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Boxer stirbt an Unfall
„Rockys“ Leben auf der Achterbahn endet tragisch

1995 forderte Graciano Rocchigiani (links) in der Dortmunder Westfalenhalle Weltmeister Henry Maske heraus. Am Ende siegte Maske nach Punkten und behielt seinen WM-Gürtel des Verbandes IBF.
1995 forderte Graciano Rocchigiani (links) in der Dortmunder Westfalenhalle Weltmeister Henry Maske heraus. Am Ende siegte Maske nach Punkten und behielt seinen WM-Gürtel des Verbandes IBF. FOTO: dpa / Franz-Peter Tschauner
Berlin/Rom. Er war Millionär, lebte von Hartz IV, saß im Gefängnis und war Liebling der Massen. Ex-Boxer Graciano Rocchigiani starb jetzt mit 54 Jahren. sid

Im schummrigen Keller der Ritze war Rocky wieder in seinem Element. Rote Shorts, schwarze Handschuhe, Schweiß und harte Schläge – Graciano Rocchigiani tat, was er am besten konnte. Boxen. Nicht so hart wie in alten Zeiten, doch wie immer sorgte er für eine gute Show. Im Sommer stieg Rocchigiani für den Dreh eines Musikvideos in der berühmten Boxerkneipe auf der Reeperbahn noch einmal in den Ring. Rau und anrüchig ist es auf St. Pauli, und vielleicht ließ sich der frühere Weltmeister deshalb darauf ein. Es passte.

„Ganz egal, wie hart ich falle, ich stehe immer wieder auf“, heißt es in dem Song, für den Rocchigiani vor der Kamera stand. Er hat diese Zeile stets mit Leben gefüllt. Ungeschliffen war das Leben Rocchigianis, das am Montagabend bei einem Autounfall nach nur 54 Jahren ein tragisches Ende fand.

Ungeschliffen war seine Berliner Schnauze, ungeschliffen sein Auftreten. Das brachte dem Sohn eines sardischen Eisenbiegers Kritik ein, aber auch Bewunderung und Anerkennung. Er war erfolgreich, 1988 stieg er zum dritten deutschen Boxweltmeister auf. Der Box-Hype nach der Wende war seine Chance. Rocchigiani prägte die Ära in den 90er Jahren mit, er war dabei der krasse Gegenentwurf zum „Gentleman“ Henry Maske. „Man glaubt es nicht, mir ist ganz schaurig“, sagte Maske. Ähnlich erging es anderen Wegbegleitern. „Es ist ein unheimlicher Schlag. Ich habe die Nachricht mit Schrecken aufgenommen, Rocky war ein Original“, sagte Trainerlegende Ulli Wegner.



Der Unfall geschah in der Nähe von Catania auf Sizilien. Dort soll seine italienische Freundin gewohnt haben. Rocchigiani soll am Montagabend im Dunkeln zu Fuß am Rand einer vierspurigen Schnellstraße unterwegs gewesen sein und habe diese überqueren wollen, als er um 23.30 Uhr von einem Smart erfasst wurde. Am Steuer saß laut Polizeibericht ein 29-Jähriger. Der Aufprall war so heftig, dass die Windschutzscheibe des Kleinwagens durchschlagen wurde. „Rocky“ war wohl auf der Stelle tot. Der Fahrer aus Catania soll laut Polizeikreisen weder alkoholisiert gewesen noch unter dem Einfluss von Drogen gestanden oder gegen die Verkehrsregeln verstoßen haben. Laut Augenzeugenberichten soll Rocchigiani unter Alkoholeinfluss gestanden haben.

Es sei „erschütternd“ und „bewegend“, dass er so habe gehen müssen, sagte Maske mit tränenerstickter Stimme. Rocchigiani hatte Maske wie auch später Dariusz Michalczewski am Rande einer Niederlage. Beide Male verlor er umstritten. Die Rückkämpfe gab er klar ab. „Er war immer der harte Hund – und dann so etwas“, sagte Michalczewski.

In geraden Bahnen verlief sein Leben selten. Rocchigiani führte ein medial begleitetes Leben in Saus und Braus. Der Sohn eines sardischen Eisenbiegers scheffelte Millionen, verprasste alles, stürzte ab und lebte lange von Hartz IV.

„In der Vergangenheit habe ich mich oft wie auf einer Achterbahn gefühlt. Für kurze Zeit ganz oben, als strahlender Sieger, und dann plötzlich wieder ganz unten, am Boden zerstört. Einmal fand ich mich im Straßengraben wieder und dreimal auch im Knast“, sagte der Bad Boy des deutschen Boxsports einmal.

Das ganze Drama seines Lebens wurde deutlich, als Ex-Ehefrau Christine ihre Autobiografie („K.o. nach zwölf Runden“) vor einigen Jahren veröffentlicht hatte. Drogen, Prostituierte, häusliche Gewalt, Knast, Scheidung – Rocchigiani ließ keinen Skandal aus. Mehrmals musste der Mann aus Berlin-Schöneberg hinter Gitter – unter anderem wegen Körperverletzung, Sachbeschädigung oder wiederholten Fahrens ohne Fahrerlaubnis.

Die Ehefrau war auch dabei, als Rocchigiani einen der spektakulärsten Prozesse in der Geschichte des Profiboxens führte – und gewann. Am 22. März 1998 hatte sich der Rechtsausleger vor 9000 Zuschauern in der Berliner Max-Schmeling-Halle durch einen Sieg gegen den Amerikaner Michael Nunn den WM-Titel der WBC im Halbschwergewicht gesichert. Als erster deutscher Boxer widerlegte er das Motto „They never come back“ und wurde zum zweiten Mal in seiner Karriere Champion.

Vier Monate später sorgte das World Boxing Council (WBC) für einen Eklat. Der Verband ernannte plötzlich den Amerikaner Roy Jones zum neuen Champion. Rocchigiani fühlte sich bestohlen und zog in den USA vor Gericht. Am Ende wurden ihm 31 Millionen Dollar Schadenersatz zugesprochen. Dem WBC drohte der Konkurs, 2004 ging Rocchigiani auf ein Vergleichsangebot ein und bekam 4,5 Millionen Dollar. Es dauerte aber nicht lange, da war auch diese Summe durchgebracht.

Auch zuletzt stand „Rocky“ bei Box-Profikämpfen am Ringrand im Rampenlicht.
Auch zuletzt stand „Rocky“ bei Box-Profikämpfen am Ringrand im Rampenlicht. FOTO: dpa / Arno Burgi