| 22:50 Uhr

Fußball
Mit dem Mauerfall bröckelte die Liebe

 Zuschauer aus beiden Teilen Berlins kamen am 27. Januar 1990 ins Olympiastadion zum Freundschaftsspiel zwischen Hertha BSC und Union.
Zuschauer aus beiden Teilen Berlins kamen am 27. Januar 1990 ins Olympiastadion zum Freundschaftsspiel zwischen Hertha BSC und Union. FOTO: dpa / Thomas Wattenberg
Berlin. Die Bundeshauptstadt Berlin fiebert dem ersten Bundesliga-Derby zwischen dem 1. FC Union und Hertha BSC entgegen. sid

Das historische Berliner Stadtderby zwischen Union und Hertha BSC ist für Dirk Zingler ein erbitterter „Fußball-Klassenkampf“, doch früher sah er das noch ganz anders. Als Junge wurde der heutige Union-Präsident einmal mit einem Tadel belegt, weil er mit blauer (!) Farbe folgenden Spruch an die Schulfassade geschmiert hatte: „Hertha und Union – eine Nation.“

Die beiden Hauptstadt-Clubs, die vor dem ersten Bundesliga-Derby an diesem Samstag (18.30 Uhr/Sky) in der Alten Försterei mit ihrer gegenseitigen Abneigung kokettieren, waren einst freundschaftlich verbunden. Als vor 30 Jahren die Mauer fiel, trugen beide Vereine nur zwei Monate später ein Vereinigungsspiel aus. 51 270 Besucher zog es damals zu einem Fußball-Festtag ins Olympiastadion. „Es war arschkalt“, erinnert sich Axel Kruse, der bei Herthas 2:1-Sieg das erste Tor erzielt hatte, „und alle lagen sich in den Armen“.

Diese Bilder wird es am Samstagabend nicht geben. In die Fankurven ist längst starke Abneigung gegen die jeweils anderen Farben eingezogen, mitunter sogar Hass. „Als die Mauer weg war“, sagt Zingler, „bröckelte die Liebe zur unbekannten Geliebten.“



Schon die vier emotional aufgeladenen Duelle zu Zweitliga-Zeiten waren brisant, nun ist die mediale Aufmerksamkeit noch größer. Berlin ist ohne Frage im Derby-Fieber. Beide Vereine haben in der Stadt eine annähernd gleichgroße Fanbasis, ihr Image könnte unterschiedlicher nicht sein: Im Osten die Eisernen, die als möglichst unangepasster Außenseiter das Establishment aufmischen wollen. Im Westen die Alte Dame, die mit Hilfe großer Investoren wie Lars Windhorst zum Europacup-Stammgast aufsteigen will.

Befeuert wird die Rivalität durch Aussagen der Protagonisten. Das Derby stehe „für Rivalität, für Abgrenzung – und für Fußball-Klassenkampf in der Stadt“, sagt Präsident Zingler als Begründung, warum Union gegen Hertha nicht am Tag des 30-jährigen Jubiläums zum Mauerfall spielen wollte: „Ich mag diese politische Überhöhung nicht. Wir haben den Mauerfall den Menschen zu verdanken, die in der DDR so mutig waren, sich gegen das Regime aufzulehnen. Irgendwelchen Clubs oder Fußball-Aktivitäten in Ost und West haben wir den Mauerfall nicht zu verdanken.“ Doch in manchen Aussagen schwingt der politische Rahmen mit. Der damalige Union-Profi Christopher Quiring ätzte schon nach dem verlorenen Derby 2012: „Wenn ich die Wessis jubeln sehe, könnte ich kotzen.“

Vor allem für die jungen Fans in der Kurve sind die Stadtduelle sehr reizvoll. Für die älteren Anhänger sind die „natürlichen Feinde“ aber ganz andere: Der einstige Stasi-Club BFC Dynamo für Union, Tennis Borussia für Hertha. Doch es gab nun schon viele Jahre keine Berührungspunkte mit diesen in den Niederungen des deutschen Fußballs abgestürzten Vereinen.

Vor allem Hertha lechzte nach einem Rivalen, an dem man sein eigenes Profil schärfen kann – und der das riesige Olympiastadion für ein Heimspiel füllt. Schalke 04, der VfL Wolfsburg, RB Leipzig – sie alle taugten nicht so recht als Feindbild. Union Berlin dagegen schon.

Doch die Rivalität muss erst noch wachsen, noch sei sie „auf eine gewisse Art künstlich“, sagt Unions Klub-Chronist Gerald Karpa. Als Union-Trainer Urs Fischer am vergangenen Mittwoch beim Pokalspiel die Hertha im Olympiastadion beobachtete, wurde er von blau-weißen Fans zum Aufstieg beglückwünscht und um Selfies gebeten. So etwas wäre in Wien wenige Tage vor dem Hass-Derby zwischen Rapid und Austria undenkbar, glaubt Christopher Trimmel. Der Union-Kapitän hat als Rapid-Profi hochemotionale Derbys mit Platzsturm und Kabinengang-Schlägerei miterlebt. „Es gibt ein paar Stellen in der Stadt, wenn du da erkannt wirst, ist es besser, wenn du gehst“, sagt Trimmel.

So weit ist es in Berlin noch nicht. Doch von der einstigen Freundschaft von Union und Hertha ist auch nichts mehr zu spüren.