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Fußball-Bundesliga
HSV-Chaoten versauen den Abstieg in Würde

Es ist die Szene des letzten Spieltags: Kurz vor dem Abpfiff in Hamburg explodieren Feuerwerkskörper auf dem Spielfeld. Die Polizei marschiert ein.
Es ist die Szene des letzten Spieltags: Kurz vor dem Abpfiff in Hamburg explodieren Feuerwerkskörper auf dem Spielfeld. Die Polizei marschiert ein. FOTO: dpa / Axel Heimken
Hamburg. Bundesliga-Gründungsmitglied muss erstmals in die 2. Liga runter. Wolfsburg hofft auf die Relegation, Freiburg feiert Trainer Streich.

Der Start in die neue Zeitrechnung des Hamburger SV fiel Bernd Hoffmann sichtlich schwer. Der Boss des abgestürzten Traditionsvereins hatte freien Blick auf die eilig umgestellte Uhr im Volksparkstadion, doch wirklich hingucken mochte er nicht. „Das muss man erstmal verdauen. Das ist ein harter Schlag“, sagte Hoffmann gestern. Als wenn der historische Sturz in die Zweitklassigkeit nicht genug gewesen wäre, wühlten ihn die schweren Ausschreitungen vom Vortag auf. „Der Abstieg in Würde ist von diesen bekloppten Chaoten leider überlagert worden“, sagte der Aufsichtsrats-Chef des HSV.

Dicke schwarze Rauchwolken, laute Böller-Explosionen, massiver Polizeieinsatz mit Pferden und Hunden auf dem Spielfeld – hässliche Szenen bildeten das skandalöse Schlussbild einer Hamburger Horror-Saison. „Das ist das Bild, das vom HSV um die Welt geht. Das macht mich wütend“, sagte Hoffmann zu den Krawallen, die Sekunden vor dem Abstieg für eine 15-minütige Spielunterbrechung und schlimme Schlagzeilen sorgten.

Die Begleitumstände machten den Trauertag für die Hamburger noch schwerer zu ertragen: Nach 54 Jahren und 261 Tagen hat es auch das letzte der 16 Gründungsmitglieder erwischt – der HSV ist nach 1866 Bundesliga-Spielen und 19 985 Tagen im Oberhaus erstmals abgestiegen. Statt Bayern, Dortmund und Schalke heißen die Gegner nun Paderborn, Sandhausen und Bielefeld. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch einen Abstieg des HSV erlebe, so lange ich auf dieser Erde bin“, sagte Club-Idol Uwe Seeler. Doch trotz des 2:1 (1:1)-Heimsiegs gegen Borussia Mönchengladbach starb für das Team von Trainer Christian Titz am letzten Spieltag das letzte Fünkchen Resthoffnung auf den Rettungsanker Relegation.



Die legendäre Stadionuhr hat ausgedient: Statt der Bundesliga-Zugehörigkeit dokumentiert die digitale Anzeige an der Nordtribüne nun die Zeit seit der Vereinsgründung im Jahr 1887. Der Abstieg ist der krachende Schlussakkord eines jahrelangen HSV-Dramas. Trotz Millionenausgaben krebsten die Hamburger zuletzt fünf Jahre lang im Tabellenkeller der Bundesliga herum, zwei Mal schafften sie die Rettung in der Relegation.

Und so begannen am Sonntag die Planungen für die Mission sofortiger Wiederaufstieg, bei der Titz die Hauptrolle spielen soll. Beim neuen Vertrag gehe es nur noch um Details. „Da wird keine Luft mehr drankommen“, versicherte Hoffmann. Titz hatte beim HSV am 13. März die Nachfolge von Bernd Hollerbach angetreten, von acht Spielen vier gewonnen und dabei 13 Punkte geholt. „Der Hauptgrund für den Abstieg ist, dass dieser Trainer zu spät gekommen ist. Mit ihm steigt der Club direkt wieder auf“, sagte Verteidiger Kyriakos Papadopoulos. Er selbst wird wie einige seiner Mitspieler wohl nicht mehr dabei sein.

An Titz’ Seite soll ein neuer Sportvorstand die Weichen für die schnelle Rückkehr ins Oberhaus stellen. Mit welchen Spielern es Anfang August in das ungewohnte Terrain der 2. Liga geht, ist derweil noch völlig unklar. Teure Leistungsträger wie Lewis Holtby, Aaron Hunt oder der zuletzt verletzte Nicolai Müller stehen auf der Kippe. Auch bei Top-Talent Fiete Arp gibt es noch ein Fragezeichen. Ein klares Signal setzte Kapitän Gotoku Sakai. „Ich bleibe“, sagte der Japaner, der ein Angebot des Clubs vorliegen hat, unmittelbar nach dem Abstieg unter Tränen.

Den Relegationsplatz hat sich derweil der VfL Wolfsburg geschnappt, der seinen ersten Heimsieg des Jahres beim 4:1 gegen Absteiger 1. FC Köln schaffte. „Wir können uns für diese Leistung nicht feiern lassen“, sagte Abwehrspieler Robin Knoche, Torschütze zum 3:1 (71. Minute), in Anbetracht der noch ausstehenden Relegationsspiele gegen den Zweitliga-Dritten Holstein Kiel am Donnerstag und Pfingstmontag (jeweils 20.30 Uhr/Eurosport Player). Die Bilanz der Ära Labbadia dürfte kaum Mut für die Spiele gegen Kiel machen. Vor knapp drei Monaten übernahm der 52-Jährige als dritter Trainer in dieser Saison den VW-Club. In elf Spielen gelangen dabei zwei Siege. „Ich weiß genau, was in so einer Situation zu tun ist“, sagte Labbadia.

Gefeiert wurde im Breisgau, wo sich der SC Freiburg mit einem 2:0 gegen den FC Augsburg rettete. Christian Streich, Kult-Trainer des SC, kletterte auf den Zaun der Nordtribüne und feierte inmitten der euphorisierten Anhänger das glückliche Ende einer kräfte- und nervenraubenden Saison. „Trotz der vielen Niederschläge haben wir immer den Kopf oben behalten“, sagte Streich, in dessen Gesicht sich die Strapazen der Spielzeit abzeichneten: „Die Leute hier sind überglücklich, weil sie sich so sehr mit dem Verein identifizieren. Und wir sind einfach nur froh, dass wir es auf diesem Weg geschafft haben.“

HSV-Kapitän Gotoku Sakai weint und dankt den echten Fans für die Unterstützung.
HSV-Kapitän Gotoku Sakai weint und dankt den echten Fans für die Unterstützung. FOTO: dpa / Daniel Reinhardt
Der Wolfsburger Josuha Guilavogui bejubelt sein Tor zum 1:0 gegen den 1. FC Köln.
Der Wolfsburger Josuha Guilavogui bejubelt sein Tor zum 1:0 gegen den 1. FC Köln. FOTO: dpa / Swen Pförtner
Der Freiburger Trainer Christian Streich feiert mit Alexander Schwolow den Ligaverbleib.
Der Freiburger Trainer Christian Streich feiert mit Alexander Schwolow den Ligaverbleib. FOTO: dpa / Patrick Seeger