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Fußball-Bundesliga
Mit Klinsmann beginnt eine neue Ära

 Im strömenden Regen beobachtet Jürgen Klinsmann das Training seiner neuen Mannschaft. Der Ex-Bundestrainer gibt bei Hertha BSC ein brutales Tempo vor. Die Ziele des Vereins sind erkennbar ambitioniert.
Im strömenden Regen beobachtet Jürgen Klinsmann das Training seiner neuen Mannschaft. Der Ex-Bundestrainer gibt bei Hertha BSC ein brutales Tempo vor. Die Ziele des Vereins sind erkennbar ambitioniert. FOTO: dpa / Britta Pedersen
Berlin. Das spontane Engagement des Ex-Bundestrainers ist ein Signal für die Zukunft des Bundesligisten Hertha BSC. sid

Nach dem riesigen Medientrubel bei seiner Vorstellung schottete sich Jürgen Klinsmann erst einmal ab. Der von Hertha BSC fast wie ein Messias empfangene Cheftrainer hielt am Donnerstag hinter verschlossenen Türen ein Geheimtraining ab, um dem arg in Schieflage geratenen Fußball-Bundesligisten neues Leben einzuhauchen. Ungewohnt ist die Rolle des „Feuerwehrmannes“ für den früheren Bundestrainer zwar, aber es scheint ohnehin nur der Beginn einer neuen Ära beim Hauptstadt-Club zu sein. Einer Ära, die Klinsmann ganz wesentlich prägen soll – ungeachtet seiner genauen Funktion.

„Wichtig ist, dass wir Selbstvertrauen aufbauen und dass die Spieler sich gegenseitig stützen und füreinander da sind. Gemeinsam mit dem Publikum kommen wir raus aus der Situation – ein Schritt nach dem anderen“, hatte Klinsmann nach seiner ersten öffentlichen Trainingseinheit gesagt.

Es lohnt sich, auf die Untertöne zu achten: Die Misere des derzeitigen Tabellen-15. sieht der Wahl-Kalifornier nur als Phase, schon seine Premiere an diesem Samstag (15.30 Uhr/Sky) gegen den ebenfalls angeschlagenen Vizemeister Borussia Dortmund soll die Wende einleiten. Denn Abstiegskampf ist nicht der Anspruch der „neuen“ Hertha. „Die meisten Spieler kenne ich ja. Ich kenne auch das Potenzial. Ich weiß um das ganze Talent, das da ist. Die Spieler hören unglaublich gut zu. Sie wollen ja, sie wollten auch davor. Nur die Ergebnisse haben eben nicht so gestimmt“, sagte Klinsmann.



Der Schritt vom glücklosen Vorgänger Ante Covic (zuletzt vier Niederlagen in Serie) hin zu Klinsmann wird von Beobachtern teils als Anfang einer „Machtübernahme“ im Club durch Geldgeber Lars Windhorst gewertet. Schließlich berät Klinsmann Windhorst, der 224 Millionen Euro in Hertha investierte, in sportlichen Dingen und wurde von ihm als einer von vier Aufsichtsräten mitgebracht. Der Verein sträubt sich gegen eine solche Sichtweise – allen voran Geschäftsführer Michael Preetz: „Es gibt keine Machtübernahme, sondern ein Miteinander.“

Darüber hinaus seien die Berliner gerade noch dabei, die Zusammenarbeit mit Windhorst genauer zu definieren, so Preetz: „Wir sind in der Sondierungsphase.“ Der Investor jedenfalls war von der Personalie Klinsmann äußerst angetan. Wie er der Bild sagte, sei die Verpflichtung des ehemaligen Weltklasse-Stürmers ein „tolles Signal mit Aufbruchstimmung“.

Eine Äußerung wie diese tätigt ein Geschäftsmann wie Windhorst nicht aus dem Bauch heraus. Er verspricht sich von Klinsmann den Wandel, für den der 1990-Weltmeister bei all seinen Stationen – mal mehr, mal weniger erfolgreich – stand. „Wie schaffen wir es, Hertha BSC weiter nach oben zu entwickeln?“, sei laut Preetz die Frage, die über der Zusammenarbeit mit dem Gespann Windhorst/Klinsmann stehe.

Der neue Coach legte gleich ein gutes Tempo vor. Das Trainerteam tauschte er komplett aus, für den ehemaligen Nationalspieler Arne Friedrich, der von 2002 bis 2010 insgesamt 231 Spiele für die Hertha absolvierte, wurde mit der Position des „Performance-Managers“ gar eine völlig neue Stelle geschaffen. Als Co-Trainer kamen der frühere Bremer Bundesliga-Trainer Alexander Nouri und Ex-Profi Markus Feldhoff dazu, als Torwarttrainer wurde Bundestorwarttrainer Andreas Köpke bis Jahresende engagiert und vom DFB entsprechend freigestellt.

Höchstwahrscheinlich ist, dass Klinsmann in dem Tempo weitermacht und auch ab der kommenden Saison, wenn er wieder „nur“ Aufsichtsrat ist, erheblich im sportlichen Bereich mitmischt, die neue Ära in Berlin gestaltet. Alles andere wäre sehr verwunderlich.