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DFB-Pokal-Sensation in Völklingen
FCS schreibt deutsche Fußball-Geschichte

 Alle Mann auf Daniel Batz: Nach der entscheidenden Parade des überragenden FCS-Torhüters gab es bei den Spielern kein Halten mehr.
Alle Mann auf Daniel Batz: Nach der entscheidenden Parade des überragenden FCS-Torhüters gab es bei den Spielern kein Halten mehr. FOTO: BeckerBredel
Völklingen . Die Saarbrücker ziehen als erster Regionalligist überhaupt ins Halbfinale des DFB-Pokals ein – und sind auf einen Schlag schuldenfrei. Von Patric Cordier

„Unfassbar. Unglaublich. Das ist die größte Sensation seit Christi Geburt“, sagte Vize-Präsident Dieter Ferner. „Was das für den Verein bedeutet, können wir heute alle noch gar nicht wirklich absehen“, stammelte Sportdirektor Marcus Mann. „Das steht auf einer Stufe mit den Bundesliga-Aufstiegen und dem 6:1 gegen Bayern München“, ordnete der Ehrenrats-Vorsitzende Werner Cartarius einen Abend ein, der saarländische, ja, deutsche Sportgeschichte geschrieben hat. Der 1. FC Saarbrücken steht im Halbfinale des DFB-Pokals. Zum ersten Mal in der 85-jährigen Geschichte des Wettbewerbs erreicht ein Viertligist die Vorschlussrunde.

Der Regionalligist aus der saarländischen Landeshauptstadt setzte sich am Dienstagabend mit 8:7 gegen den Bundesligisten Fortuna Düsseldorf durch. Eine Sensation? Ein Wunder? In jedem Fall ein Abend, von dem viele noch ihren Enkeln erzählen werden. Der 3. März 2020 reiht sich ein in die großen Daten der blau-schwarzen Vereinsgeschichte. Vielleicht sogar vor den 16. April 1977, als Ferner, Egon Schmitt, Roland Stegmayer und Co. den Rekordmeister FC Bayern aus dem Ludwigspark schossen. Zum letzten Mal Bundesliga spielte das Gründungsmitglied 1993.

Vom ehemaligen Präsidenten Horst Hinschberger zum „Leuchtturm des Saarfußballs“ ernannt, musste der FCS ob dieses Etiketts und der verpassten Aufstiege der vergangenen Jahre viel Spott und Häme über sich ergehen lassen. Doch spätestens seit Dienstag ist es wieder „sexy“ für Saarländer, auch Saarbrücker zu sein. „Der Wahnsinn“, twitterte etwa Bundesaußenminister Heiko Maas. Der SPD-Politiker setzte sogar noch einen drauf: „Ich erwarte euch in Berlin!“ Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer gratulierte mit den Worten: „Super Leistung. Glückwunsch!“ Und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier brachte es im Kurzmitteilungsdienst auf den Punkt: „Saarländer halt.“



Mit dem Großrosseler Manuel Zeitz und dem Primstaler Steven Zellner stehen zwar nur zwei „Eingeborene“ auf dem Feld. Doch sie sind tragende Säulen in einer vom neuen Trainer Lukas Kwasniok körperlich, taktisch und mental herausragend vorbereiteten Mannschaft. Der „Karlsruher mit polnischen Wurzeln“ (Kwasniok über Kwasniok) hat seine ersten vier Pflichtspiele mit dem FCS gewonnen. „Das hier ist einfach geiler Scheiß“, sagte der 38-jährige Fußball-Lehrer: „Ich habe am Dienstag weinende Erwachsene gesehen, die schon schwere Operationen über sich ergehen lassen mussten und viele Schlachten geschlagen haben. Ich bin sehr dankbar, hier Trainer sein zu dürfen.“

Dass Statistiker nach der Partie 74 Prozent Ballbesitz für die Rheinländer ausgerechnet, 819 Pässe gezählt und 36 Torschüsse aufgeschrieben haben, mag den Spielverlauf wiedergeben. Saarbrücken aber verteidigte aufopferungsvoll und taktisch geschickt, begeisterte im Stadion und an den Bildschirmen. „Wir haben Geschichte geschrieben. Was die Mannschaft hier geleistet hat, ist einfach Wahnsinn“, sagte Tobias Jänicke, der Schütze des 1:0 für den Außenseiter. Dass die Uhr bei Jänickes Treffer symbolträchtig auf drei nach sieben stand, dem Gründungsjahr des FCS 1903, ging in der allgemeinen Euphorie nahezu unter. Nicht aber der Spielort. „Völklingen hat Geschichte geschrieben“, sagte Jänicke: „Ich glaube, es ist für einen gestandenen Bundesliga-Spieler auch verdammt schwer, sich auf die Bedingungen hier einzustellen.“ Völklingen – das von vielen Fans gehasste Exil. Eigentlich sollte das Hermann-Neuberger-Stadion nur für zwei Jahre eine Übergangslösung sein. Wegen der schier endlosen Stadionposse um den Saarbrücker Ludwigspark ist Völklingen seit fünf Jahren „Heimspielstätte“ des FCS und nun Boulevard der zerbrochenen Pokalträume für Jahn Regensburg, den 1. FC Köln, den Karlsruher SC und Fortuna Düsseldorf.

Das Halbfinale wird aber voraussichtlich nicht in der früheren Hüttenstadt stattfinden. Die Ansprüche, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen wegen der Live-Übertragung stellt, sind in Völklingen laut Deutscher Presse-Agentur nicht realisierbar. Und auch wenn die Spieler wie Tobias Jänicke sagen, „dann kommt halt kein Fernsehen“, läuft vieles auf eine Austragung im Mainzer Bundesliga-Stadion hinaus.

Auch weil das Fernsehen zusätzliche Einnahmen beschert. Deutlich über fünf Millionen Euro hat das Pokalmärchen in die Kassen des FCS gespült. Schatzmeister Dieter Weller schämte sich seiner Freudentränen nicht. „Ich arbeite seit 20 Jahren dafür, dass der Verein schuldenfrei wird“, sagte der Steuerberater und Honorar-Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft und erklärte: „Mit diesem Erfolg haben wir es geschafft. Der Verein hat jetzt ein positives Eigenkapital.“

Und er sorgt bundesweit für positive Schlagzeilen. Was nicht in Euro und Cent zu berechnen ist. Das gab es in dieser Form seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts nicht mehr, als Fifa-Präsident Jules Rimet den FCS als „interessanteste Mannschaft des Kontinents“ bezeichnete. Ihren Anteil zum positiven Gesamteindruck lieferten am Dienstag aber auch die Anhänger. Mit Spruchbändern wandten sie sich gegen Kollektivstrafen seitens des DFB und gegen die Doppelmoral in der Diskussion um die Schmähgesänge und Drohplakate gegen Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp. Doch die FCS-Ultras blieben sachlich, kritisch und damit angenehm anders in einer derzeit oft polemisch geführten Auseinandersetzung. Vieles scheint sich beim 1. FC Saarbrücken derzeit in eine positive Richtung zu bewegen – für die einstige „Skandalnudel“ ist das vielleicht wirklich „die größte Sensation seit Christi Geburt“.

 Die Spieler des 1. FC Saarbrücken lassen sich nach dem Sieg im Elfmeter-Drama gegen Fortuna Düsseldorf in der Fankurve des Völklinger Hermann-Neuberger-Stadions von ihren Anhängern feiern.
Die Spieler des 1. FC Saarbrücken lassen sich nach dem Sieg im Elfmeter-Drama gegen Fortuna Düsseldorf in der Fankurve des Völklinger Hermann-Neuberger-Stadions von ihren Anhängern feiern. FOTO: dpa / Thomas Frey
  FCS-Trainer Lukas Kwasniok herzt nach dem Sieg seine Spieler.
FCS-Trainer Lukas Kwasniok herzt nach dem Sieg seine Spieler. FOTO: dpa / Oliver Dietze
 Kleine Unterstützung: Die Fans von Fortuna Düsseldorf fordern mit einem Transparent die Rückkehr des FCS in den Ludwigspark.
Kleine Unterstützung: Die Fans von Fortuna Düsseldorf fordern mit einem Transparent die Rückkehr des FCS in den Ludwigspark. FOTO: Thomas Wieck
 Die Düsseldorfer Spieler um den türkischen Nationalspieler Kenan Karaman (Mitte) vergaben gegen den FCS zu viele Torchancen.
Die Düsseldorfer Spieler um den türkischen Nationalspieler Kenan Karaman (Mitte) vergaben gegen den FCS zu viele Torchancen. FOTO: dpa / Oliver Dietze