| 20:52 Uhr

USA Favorit auf den WM-Titel
Auf der Jagd nach dem vierten Stern

 Etwas anderes als jubelnde US-Amerikanerinnen, so wie hier beim entscheidenden Tor von Alex Morgan (links) im Halbfinale gegen England, kann man sich am Sonntag nach dem Finale bei der Frauen-WM gar nicht vorstellen. Die Titelverteidigerinnen sind gegen die Niederlande klarer Favorit.
Etwas anderes als jubelnde US-Amerikanerinnen, so wie hier beim entscheidenden Tor von Alex Morgan (links) im Halbfinale gegen England, kann man sich am Sonntag nach dem Finale bei der Frauen-WM gar nicht vorstellen. Die Titelverteidigerinnen sind gegen die Niederlande klarer Favorit. FOTO: AP / Alessandra Tarantino
Lyon. Die USA sind im Finale der Frauenfußball-WM in Frankreich gegen die Niederlande an diesem Sonntag der haushohe Favorit. sid

Megan Rapinoe und ihre Mannschaftskolleginnen kennen keine Angst. Nicht vor dem Herausforderer Niederlande im WM-Finale an diesem Sonntag (17 Uhr/ARD und DAZN). Nicht vor einem Rechtsstreit mit dem eigenen Verband. Und auch nicht vor dem Zorn des US-Präsidenten Donald Trump. Beim Kampf an drei Fronten erscheint der Griff nach dem vierten Stern beinahe als leichteste Übung der US-Fußballstars. Zumal Rapinoe, zweifellos das Gesicht dieser WM, nach dem verpassten Halbfinal-Kracher gegen England (2:1) wieder auflaufen kann. „Meinem Oberschenkel geht es immer besser, ich werde fit für das Finale“, sagte die extrovertierte Flügelspielerin, die am Freitag ihren 34. Geburtstag feierte.

Im Duell mit dem Europameister in Lyon sind die USA dank ihrer konstanten Vormachtstellung klarer Favorit. Als erst zweites Team der Frauenfußball-Geschichte nach Deutschland 2007 könnten sie die erfolgreiche Titelverteidigung feiern – und damit am Ende der Nationalfeiertags-Woche auch für ihre politische Agenda das passende Statement setzen.

Zum einen im öffentlichen Disput mit Trump. Angeführt von Frontfrau „Pinoe“, die gegen Rassismus, Homophobie und Geschlechterdiskriminierung kämpft, aus Protest die Nationalhymne vor den Spielen nicht mitsingt und ankündigte, im Falle des Titelgewinns „garantiert nicht in das f***ing Weiße Haus zu kommen“. Dennoch sei sie „einzigartig und zutiefst amerikanisch“, wie Rapinoe gegenüber dem Independence Day versicherte. Teamkollegin Ali Krieger sprang ihr zur Seite. Die langjährige Abwehrspielerin des 1. FFC Frankfurt, die mit Mitspielerin Ashlyn Harris verlobt ist, sagte bei CNN: „Ich lehne es ab, einen Mann zu respektieren, der anderen keinen Respekt zollt.“



Zum anderen ist da die Klage des Teams gegen den Dachverband US Soccer. Der Vorwurf: Systematische Geschlechterdiskriminierung. Die Auseinandersetzung läuft seit Jahren, im März zog das Team dann vor Gericht. Nach der WM steht zunächst einmal ein Schlichtungsverfahren an. Die Spielerinnen sind bei ihrem Verband angestellt und fordern nicht nur bessere Bezahlung. Auch in puncto Arbeitsbedingungen, sprich Reisekomfort, Trainingscamps oder Stadien für Länderspiele, sehen sie sich im Vergleich zu den ungleich erfolgloseren männlichen Nationalspielern benachteiligt.

All diesen lauten Nebengeräuschen zum Trotz hat es der Titelverteidiger zum dritten Mal in Folge ins WM-Endspiel geschafft. Ganz ohne Ausrutscher, dafür mit einem Rekordsieg gegen Thailand (13:0) und einer Rekordserie (elf WM-Siege nacheinander).

Gegen diese schiere Übermacht wollen und müssen die Oranjeleeuwinnen als „Kampfmaschine“ (Algemeen Dagblatt) bestehen. „Bei der Heim-EM lief bei uns vieles wie von selbst. Nun haben wir gelernt, wie man Spiele gewinnt“, sagte Torhüterin und Kapitänin Sari van Veenendaal nach dem knappen Halbfinalsieg über Schweden (1:0 nach Verlängerung).

Während der große Nachbar Deutschland gegen den Abwärtstrend kämpft, legen die Niederländerinnen mit klugem Konzept einen märchenhaften Aufstieg hin. Bei ihrer erst zweiten WM greifen sie schon nach dem Pokal. Und das auf den Tag genau 45 Jahre nach dem ersten WM-Finale der Männer um Fußball-Idol Johan Cruyff bei der Endrunde 1974 in Deutschland.

Auch für Trainerin Sarina Wiegman, die in den Niederlanden nicht unumstritten ist und sich mit ihrem Team erst über die Playoffs qualifizierte, ist das Finale zwei Jahre nach dem Sieg bei der Heim-EM ein weiteres Highlight. „Ein Traum wird wahr“, sagte Wiegman. „Gegen die USA wird es natürlich schwierig. Aber es ist nur ein Spiel, da ist alles möglich.“

 Für Sarina Wiegman, Trainerin der Niederlande, ist das Finale gegen die USA „ein Traum“. 
Für Sarina Wiegman, Trainerin der Niederlande, ist das Finale gegen die USA „ein Traum“.  FOTO: dpa / Sebastian Gollnow