| 22:12 Uhr

WM-Vorbereitung mal anders
Geschmack zwischen Weihnachten und Hölle

 Merkur-Redaktionsmitglied Mirko Reuther war nicht so richtig begeistert von seiner Leistung am Herd – das Geschmacksurteil fiel durchwachsen aus.
Merkur-Redaktionsmitglied Mirko Reuther war nicht so richtig begeistert von seiner Leistung am Herd – das Geschmacksurteil fiel durchwachsen aus. FOTO: Shahab Sorabi
Zweibrücken. WM-Vorbereitung mal anders: Merkur-Redaktionsmitglied Mirko Reuther kocht sich durch die Landesküche der deutschen Gegner. Heute: Mexiko.

Die Fußball-WM und die Ernährung – das ist ein Thema für sich. Manche halten den Grill während der Titelkämpfe gleich vier Wochen im Dauerbetrieb. Andere lernen den Pizzaboten besser kennen als den eigenen Ehepartner. Und wieder andere sollen es geschafft haben, sich einen Monat lang ausschließlich von Kartoffelchips und Süßkram zu ernähren. Okay, Letzteres hab vermutlich nur ich selbst getan. Aber diesmal soll alles anders werden. Denn als WM-Vorbereitung will ich mich einmal quer durch die Landesküche der deutschen Vorrunden-Gegner futtern. Den Anfang macht Mexiko. Die Lateinamerikaner sind der erste Gegner der deutschen Elf am Sonntag um 17 Uhr im Luschniki-Stadion in Moskau.

Gleich der erste Treffer der Googlesuche nach den Schlagworten „Mexiko“ und „Kohldampf“ hat meine volle Aufmerksamkeit. „Mole poblano“, eine Schokoladen-Chili-Soße, gilt als Nationalgericht und soll besonders toll zu Huhn schmecken. Das Wort Mole stammt aus dem Atztekischen und bedeutet Sauce oder Mischmasch. Poblano ist eine Zuchtform der Paprika-Art Capsicum annuum, die vor allem in Mexiko angebaut wird. Steht zumindest so im Wikipedia-Artikel. Hätte ich weitergelesen, wäre mir aufgefallen, dass die gute Mole aus bis zu 75 verschiedenen Zutaten bestehen kann. Hab ich aber nicht und deshalb fällt mir beim Studieren des Rezepts die Kinnlade bis zum Bauchnabel. Allein vier verschiedene Sorten Chilischoten (Ancho, Pasilas, Mulatto und Chipotles) kommen in die Soße. Kurz überlege ich, ob ich nicht lieber etwas beim Mexikaner bestellen und als mein eigenes Gericht ausgeben soll. Aber ein klein wenig ist jetzt auch mein Ehrgeiz geweckt.

Weil allein am Herd stehen langweilig ist, überrede ich meine Geschwister Stephan und Kristin und Kumpel Shahab darauf zu achten, dass ich die Bude beim Kochen nicht in Brand setze. Im Internetshop, bei dem ich die Chilis erworben habe, hab ich mir gleich noch eine Flasche Tequila gegönnt. „Añejo 1800“ heißt der – und wird in der Runde gleich ausprobiert. Schmeckt klasse. Hätte man meinem 17-jährigen Ich ruhig sagen können, dass der Agaven-Brand nicht zwangsläufig so eklig sein muss, dass man ihn nur mit Salz und Zitrone runter bekommt.



Danach geht es ans Eingemachte. Die Chilis werden kurz angeröstet und im warmen Wasser eingeweicht. Wenn sich die kleinen Biester ordentlich mit Flüssigkeit vollgesogen haben, püriert man sie zu einer Paste. Gleichzeitig werden Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch, Erdnüsse, Mandeln, Pfefferkörner und Nelken in Butter angedünstet und ebenfalls in den Mixer gesteckt. Das ganze kommt mit der Chilipaste in einen Topf und wird aufgekocht. Anschließend kommt ein halber Liter Hühnerbrühe, Zimtpulver und eine Tafel Schokolade mit hohem Kakaoanteil dazu. Nachdem die Soße eine knappe halbe Stunde vor sich hin geköchelt hat, wage ich einen ersten scheuen Geschmackstest – und falle fast in Ohnmacht. Zuerst schmecke ich nur die Schokolade und den Zimt – aber dann überzieht die Schärfe der Chilis meine Mundhöhle wie ein Inferno. Es schmeckt, als ob Weihnachten und die Hölle zusammen ein Kind gezeugt hätten. Aber kein sanftes Engelchen, das brav am Klavier übt. Sondern einen Feuer speienden Satansbraten auf Steroiden. Ich weiß zwar nicht, was ich anderes erwartet habe – schließlich steckt beinahe ein halbes Kilo Chilischoten in der Soße – trotzdem brauche ich auf den Schock ertsmal einen Añejo. Danach versuche ich zu retten, was zu retten ist: Mehr Hühnerbrühe, ein ordentlicher Schuss Tomatenmark, ein wenig Honig und Erdnussbutter. Und siehe da: der Schärfegrad sinkt von Autolackentferner auf feurig-brennend. Mit ein wenig Sesam bestreuen – und ich kann damit leben. Zu der Mole gibt’s Maishähnchen und Reis.

Das finale Urteil fällt gemischt aus. Shahab ist begeistert, der Rest schwankt zwischen okay und nicht so toll. Aber auch wenn das Gericht an unserem Tisch nicht alle restlos begeistern konnte: Jogi, wenn deine Elf am Sonntag gegen Mexiko den Einsatz vermissen lässt. Misch ihnen zur Halbzeit ein bisschen Mole Poblano in die Getränke – und die Jungs pflügen nach der Pause mit Schaum vorm Mund den Rasen um. Versprochen.

 „Da ist das Ding“, würde Oliver Kahn sagen. Maishähnchen, Reis und die Mole Poblano. Dazu gibt’s einen mexikanischen Tequila. Und weil die Schokoladen-Chili-Soße nach einem Durstlöscher schreit, auch noch ein Bier.
„Da ist das Ding“, würde Oliver Kahn sagen. Maishähnchen, Reis und die Mole Poblano. Dazu gibt’s einen mexikanischen Tequila. Und weil die Schokoladen-Chili-Soße nach einem Durstlöscher schreit, auch noch ein Bier. FOTO: Shahab Sohrabi / Shahb Sohrabi
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blubb FOTO: Mirko Reuther
 Wer so hart und aufopferungsvoll in der Küche geschuftet hat, darf anschließend auch zusammen anstoßen. . .
Wer so hart und aufopferungsvoll in der Küche geschuftet hat, darf anschließend auch zusammen anstoßen. . . FOTO: Shahb Sohrabi / Shahab Sohrobi