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Leichtathletik-WM in Doha
„Und das soll eine WM sein?“

 Auf der Laufbahn startet in diesem Moment das 100-Meter-Finale der Frauen, doch das Stadion in Doha ist leer.
Auf der Laufbahn startet in diesem Moment das 100-Meter-Finale der Frauen, doch das Stadion in Doha ist leer. FOTO: AP / Petr David Josek
Doha. Das Stadion in Doha ist bei der Leichtathletik-WM in Doha nur spärlich gefüllt. Stimmung kam an den ersten drei Tagen keine auf. sid

( Licht aus, Illusion an: Kurz vor dem 100-Meter-Finale der schnellsten Frauen der Welt schmiss die Stadionregie in Doha eine protzige Lasershow an und gaukelte so etwas wie Stimmung vor. Doch auch dieser Kniff verdeckte nur kurz, dass ein weiterer Höhepunkt dieser Leichtathletik-WM fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. Der erschütternd schwache Zuspruch wird neben der Hitze zum Hauptproblem der Titelkämpfe – und lässt für die Fußball-WM 2022 Schlimmes befürchten.

„Wir sind aus den vergangenen Jahren verwöhnt, aber hier kommt wirklich kaum Stimmung rüber“, sagte die deutsche Sprinterin Gina Lückenkemper nach dem Halbfinale am Sonntag – und damit gehörte sie noch zu den zurückhaltenden Kritikern. „Es ist eine Katastrophe, da ist fast niemand auf den Tribünen“, polterte Frankreichs Zehnkampf-Weltrekordler Kevin Mayer: „Wenn ich mich nicht auf meine Leidenschaft für den Wettkampf konzentrieren könnte, würde ich diese WM boykottieren.“

Beim 100-Meter-Finale der Männer am Samstagabend, gemeinhin der Höhepunkt von Weltmeisterschaften, harrten mit viel Liebe 10 000 Zuschauer im Khalifa International Stadium aus. Beim Frauen-Finale am Sonntag war es nicht mal die Hälfte. Offizielle Besucherzahlen werden aus gutem Grund nicht bekannt gegeben. „Ich bin ins Stadion gekommen und dachte: Das soll hier eine WM sein?“, sagte Denise Lewis, britische Siebenkampf-Olympiasiegerin von 2000, die ihre Landsfrau Dina Asher-Smith über 100 Meter anfeuern wollte.



Die Veranstalter versuchen mit allen Tricks, schönen Schein zu erzeugen. Das Fassungsvermögen des Stadions, in dem auch 2022 gekickt wird, wurde für die Leichtathletik von 48 000 auf 21 000 Zuschauer reduziert, der Oberhang komplett mit Bannern abgehängt. Dem Vorwurf, Gastarbeiter als Dekoration herbeizukarren, widersprach das Organisationskomitee. Wenn allerdings während der Wettbewerbe Stimmung herrscht, sorgen dafür meist äthiopische Fan-Kolonien während der langen Läufe. Katar hatte 2019 ein Abkommen mit dem ostafrikanischen Land zur massiven Anwerbung von Arbeitern geschlossen. Bei einer Pressekonferenz vor dem WM-Start teilte Dahlan Al Hamad, OK-Chef und Vizepräsident des Weltverbandes IAAF mit, dass von insgesamt 200 000 Eintrittskarten nur noch 5000 zu verkaufen seien und diese nun flugs über die Ladentheke gehen werden. IAAF-Boss Sebastian Coe hatte alle Mühe, dabei ernst zu bleiben.

Das geringe Interesse hat viele Gründe. Aufgrund der politischen Spannungen können Fans aus Ländern um Saudi-Arabien und Bahrain nicht beliebig einreisen. Das brutale Klima kommt hinzu, zudem tut man dem Wüstenstaat nicht Unrecht, wenn man ihm landschaftlichen Reiz abspricht – touristische Möglichkeiten sind begrenzt.

Ob der Fußball mehr Menschen nach Katar bringen kann, ist die große Frage. Im Dezember findet erstmals im Land die Club-WM statt, Jürgen Klopps FC Liverpool wird kommen, die Kataris setzen auf die Reisefreudigkeit der Reds-Fans. Ende 2022 wird dann die WM mit 32 Teilnehmer-Ländern im kleinen Katar der Gradmesser. Um dort Geisterkulissen zu verhindern, greift das streng islamische Land auf einen anderen großen Vereiner zurück: Der Bierpreis soll drastisch gesenkt werden. Derzeit ist das Glas Heineken nur in ausgesuchten Fünf-Sterne-Hotels zu umgerechnet zwölf Euro erhältlich.