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Fußball
Klinsmann hat die Lizenz zum Umkrempeln

  Jürgen Klinsmann (3.v.links) inmitten seiner Spieler: Die nötige Lizenz, die Mannschaft trainieren zu dürfen, kann er dem DFB momentan nicht vorlegen. Doch auch ohne das Testat hat er die Hertha im Abstiegskampf stabilisiert.
Jürgen Klinsmann (3.v.links) inmitten seiner Spieler: Die nötige Lizenz, die Mannschaft trainieren zu dürfen, kann er dem DFB momentan nicht vorlegen. Doch auch ohne das Testat hat er die Hertha im Abstiegskampf stabilisiert. FOTO: dpa / Andreas Gora
Berlin. Einst scheiterte der Trainer bei Bayern München. Zum Rückrundenstart trifft er am Sonntag mit Hertha BSC auf seinen Ex-Club. sid

Jürgen Klinsmann stand mit verschränkten Armen am Rande des Trainingsplatzes und fachsimpelte mit dem prominenten Besucher. Ob der Cheftrainer von Bundesligist Hertha BSC mit Bundestorwarttrainer Andreas Köpke über die Irritation um seine Trainer-Lizenz, die ambitionierten Ziele oder einfach nur den bevorstehenden Rückrundenauftakt gegen seinen Ex-Club Bayern München an diesem Sonntag (15.30 Uhr/Sky) diskutierte, ließ sich nur erahnen.

Lösungen für Klinsmanns derzeit dringlichstes Problem hatte Köpke wohl nicht parat. Der 55-jährige Klinsmann kann der Deutschen Fußball Liga derzeit keine gültige Trainer-Lizenz vorlegen. „Die liegt irgendwo in meinem Häuschen in Kalifornien in irgendeiner Schublade. Die werden wir schon wiederfinden“, sagte Klinsmann am Mittwoch. Er stehe wegen des Problems in Kontakt mit dem Deutschen Fußball-Bund. „Die Dinge, die der DFB an Informationen braucht, habe ich ihm schon zugemailt. Es hat alles seine Ordnung, es ist gar kein Problem“, versicherte Klinsmann.

Ausbremsen ließ sich der frühere Welt- und Europameister bei der Arbeit von dem Ärgernis nicht. Beim Sprinttraining mit Lichtschranke feuerte Klinsmann seine Spieler an, er lachte viel, klatschte motivierend in die Hände. „Gut, Männer. Hier ist eine gute Energie. Toll!“, rief er der Mannschaft am Vormittag zu.



Mit Klinsmann ist ein neuer Geist bei den Berlinern eingezogen. Der ehemalige Bundestrainer ist als großer Reformer angetreten – und die Veränderungen im Verein sind spürbar. Mal sind es seine großspurigen Schwärmereien vom „spannendsten Fußball-Projekt in Europa“, auch die Installation des Ex-Nationalspielers Arne Friedrich als „Performance Manager“ zählt dazu.

Die gesamte Ausrichtung der Blau-Weißen ist eine andere. Den Verdacht des Größenwahns, den Friedrich mit einer Aussage im Trainingslager befeuerte („Wollen uns größenwahnsinnige Ziele stecken“), wies Klinsmann gekonnt von sich: „Bei uns wird sehr realistisch gedacht. Die Realität heute ist: Wir sind im Abstiegskampf.“

Trotzdem propagiert er mit Blick auf die Zukunft den Angriff auf die Champions-League-Plätze genauso offensiv wie die Aussicht auf Mega-Transfers, die dank der Finanzspritze des Investors Lars Windhorst „früher nicht in unserer Kategorie waren“. Große Namen sind aber noch nicht gekommen, einzig Santiago Ascacibar vom Zweitligisten VfB Stuttgart wurde verpflichtet.

Schon einmal hat Klinsmann einen Verein umgekrempelt – damals mit bescheidenem Erfolg. Beim kommenden Gegner Bayern München trat Klinsmann zur Saison 2008/2009 als Macher des Sommermärchens 2006 mit Vorschusslorbeeren an. Er wollte den Club wie zuvor den Deutschen Fußball-Bund (DFB) modernisieren, wirbelte dabei aber so viel Staub auf, dass es den Verantwortlichen um Uli Hoeneß schnell zu bunt wurde. Klinsmann scheiterte in seiner ersten Saison. Über die Buddha-Statuen an der Säbener Straße, die allerdings nicht seine Idee gewesen sein sollen, lästert die Fußball-Nation auch über zehn Jahre später noch.

Ein starker Gegenpol wie in München scheint in Berlin zu fehlen. Klinsmann hat als Trainer und Mitglied des Aufsichtsrats eine enorme Machtfülle. Manager Michael Preetz räumte am Ende des Trainingslagers in Florida zumindest ein, hier und da „ein bisschen auf der Bremse stehen“ zu müssen. Nicht allerdings bei der Suche nach der Lizenz.