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Frauenfußball-EM in den Niederlanden
Reifeprüfung für „Charlie Brown“

Die deutsche Bundestrainerin Steffi Jones (re.) tauscht sich hier mit der Führungsspielerin Josephine Henning aus. Am Montag startet die DFB-Elf mit der Partie gegen Schweden in die Europameisterschaft.
Die deutsche Bundestrainerin Steffi Jones (re.) tauscht sich hier mit der Führungsspielerin Josephine Henning aus. Am Montag startet die DFB-Elf mit der Partie gegen Schweden in die Europameisterschaft. FOTO: Uwe Anspach / dpa
Köln. Bundestrainerin Steffi Jones geht bei der EM in ihr erstes großes Turnier als Chefin. Den Druck nimmt sie positiv auf.

Vor dem EM-Abenteuer steigt selbst bei einer gestandenen Powerfrau wie Steffi Jones die Aufregung. „Es kribbelt schon“, erzählt die 44-Jährige. Kein Wunder: Als Fußball-Bundestrainerin steht sie vor ihrer großen Reifeprüfung. Deutschland reist am Mittwoch als Rekord-Europameister und Titelverteidiger in die Niederlande. Seit 1995 hat keine andere Mannschaft mehr das Turnier gewonnen. Die Erwartungen an die Nachfolgerin der Erfolgstrainerin Silvia Neid sind entsprechend hoch.

Doch Jones geht das Projekt neunter EM-Titel mutig nach ihrem Motto „Ganz oder gar nicht“ an. „Wir reisen mit dem klaren Ziel an, Europameister zu werden“, sagt die Weltmeisterin von 2003. Dass der siebte EM-Triumph in Folge möglich ist, davon seien auch ihre Spielerinnen überzeugt: „Die zeigen eine große positive Arroganz, so wie ich mir das gewünscht habe.“

Positive Arroganz gepaart mit unbändigem Optimismus und Kampfgeist – alles Wesenszüge, die die im Frankfurter Problemviertel Bonames aufgewachsene Jones selbst vorlebt. Früh schon musste sich die gelernte Groß- und Außenhandelskauffrau gegen Zweifler durchsetzen. Als sie einst bei Lidl an der Supermarkt-Kasse arbeitet, steigt sie mit 21 Jahren zur Marktleiterin auf. Und muss erst mal die älteren Kollegen von ihrem Können überzeugen.



Die Frage „Kann die das?!“ begleitet Jones auch bei ihrem Aufstieg zur Bundestrainerin. Als die Fußball-Lehrerin 2015 vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) als Neids künftige Erbin präsentiert wird, hagelt es Kritik an der Entscheidung zugunsten der als Trainerin noch unerfahrenen DFB-Direktorin und erfolgreichen OK-Präsidentin der Frauen-WM 2011.

Beim Olympiasieg im vergangenen Sommer in Rio de Janeiro war die dreimalige Europameisterin Jones bereits als Co-Trainerin dabei, seither gibt die 111-malige Nationalspielerin selbst das Kommando. Eine offensive, auf Ballbesitz ausgelegte neue Spielphilosophie hat sie der Mannschaft eingeimpft und junge Spielerinnen integriert.

Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen. „Was wir von den Spielerinnen verlangen, ist nichts weniger, als eine komplette Umstellung“, gibt Jones vor dem schwierigen ersten Gruppenspiel am kommenden Montag (20.45 Uhr/ARD) gegen Schweden zu bedenken: „So eine Mannschaft muss sich erst mal finden und dann auch miteinander wachsen. Und die Zeit haben wir nicht. Die Spielerinnen müssen jetzt sofort funktionieren.“

Jones (Bilanz: sieben Siege, zwei Remis, eine Niederlage) hat das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Dass ihr Vertrag 2018 ausläuft, beunruhigt sie nicht: „Ich habe die Rückendeckung, einerseits von der Mannschaft, die unseren Weg gut findet. Auch der DFB hat mir signalisiert, dass wir als Trainerstab diesen Weg auch weitergehen dürfen.“ Die Spielerinnen sprechen unisono von positiven Veränderungen unter der offenen neuen Chefin, die auf ihrer Facebook-Seite auch mal Einblicke in ihr Privatleben an der Seite ihrer Ehefrau Nicole gibt. „Es macht Spaß, mit ihr zusammen zu arbeiten. Sie ist ein sehr harmonischer Typ und kann die Mannschaft gut führen“, sagte Angreiferin Anja Mittag, mit 154 Länderspielen die mit Abstand erfahrenste Spielerin im deutschen EM-Aufgebot.

Im modernisierten Training wird viel gescherzt und gelacht, denn bei allem Erwartungsdruck an ihr umgekrempeltes Team ist Jones auch Lockerheit wichtig. So ordnete sie in der Vorbereitung all ihren Schützlingen Comic-Figuren zu. Torhüterin Almuth Schult beispielsweise trägt nun den Beinamen Schlaubi-Schlumpf, Kapitänin Dzsenifer Marozsan, Jones’ verlängerter Arm auf dem Spielfeld, wurde dank ihres Teamgeistes Robin Hood getauft Für sich selbst wählte sie Charlie Brown aus, den sympathischen Pechvogel der Peanuts. Als Kind habe sie den eben sehr gemocht, erklärte Jones: „Und der Name passt ja auch ganz gut zu mir.“