| 22:50 Uhr

Fußball-Bundesliga
Weihnachts-Geschenke für Werners Bilanz

Dortmund. Der Nationalspieler von RB Leipzig hat nach dem irren 3:3 im Bundesliga-Gipfel bei Borussia Dortmund schon 18 Saisontore erzielt. sid

Timo Werner humpelte mit Handy am Ohr vor dem Mannschaftsbus auf und ab, den Mitternachts-Imbiss mümmelte er aus der Styropor-Box. Der Nationalstürmer von Bundesligist RB Leipzig wirkte eher nachdenklich als euphorisch – wohl auch, weil er selbst nicht wusste, wie ihm die Tore in den Schoß gefallen waren. „Bis dahin war es das schlechteste Spiel, das ich für uns gemacht habe“, sagte Werner nach dem verrückten 3:3 (0:2) im Hochgeschwindigkeits-Gipfel bei Borussia Dortmund.

Das sind dann wohl Luxusprobleme. Gleich zwei Mal war Werner Nutznießer eklatanter BVB-Patzer gewesen, 18 Tore aus 16 Bundesliga-Spielen sind nun eine Traumbilanz, die als letzter deutscher Stürmer Gerd Müller 1977 aufzuweisen hatte. Als die Lage aussichtslos schien, verschätzte sich BVB-Torhüter Roman Bürki beim Herauslaufen, weil der Ball auf dem nassen Rasen schneller wurde als gedacht. „Der einsetzende Regen war wohl unser Freund“, sagte Werner, der den Ball aus 30 Metern ins leere Tor geschoben hatte. Das 1:2 nach einem 0:2-Rückstand zur Pause.

Noch kurioser war das nächste Tor, nur wenige Minuten später. Werner war im Abseits stehen geblieben, positiv gesagt lauerte er genau auf das, was dann passierte: Sein Nationalmannschafts-Kollege Julian Brandt spielte ihm unfreiwillig den Ball maßgenau in den Fuß. 2:2. „Zum Glück bist du so faul“, sagte Trainer Julian Nagelsmann zu Werner, auch BVB-Kapitän Marco Reus stichelte lächelnd: „Den macht er nur, weil er zu faul ist, aus dem Abseits herauszulaufen.“ Aber: Er machte ihn, auch wenn es zwei verfrühte Weihnachtsgeschenke waren. Und deswegen kippte das Spiel.



„Julian hatte den Kopf nicht oben – und mich nicht im Blick“, berichtete Werner: „Das waren sehr glückliche Tore.“ Doch auch diese zählen. Bereits zum fünften Mal in dieser Saison traf Werner mindestens doppelt, zudem hat er auch als Vorbereiter (fünf Torvorlagen) seine Qualitäten. „Ich spiele mal auf der Zehn, mal in der Spitze, mal auf der Seite“, betonte er: „Ich spiele ja ganz unterschiedliche Positionen.“

Werners Spiel ist damit um eine Dimension erweitert. Nagelsmann habe ihm vermittelt, „Räume zu sehen und besser zu interpretieren“. Im Schnitt trifft er inzwischen alle 75 Minuten. Und jetzt, im immerhin zehnten Anlauf, sogar erstmals gegen den BVB. Er ist der einzige, der es in der Liga mit Toptorjäger Robert Lewandowski aufnehmen kann.

Das Zwischenziel ist somit in greifbarer Nähe. „Das letzte Spiel gewinnen, dann sind wir Herbstmeister, das ist etwas Besonderes für uns“, sagte Werner. Titelreif allerdings war diese Vorstellung noch nicht. Selbst vom Doppeltorschützen nicht. Aber auch von Borussia Dortmund nicht. Reus und Brandt quälten sich nach dem Spiel mit langen Gesichtern vor die Südtribüne. „Wir könnten uns in den Allerwertesten beißen“, sagte BVB-Kapitän Reus über zwei verschenkte Punkte.

Sebastian Kehl, Leiter der Dortmunder Lizenzspieler-Abteilung, fasste die Stimmung perfekt zusammen. „Wir haben 3:3 verloren“, sagte er. Wie die Dortmunder dem phasenweise überrollten Tabellenführer nach einer annähernd perfekten ersten Halbzeit zwei absurde Tore schenkten, blieb unerklärlich. „Wir haben uns selbst um den Lohn der Arbeit gebracht“, klagte Sportdirektor Michael Zorc: „Das tut weh. Das sind zwei Punkte zu wenig.“

Der Rückstand des BVB auf RB Leipzig beträgt somit weiterhin vier Zähler. „Vier Punkte sind vier Punkte. Das sind zwei Spiele, die wir verlieren müssen und die anderen gewinnen. Alles gut“, sagte Werner. Für den BVB hingegen hätte ein Sieg das ganz heiße Comeback im Titelrennen bedeutet, umso ärgerlicher war das ernüchternde Endergebnis. „Leipzig weiß ja selbst nicht, wie sie an den Punkt gekommen sind“, sagte Zorc: „Wir müssen das jetzt erst mal verdauen.“