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FC Bayern unter den besten Vier

Arturo Vidal formt mit seinen Händen ein Herz. Gerade hat er das 1:1 für den FC Bayern in Lissabon erzielt. Foto: lopes/dpa
Arturo Vidal formt mit seinen Händen ein Herz. Gerade hat er das 1:1 für den FC Bayern in Lissabon erzielt. Foto: lopes/dpa FOTO: lopes/dpa
Lissabon. Der FC Bayern München steht zum fünften Mal in Folge im Halbfinale der Fußball-Champions-League. Gestern Abend reichte dem deutschen Rekordmeister bei Benfica Lissabon ein 2:2, um den Einzug ins Halbfinale klarzumachen. Marco Mader,Jens Diestelkamp (sid)

Bayern München hat sich nach einer etwas wackligen Vorstellung im Hexenkessel von Lissabon zum fünften Mal nacheinander ins Halbfinale der Champions League gezittert und darf weiter vom Triple träumen. Vor den Augen des mitgereisten Edelfans Uli Hoeneß erkämpften sich die Bayern ein 2:2 (1:1) im Viertelfinal-Rückspiel beim portugiesischen Meister Benfica Lissabon .

Die Mannschaft von Trainer Pep Guardiola trennen damit nur noch zwei Schritte vom großen Finale in Mailand. Dort gelang 2001 der vierte von inzwischen fünf Siegen in der Königsklasse. Doch wenn am 28. Mai Titel Nummer sechs folgen soll, brauchen die Münchner eine gehörige Leistungssteigerung. Die Halbfinalspiele steigen am 26./27. April und 3./4. Mai, Bayerns Gegner wird bei der Auslosung am Freitag (11.30/Eurosport und Sky) ermittelt.

Nach dem Führungstreffer Benficas durch Raul Jimenez (27.) schienen die Bayern kurz zu taumeln, doch der überragenden "Krieger" Arturo Vidal (38.) sorgte mit einem fulminanten Schuss mit dem Spann für den Ausgleich. Thomas Müller (52.) ließ die etwa 4000 mitgereisten Bayern-Fans in der portugiesischen Hauptstadt jubeln, ehe ein herrlicher Freistoß von Anderson Talisca (76.) noch einmal für Spannung sorgte.

Letztlich reichte das 1:0 aus dem Hinspiel vor einer Woche aber zum Weiterkommen. Guardiola steht damit in seiner siebten Saison als Trainer in der Königsklasse auch zum siebten Mal im Halbfinale - in den vergangenen zwei Jahren war dort mit den Bayern aber jeweils Endstation.

Vor dem Spiel kreiste Benfica-Adler Vitoria (Sieg) über dem Estadio da Luz, und 63 235 heißblütige Portugiesen verwandelten das feuerrote Rund darauf in das versprochene "Inferno". Doch die Bayern, die überraschend ohne den Gelb vorbelasteten Topstürmer Robert Lewandowski , der Medienberichten zufolge in einen leichten Verkehrsunfall verwickelt gewesen sein soll, begannen, bewahrten in der aufgeheizten Atmosphäre zunächst kühlen Kopf.

Trainer Guardiola setzte auf defensive Stabilität. In seinem 4-1-4-1-System fehlte im Vergleich zum Hinspiel neben Lewandowski auch Juan Bernat. Dafür begannen Javi Martinez im Abwehrzentrum und "Sechser" Xabi Alonso , der das Spiel mit seinen Präzisionspässen immer wieder zu verlagern suchte.

Benfica tat sich ohne den gesperrten Toptorjäger Jonas und den verletzten Regisseur Nicolas Gaitan schwer. Meist ging der Ball schon im Aufbau verloren, wo die Bayern aggressiv störten. Auch bei langen Bällen auf den großen Angreifer Jimenez waren Martinez und Co. da - bis sich Neuer verschätzte. Der Torwart segelte am Ball vorbei, Jimenez setzte sich gegen David Alaba und Martinez durch und köpfte zur Führung ein.

Kurz darauf bügelte Neuer seinen Fehler wieder aus, als er die Bayern gegen Jimenez vor dem 0:2 bewahrte (30.). Vidal nutzte dann einen Abpraller zum 1:1 und hatte kurz vor dem Halbzeitpfiff sogar die Chance zum 2:1 (45.).

In der zweiten Halbzeit erhöhten die Bayern den Druck, Müllers Treffer im Anschluss an einen Eckstoß von Alonso wirkte wie ein Befreiungsschlag. In der Schlussphase hatte Martinez viel Glück, dass Schiedsrichter Björn Kuipers ein heftiges Einsteigen des Spaniers kurz vor der Strafraumgrenze nur mit Gelb ahndete (74.) - Rot wäre die richtige Wahl gewesen. Talisca versenkte den fälligen Freistoß sehenswert im Winkel. Klaus Allofs versuchte sich nach Cristiano Ronaldos Lehrstunde als Aufbau-Helfer für die am Boden zerstörten Profis des VfL Wolfsburg . Gut gelaunt lobte der Sportchef das Team für seinen Gesamtauftritt in der Champions League . Doch schwante auch Allofs, dass es in der nächsten Saison womöglich gar nichts mit einem Auftritt in Europa wird. "Jetzt ist es wie bei Mensch-ärger-dich-nicht: Einmal aussetzen, dann geht's weiter", sagte er.

Allofs bot nach einem denkwürdigen Abend mit der 0:3-Niederlage im Viertelfinal-Rückspiel bei Real Madrid den Gegenpart zu seinen Spielern. Etliche Profis waren nicht mal in der Lage, das Erlebte und Ronaldos Drei-Tore-Gala in Worte zu fassen. Allen voran Maximilian Arnold. Das Kinn bebte und die Lippen zitterten, als der 21-Jährige sein Fazit formulierte: "Wir sind ausgeschieden. Da können wir nicht sagen, dass das klasse war."

Der Mittelfeldspieler musste sich zusammenreißen, um nicht völlig von seinen Gefühlen übermannt zu werden. Er gab sich eine Mitschuld an der Niederlage und dem Aus wegen seines Fehlers vor dem frühen 0:1 (16. Minute). Nach dem überraschenden 2:0 im Hinspiel hatte das Team doch fest an die historische Chance auf das erste Champions-League-Halbfinale geglaubt. Umso größer war der Frust.

Allofs stellte dem aber die Leistungen bis dahin entgegen. "Wir können unheimlich stolz sein über die Art und Weise, wie wir diese Champions League gespielt haben. Auch heute, trotz der 0:3-Niederlage, bin ich nicht unzufrieden", sagte er. Auch VfL-Trainer Dieter Hecking betonte: "Wir haben eine fantastische Champions-League-Saison gespielt und haben uns auch heute im Rahmen unserer Möglichkeiten sehr gut bewegt." Das Kalkül von Allofs und Hecking ist klar: Angesichts des fürchterlichen emotionalen Zustands, in dem die Mannschaft um 3.43 Uhr gestern in Braunschweig landete, muss sie schnell wieder aufgerichtet werden.

"Wir müssen den Kopf hochnehmen. Das ist die nächste Herausforderung, die diese Mannschaft bewältigen muss. Das wird nicht einfach", meinte Hecking, der in Bezug auf die Liga davon sprach, "vielleicht doch noch mal die Wende" zu schaffen. Am Samstag in Bremen soll der Grundstein dafür gelegt werden, den Sechs-Punkte-Rückstand auf die Europa-League-Plätze aufzuholen. Nach den Erkenntnissen aus Madrid scheint das kaum möglich. Zu entlarvend waren die Aussagen der Spieler. "Wir müssen sehen, dass wir in den restlichen Spielen das Maximum herausholen", meinte Kapitän Diego Benaglio. Wehmütig blickte er aber zurück auf das Bernabeu-Stadion. "Wir müssen alles daran setzen, so schnell wie möglich wieder hierhin zu kommen."

Wie alle anderen VfL-Profis nahm Benaglio die verpasste Qualifikation für Europa bereits als gegeben hin: "Nächste Saison wird es wohl nicht klappen."

Die Wolfsburger Bas Dost (li.) und André Schürrle haben nach der Niederlage in Madrid Gesprächsbedarf. Foto: dpa
Die Wolfsburger Bas Dost (li.) und André Schürrle haben nach der Niederlage in Madrid Gesprächsbedarf. Foto: dpa FOTO: dpa