| 22:40 Uhr

Fußball
Favre und die fehlenden Prozente

 Dortmunds Trainer Lucien Favre steht vor dem Duell mit seinem Ex-Verein Borussia Mönchengladbach (2011 bis 2015) besonders im Fokus.
Dortmunds Trainer Lucien Favre steht vor dem Duell mit seinem Ex-Verein Borussia Mönchengladbach (2011 bis 2015) besonders im Fokus. FOTO: dpa / Bernd Thissen
Dortmund. Fußball-Bundesligist Borussia Dortmund schwächelt – und steht jetzt vor einer Ballung von Topspielen in 21 Tagen. sid

Lucien Favre knetet angestrengt seine Finger, seine Botschaft spricht er laut und klar. „Wir wollen unbedingt, unbedingt gewinnen“, sagt er mit Nachdruck. Erst danach kehrt während der Pressekonferenz vor dem Wiedersehen mit dem Spitzenreiter Borussia Mönchengladbach sein freundliches Lächeln zurück.

Die Diskussionen, die Kritik, die leidige Mentalitätsdebatte nach einer Serie enttäuschender Spiele hat der Trainer von Borussia Dortmund selbstverständlich mitbekommen. Aber was hilft’s? „Ich habe keine Wahl“, sagt der Schweizer: „Ich weiß, wie das Geschäft läuft. Ich bin schon sehr lange in der Branche. Das ist leider so, heutzutage.“ Und dann ergänzt er kämpferisch: „Aber ich mache weiter.“

Viel Zeit zum Nachdenken bleibt ihm jedenfalls nicht – denn es folgt eine gewaltige „Ballung von Topspielen“, wie Sportdirektor Michael Zorc das anstehende Hammerprogramm nennt. Gladbach, Inter Mailand, das Revierderby auf Schalke, erneut Gladbach im DFB-Pokal, dann der noch ungeschlagene VfL Wolfsburg, wieder Inter, das Spiel beim FC Bayern – der BVB wird innerhalb von 21 Tagen förmlich überrollt. „Wir gehen das von Spiel zu Spiel an“, sagt Favre und lacht.



Umso wichtiger wird es sein, seinen Spielern eindringlichst zu vermitteln, was jüngst schon Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke gefordert hat: Siege schlagen Zauberei. Drecksarbeit geht vor Schönspielerei. „Langfristig musst du gut spielen“, betont Favre, der von seiner Philosophie nicht abrücken will: „Aber manchmal müssen wir realistischer sein.“

Die Realität traf den BVB zuletzt sehr hart. Drei Mal in Serie hat die Borussia in der Liga 2:2 gespielt. In der Rechnung eines Titelanwärters, der offensiv den Anspruch erhebt, Meister zu werden, sind drei statt neun eben sechs verlorene Punkte. Drei Mal verspielte der BVB eine Führung, zwei Mal sogar durch ein spätes Eigentor. „Es lief auch vieles sehr unglücklich“, sagt Zorc bei der Analyse nachsichtig.

Dennoch haben Sportdirektor und Trainer (sie hatten sich vorher ganz offensichtlich abgesprochen) eine gewisse Schludrigkeit ausgemacht. „Fünf bis zehn Prozent“ hätten zuletzt häufig gefehlt, „nicht viel“, wie Favre betont, aber eben der Unterschied zwischen Unentschieden und Sieg, zwischen einem Punkt und deren drei. Zorc fordert sie ebenfalls ein, diese „fünf, sieben, zehn Prozent Konzentration und Konsequenz. Da waren wir zuletzt nicht immer top.“

Marco Rose, so sagt er es zumindest – womöglich aus taktischer Erwägung –, kann beim Rivalen „keine Krise“ erkennen. „Sie hätten alle ihre Spiele auch gewinnen können“, findet der Gladbacher Trainer. Allerdings ist es ja genau das, was den Gegner so quält – auch Lucien Favre.

Das Spiel zuletzt beim SC Freiburg (es endete durch ein spätes Gegentor 2:2) hat sich der BVB-Trainer noch einmal in Gänze angetan und eine Erkenntnis gewonnen. „Es war Platz für mehr Tore von uns“ da, sagt er. Eigentlich beruhigend. Nur: Sie wurden nicht erzielt. Auch deshalb sind an der Tabelle derzeit sieben Plätze und vier Punkte Differenz zur anderen Borussia abzulesen.

Diese wiederum ist bemüht, den Ball flach zu halten: Es wurde schließlich noch kein Meister im Oktober gekürt. „Wir haben wohl ein paar Dinge richtig gemacht, das sollte uns ein gutes Gefühl geben“, sagt Rose. Sportdirektor Max Eberl sieht nach sieben Spieltagen ohnehin keinen Trend. „In der vergangenen Saison hatten die Bayern auch ihre Herbstkrise“, betont er. Und sie kamen zurück – zum Leidwesen von Lucien Favre, dessen BVB einen großen Vorsprung und den fast schon greifbaren Titel noch verspielte.