkt an die Gegner von Vereinspräsident Kind: „Ihr seid die, die am wenigsten gebraucht werden. Weil ihr der Mannschaft nicht helft und ihr Unruhe in den Verein bringt.“



Damit hat der Zoff in der niedersächsischen Landeshauptstadt endgültig eine neue Stufe erreicht. Denn zuvor hatte schon Kind Konsequenzen gegen die unliebsamen Fans angedeutet. „Wir haben Ideen, die wir intensiv diskutieren", sagte er dem Fachmagazin „Kicker“. Konkrete Maßnahmen oder Verbote nannte der Unternehmer nicht. „Es macht keinen Sinn, vorschnell Entscheidungen zu treffen, die dann einer Rechtsprüfung nicht standhielten.“ Spätestens zur neuen Saison dürfte es bei 96 eine neue „Ultra-Strategie“geben.

Die Situation in Hannover verwundert – zumindest auf den ersten Blick. Sportlich liegt das Team von Trainer Andre Breitenreiter mit 32 Punkten voll im Soll, und auch wirtschaftlich gibt es kein Grund zum Klagen. Doch die Fans der Roten haben sich im Kampf gegen die Abschaffung der 50+1-Regel mit Kind ein persönliches Feindbild geschaffen.

Weil das Cluboberhaupt sich als klarer Gegner der Investorensperre im deutschen Fußball positioniert hat und lieber heute als morgen die Mehrheit bei den Niedersachsen übernehmen will, ist das Verhältnis zwischen ihm und vielen organisierten Fans seit Jahren gestört.

Einen neuen Tiefpunkt im Verhältnis zwischen Team und Fans markierte das Heimspiel Hannovers gegen Borussia Mönchengladbach (0:1) am vergangenen Samstag. Nachdem die Clubführung eine für Montag geplante Podiumsdiskussion mit Vertretern der aktiven Fanszene abgesagt hatte, wurde der vorläufig gestoppte Stimmungsboykott gegen die eigene Mannschaft fortgesetzt und stattdessen einmal mehr lautstark gegen Kind protestiert. Andere Fans reagierten mit Pfiffen und riefen „Ultras raus“.

„Wir machen alles andere, als uns auf den Fußball zu konzentrieren. Das kotzt mich echt an und das macht keinen Spaß“, hatte 96-Manager Horst Heldt nach der Partie gepoltert. Inzwischen wird an der Leine sogar über einen möglichen Abgang Heldts spekuliert. „Ich habe gespürt, dass er angegriffen ist“, sagte Kind: „Ich kann es verstehen.“

Erstmals seit vergangenem Sommer hätte die Mannschaft auch die „Scharmützel auf der Tribüne“ nach der torlosen ersten Halbzeit gegen Borussia Mönchengladbach (0:1) nicht ausblenden können und wäre „verunsichert und abgelenkt“ gewesen, meinte Heldt: „In der Pause saßen die Spieler wie paralysiert in der Kabine – als ob sie gerade 0:5 verloren hätten. Wohlgemerkt in der Pause.“

Anzeichen auf eine kurzfristige Entspannung in Hannover gibt es nicht. Das Klima ist vergiftet.