| 22:50 Uhr

Fußball
Stimmungs-Boykott statt großer Party

 Dirk Zingler, der Präsident des Bundesliga-Aufsteigers Union Berlin, unterstützt die geplante Protest-Aktion der Fans an diesem Sonntag, auch wenn es das erste Bundesliga-Heimspiel der Vereinsgeschichte betrifft.
Dirk Zingler, der Präsident des Bundesliga-Aufsteigers Union Berlin, unterstützt die geplante Protest-Aktion der Fans an diesem Sonntag, auch wenn es das erste Bundesliga-Heimspiel der Vereinsgeschichte betrifft. FOTO: dpa / Annegret Hilse
Berlin. Aufsteiger Union Berlin spielt zum Saisonstart gegen RB Leipzig. Und die Fans wollen aus Protest erst mal schweigen. sid

Nur zu gerne hätte Union Berlin eine wilde Premieren-Party gefeiert, doch der ungebetene Gast erweist sich als Stimmungs-Killer. Weil der Aufsteiger zum ersten Bundesliga-Spiel der Vereinsgeschichte an diesem Sonntag (18 Uhr/Sky) ausgerechnet gegen Konzern-Club RB Leipzig antritt, wollen die organisierten Fans in der Anfangs-Viertelstunde aus Protest schweigen.

Mit dem Stimmungsboykott gegen „einen der größten Feinde unserer Werte“ schaden die Anhänger aber auch sich selbst und ihrem Team. Im Club ist man wegen der Aktion gespalten. „Es schmerzt, das erste Bundesliga-Spiel unseres Vereins in einem solchen Rahmen begehen zu müssen. Und doch liegt hier die große Chance zu beweisen, dass wir genau deshalb ein Gewinn für die Bundesliga sind – weil wir bereit sind, für unsere Werte und unsere Art der Vereinskultur zu kämpfen und Opfer zu bringen“, schrieb die Ultra-Gruppierung „Wuhlesyndikat 2002“ als Initiator des Protests auf ihrer Internetseite. Zugleich warf sie die Frage auf: „Jubeln und feiern wir alle Kritiken und Proteste der Vergangenheit weg, jetzt wo wir ‚oben‘ und Teil des Ganzen sind?“

Die Antwort der Ultras lautet nein, und Union-Präsident Dirk Zingler ist damit völlig einverstanden. „Wir haben gegen Leipzig klar Position bezogen in der 2. Liga, und ich halte es für sehr ehrlich, das auch in der 1. Liga zu tun“, sagte Zingler. Die Fans hätten „den Verein auf ihrer Seite“.



Es gibt aber auch Kritik – sogar aus der Mannschaft heraus. Der geplante Boykott in den ersten 15 Minuten sei „nicht gut für uns Spieler“, schrieb Torhüter Rafal Gikiewicz in einer Instagram-Nachricht an die Anhänger: „Wir Spieler, zusammen mit euch Fans, müssen unserem Gegner zeigen, dass das unser Platz ist, unser Haus. Sie müssen spüren: Welcome to Hell.“ Willkommen in der Hölle. Doch die Hölle schweigt.

Auf die besondere Atmosphäre im Stadion An der Alten Försterei ist Außenseiter Union im harten Überlebenskampf der Bundesliga zwingend angewiesen, auch deshalb überkommt Trainer Urs Fischer ein „komisches Gefühl“, wenn er an die zu erwartende Geisterstimmung gegen Leipzig denkt. „Normalerweise ist das Stadion ein Tollhaus“, weiß der Schweizer.

Viel Verständnis für die Fans bringt Neven Subotic auf, der frühere Profi von Borussia Dortmund findet selbst, dass „diese Kapitalentwicklung nicht unbedingt förderlich für den Fußball“ sei. Deshalb unterstützt der Innenverteidiger die Aktion, auch wenn sie im schlimmsten Fall Punkte kosten könnte. „Ein Protest, der nicht wehtut, ist ein Luxus-Protest“, meint Subotic: „Wir zahlen den Preis, die Fans zahlen den Preis – und der ist hoch.“

Die Fans werden ihren Stimmungsboykott mit einer „optischen Aktion“ flankieren. Sie wollen nicht akzeptieren, „dass RB scheinbar auch in Teilen unserer Fanszene ein Stück weit angekommen ist, ebenso in natürlich größerem Maße in der allgemeinen Öffentlichkeit“. Doch Club-Boss Zingler warnte zugleich davor, Union Berlin als absoluten Gegenpart von RB aufzubauen: „Wir sollten darauf achten, dass uns von außen kein Heiligenschein aufgesetzt wird.“ Man sei „nicht wirklich so viel anders als andere Profivereine“.