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Frauenfußball-WM
Groenen lässt Hollands Titelträume grünen

Lyon. Der Europameister steht nach dem 1:0 gegen Schweden im Finale der Frauenfußball-WM – und das dank einer Ex-Judoka. sid

Nach ihrem historischen Schuss ins Glück konnte Jackie Groenen gar nicht mehr aufhören zu grinsen. „Ich fühle mich großartig. Ich bin eigentlich gar keine Torschützin“, sagte die neue niederländische Nationalheldin, die wie einst das Fußball-Idol Johan Cruyff mit der legendären Rückennummer 14 aufläuft: „Ich bewahre meine Treffer wohl für die besonderen Momente auf.“

Dank ihres Distanzschusses in der Halbfinal-Verlängerung gegen Deutschland-Bezwinger Schweden (99.), erst Groenens drittes Länderspiel-Tor, schreiben die Oranje-Frauen zwei Jahre nach dem märchenhaften EM-Triumph im eigenen Land auch WM-Geschichte. Bei ihrer erst zweiten Endrunden-Teilnahme stehen die „Leeuwinnen“ erstmals im Finale – dank der langjährigen Bundesliga-Spielerin und Ex-Judoka.

Die entschied sich nämlich einst trotz EM-Bronze bei den Juniorinnen gegen eine Judo-Karriere und für den Fußball. So kam die heute 24-Jährige im Jahr 2011 nach Deutschland, wo sie seither für die SGS Essen, den FCR Duisburg und zuletzt vier Jahre lang für den 1. FFC Frankfurt spielte. Nach der WM sucht Groenen eine neue Herausforderung, sie schließt sich dem englischen Erstliga-Aufsteiger Manchester United an.



„Ich habe kurz ein Loch gesehen und mich daran erinnert, dass die Mädels mir immer sagen, ich soll öfter schießen. Und dann habe ich den Schuss genommen“, erklärte Groenen in fließendem Deutsch ihren Glücksmoment vor 48 452 Zuschauern im Stade de Lyon.

Nach dem Kraftakt gegen Schweden wollen die Europameisterinnen am Sonntag (17 Uhr/ARD und DAZN) den scheinbar übermächtigen Titelverteidiger USA stürzen. „Wir sind ein toller Mix, geben uns gegenseitig viel Selbstvertrauen. Und wir müssen unsere eigene Art Fußball spielen. Wenn wir das schaffen, können wir sie schlagen“, glaubt Groenen: „Noch ein Spiel, und wir sind vielleicht Weltmeister. Es wird schwer, aber es wäre unglaublich.“ Zumal die Niederländerinnen die WM um ein Haar verpasst hätten. Erst über die Playoffs und den finalen Erfolg über die damals noch von Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg betreute Schweiz schafften sie als letztes europäisches Team im November die Qualifikation.

Märchenhaft ist auch die Oranje-Euphorie, die das Team von Bondscoach Sarina Wiegman in Frankreich beflügelt. So viele Menschen wie noch nie verfolgen das Frauen-Nationalteam. Über fünf Millionen Zuschauer – noch eine Million mehr als beim EM-Finale 2017 – fieberten an den heimischen TV-Geräten mit, was einem sagenhaften Marktanteil von 78,5 Prozent entspricht. Und natürlich hat sich König Willem-Alexander für das Endspiel im Stade de Lyon angekündigt. Das Datum ist zudem ein besonderes: Vor exakt 45 Jahren, am 7. Juli 1974, spielten Cruyff und Co. das erste WM-Finale der Elftal im Münchner Olympiastadion – wo allerdings bekanntlich der Gastgeber mit 2:1 die Oberhand behielt.

Den traurigen Schwedinnen bleibt nach dem großen Sieg über Angstgegner Deutschland im Viertelfinale (2:1) nur das kleine Finale am Samstag (17 Uhr/ZDF und DAZN) in Nizza gegen England als Trostpflaster. „Es ist hart“, sagte die langjährige Wolfsburgerin Nilla Fischer, „es war so ein enges Spiel.“

In der Tat kam der Vize-Weltmeister von 2003 in den ersten 60 Minuten einer zähen Begegnung zu den klareren Chancen. Nun soll Bronze her, wie die Abwehrchefin betont: „Wenn wir Vierter werden, haben wir einen Scheiß gewonnen.“