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Frauenfußball-WM in Frankreich
Morgans „Tea Party“ sorgt für Ärger

Lyon. Die US-Amerikanerinnen erreichen nach einem 2:1 gegen England das Finale der Frauenfußball-WM in Frankreich. sid

Nach dem erneuten Einzug ins WM-Finale musste US-Superstar Alex Morgan erst einmal über Tee sprechen. Der provokante „Tea-Party“-Jubel des Geburtstagskindes im Anschluss an den Siegtreffer zum 2:1 (2:1) des dreimaligen Weltmeisters im packenden Halbfinale gegen England erhitzte am Dienstagabend die Gemüter. Zu imitieren, wie Engländer mit abgespreiztem kleinen Finger eine Tasse Tee trinken, sei „geschmacklos“, schimpfte die englische Ex-Nationalspielerin Lianne Sanderson als TV-Expertin.

Tatsächlich wollte Morgan an ihrem 30. Geburtstag und in Abwesenheit der leicht am Oberschenkel verletzten Megan Rapinoe für Gesprächsstoff sorgen. „‘Pinoe‘ hat so viele Torjubel und niemand fragt sie danach. Ich mache einen, und jeder fragt“, sagte sie nach ihrem sechsten Turniertor: „Wir haben einfach Spaß beim Jubeln und mussten dafür sorgen, dass es interessant bleibt.“

Dabei war die Begegnung der Weltklasseteams auch so mehr als interessant – und Anschauungsunterricht für das im Viertelfinale ausgeschiedene deutsche Team. Den rund vier Millionen Zuschauern im ZDF dürfte klar geworden sein, dass die DFB-Auswahl derzeit kaum zu solchen Leistungen imstande ist. Rapinoe-Ersatz Christen Press (10.) brachte den Titelverteidiger früh in Führung. England-Torjägerin Ellen White (19.) glich aus, bevor Morgan (31.) zuschlug.



Auch ohne weitere Tore ging es in der zweiten Hälfte vor 53 512 elektrisierten Zuschauern im Stade de Lyon rund. Whites Ausgleich (68.) zählte nicht, weil Video-Assistent Carlos del Cerro Grande (Spanien) eine hauchdünne Abseitsstellung erkannt hatte. Der Videoassistent griff erneut ein, als US-Verteidigerin Becky Sauerbrunn White im Strafraum zu Fall brachte. Schiedsrichterin Elvina Alves Batista (Brasilien) entschied auf Elfmeter. Doch US-Torhüterin Alyssa Naeher parierte den schwachen Versuch von Englands Kapitänin Steph Houghton (84.).

„Sie hat uns die Ärsche gerettet“, sagte Morgan über die frühere Torhüterin von Turbine Potsdam: „Und wir wussten in dem Moment, dass das Momentum sich zu unseren Gunsten dreht.“ Der Topfavorit stellte auf Fünferkette um, sicherte so den elften WM-Sieg in Folge (Rekord) und steht zum dritten Mal nacheinander und zum fünften Mal insgesamt im WM-Endspiel (ebenfalls Rekord). Dort kommt es am Sonntag (17 Uhr/ARD und DAZN) in Lyon zum Duell mit Schweden oder Europameister Niederlande (bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe in der Verlängerung stand es 0:0). Dann wird Rapinoe laut eigener Aussage wieder auflaufen. „Es ist nicht mal eine Zerrung“, versicherte die extrovertierte Trump-Gegnerin, die in den vorherigen K.o.-Spielen gegen Spanien und Frankreich (beide 2:1) alle vier Tore erzielt hatte.

Den am Boden zerstörten Engländerinnen, denen zu Hause knapp zwölf Millionen Landsleute die Daumen drückten und damit für die TV-Rekordquote des Jahres sorgten, bleibt nur das Spiel um Platz drei am Samstag (17 Uhr/ZDF und DAZN) in Nizza – wie vor vier Jahren in Kanada, als Deutschland im kleinen Finale bezwungen wurde (1:0 n.V.). Und der Blick voraus. „Mein erster Gedanke war, wie wir das Spiel am Samstag gewinnen. Mein zweiter Gedanke war, wie wir nächstes Jahr Olympia-Gold und 2021 die EM gewinnen“, sagte Nationaltrainer Phil Neville. Zumal die EM in zwei Jahren in England stattfindet. Der langjährige Manchester-United-Profi befindet sich auf einer großen Mission: „Das Ziel ist, die Besten zu werden – wie Amerika. Es ist noch ein Stück, aber ich werde nicht ruhen, bis wir so weit sind.“